Youngster mit Kampfansage an die Kollegen

Kimmich im Merkur-Interview: "Bayern ist reizvoller als England"

+
Joshua Kimmich.

München - Joshua Kimmich spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Thomas Müllers Tipps, den Außerirdischen Sanches, gnadenloses Tennis und Blicke in den Nachbargarten.

Joshua Kimmich (21) hat im Urlaub auf Kreta viel zu verarbeiten gehabt: 36 Mal lief er in seiner ersten Saison für den FC Bayern auf, unerwartet oft, und am Ende spielte er sogar die EM. Im Interview blickt er zurück und erläutert seine nächsten Ziele.

Ihr erstes Jahr bei Bayern lief top. Wird das zweite schwerer, weil Sie Erreichtes verteidigen müssen?

Joshua Kimmich: Die Ansprüche haben sich natürlich verändert. Im letzten Sommer bin ich als Zweitligaspieler angekommen, und jetzt war ich sogar noch bei der EM dabei. Ich vergesse aber nicht, wo ich herkomme: Die Zweite Liga ist für mich noch nicht so weit weg. Klar lief das erste Jahr super, aber in erster Linie ist das ein Antrieb für mich.

Sie sagten im Verlauf der Rückrunde: „Nur, weil ich ein paar Mal gespielt habe, habe ich es noch lange nicht geschafft.“ Wann haben Sie es denn geschafft?

Kimmich: Geschafft hat man es, wenn man zehn bis 15 Jahre auf hohem Niveau spielt und Titel holt. Außerdem sollte man nicht nur Mitläufer sein, das will ich nicht sein, sondern fester Bestandteil. Ich will meinen Beitrag kontinuierlich leisten.

Weiß Carlo Ancelotti eigentlich, welche Position Sie spielen? Unter Pep Guardiola war es unübersichtlich, eigentlich sind Sie ja Sechser.

Kimmich: Ich hoffe doch sehr, dass er es weiß (lacht). Im Training lässt er mich im Mittelfeld spielen.

Sie sagten zwar, lieber spielen Sie rechts hinten als auf der „6“ die fünfte Geige. Aber auf Dauer soll zentral die Musik erklingen?

Kimmich: Ja, den Anspruch habe ich auf Dauer schon, dass ich mich im Mittelfeld durchsetze.

Für den zentralen Bereich kam nun Renato Sanches. Optisch wuchtig, 35 Millionen für einen 18-Jährigen sind eine Marke. Wirkt er wie ein Außerirdischer?

Kimmich: Bisher nicht. Und dass so viel für ihn ausgegeben wurde, dafür kann er nichts. Diese Summen sind inzwischen Wahnsinn. Aber wir Spieler haben da keinen Einfluss und können es einschätzen, beziehungsweise ausblenden. Also, für mich ist er kein Außerirdischer (grinst).

So lange laufen die Verträge der Bayern-Stars

An Thomas Müller imponiert Ihnen seine Denkweise. Was denn genau?

Kimmich: Er sieht immer alles realistisch, sagt immer jedem seine Meinung, auch wenn es vielleicht mal wehtut. Er geht mit dem Finger in die Wunde. Ich krieg’ schon mal einen Spruch von ihm, wenn was nicht passt. Das hilft mir. Und seine Sicht auf den Fußball gefällt mir: Thomas überhöht ihn nicht. Er ist hochprofessionell und weiß, mit dem Geschäft umzugehen.

Beim Golfen, heißt es, hat er Ihnen erst dann Tipps gegeben, als Sie ein gemeinsames Team bildeten.

Kimmich: (lacht) Ja. Wir haben mal im Hotel ein paar Sachen geübt, da war er sehr auf sich fokussiert, er ist da ungemein ehrgeizig. Als wir zwei gegen zwei gegen die Physios gespielt haben, hat er mir geholfen. Er wollte da auch unbedingt gewinnen.

Dieses Unbedingt-Gewinnen-Wollen der Top-Stars in allen Lagen haben Sie bei der EM auch leidvoll beim Tennis gegen Manuel Neuer erfahren: 0:6, 1:6, 0:6.

Kimmich: Das war ungeheuer imponierend, wie ehrgeizig er da war. Er wollte unbedingt 6:0, 6:0, 6:0 gewinnen. Für mich war das bitter, er hat nie locker gelassen. Aber so musst du sein als Sportler – du darfst deinen Gegner nie aufkommen lassen, du musst das gnadenlos zu Ende spielen. Er lässt nie nach, selbst bei so einem Match.

Können Sie das auch: Gnadenlos sein?

Kimmich: Ich denke schon. Es kommt aber auf die Situation an. Beim Tennis mit einem Kumpel würde ich vielleicht eher auch mal etwas ausprobieren. Aber auf dem Fußballplatz nicht.

Während der EM tauften Sie die Medien „kleiner Lahm“. Ein Kompliment – oder will man sich lieber selber einen Namen machen?

Kimmich: Beides ist der Fall. Natürlich ist es ein großes Kompliment, wobei der Vergleich in meinen Augen wenig Sinn macht: Philipp spielt seit über zehn Jahren auf Top-Niveau, ich habe jetzt gerade mal fünf Länderspiele. Philipp ist Weltklasse, da ist der Weg für mich noch weit.

Bei der EM sagten Sie, Sie schauen sich ein paar Lahm-Youtube-Videos an.

Kimmich: Ja, als ich letzte Saison Innenverteidiger gespielt habe, habe ich mir auch mal ein paar Szenen von Jerome Boateng angeschaut. Wenn mir zuhause langweilig ist, kann es vorkommen, dass ich sowas mache. In der Regel über Mittelfeldspieler. Wenn meine Freundin aber zu Besuch ist oder Kumpels da sind, hat Fußball meist Pause.

Stichwort Freizeitverhalten: Wie war das denn für Sie als Jugendlicher? Die Kumpels gingen in die Disco, ins Freibad, hingen mit Mädchen rum – für Sie hieß es hingegen: Früh aufstehen, Abitur, Fußball.

Kimmich: Ich habe das nie als Verzicht gesehen. Mir hat es immer mehr Spaß gemacht, morgens auf dem Fußballplatz als nachts in der Disco zu stehen. Und im Gegensatz zu den anderen Jugendlichen habe ich durch den Fußball viel mehr von der Welt sehen dürfen und viele interessante Menschen kennengelernt. Ich bereue nichts. Der Fußball hat mir viel mehr gegeben als genommen.

Holger Badstuber hat letzte Saison die junge Garde kritisiert: Zu verwöhnt, zu wenig Antrieb – bei ihm oder Thomas Müller sei das anders gewesen. Sie sind mit 21 noch immer sehr jung und haben sich bei Bayerns Profis etabliert. Sind Sie einer vom alten Schlag?

Kimmich: Alter Schlag, ich weiß nicht. Die richtige Einstellung ist aber wichtig. Mit ein paar Spielen Bundesliga oder Champions League kann ich nicht zufrieden sein. Da wäre ich hier fehl am Platz. Ich strebe nach dem Höchsten, bin selten zufrieden.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie mit dieser Einstellung ein Vorbild sein können – auch innerhalb des Klubs?

Kimmich: Innerhalb des Klubs kann ich das schwer beurteilen. Aber als ich jetzt im Urlaub zuhause in Rottweil war und da mal zu unserem Sportplatz bin, sind dort viele Kinder mit einem Kimmich-Trikot herumgelaufen. Für sie bin ich in gewisser Weise wohl ein Vorbild, und das ist ein Ansporn für mich. Ich weiß das ja noch ganz genau, wie ich früher in den Trikots von den Profis rumgelaufen bin. Zu denen schaut man schon auf.

"Lieber früh am Platz als nachts in der Disco"

Welche Trikots trug denn der kleine „Jo“?

Kimmich: Oh, ich hatte viele: Zinedine Zidane, Krassimir Balakow, Alexandar Hleb – mein erstes war von Tomas Rosicky . . .

... damals ein Dortmunder. Vorsicht, Sie sind jetzt ein Bayern-Spieler . . .

Kimmich: ... ja, ich weiß. Ich hab’ das Dress geschenkt bekommen. Mir ging es ja auch immer um die Spieler, das hatte mit den Vereinen nichts zu tun.

Diplomatisch die Kurve gekriegt – auffallend an der Aufzählung ist: Alles zentrale Mittelfeldspieler.

Kimmich: Ja, an denen habe ich mich schon immer orientiert.

Ist das eigentlich ein komisches Gefühl, wenn man selbst noch ein Jungspund ist, die Kinder aber schon im Kimmich-Trikot kicken?

Kimmich: Ja, komisch ist es schon. Aber es freut mich natürlich. Wenn ich in unseren Nachbargarten zuhause schaue, da ist der Kleine gerade im Bambini-Alter und läuft in meinem Trikot rum – da denke ich mir: Jetzt musst du dich anstrengen, damit er das weiter gern anzieht.

Das mit Ihrem Nachbarjungen ist kurios, weil Sie selbst einst mit Ihrem Papa, einem Landesligaspieler, in Ihrem Garten geübt haben.

Kimmich: Wir hatten da irgendwann alles kurz- und kleingeschossen . . .

... dann sagte die Mama: Schluss jetzt!

Kimmich: So ungefähr. Aber meine Eltern besorgten alte E-Junioren-Tore, keine Ahnung woher, die brauchte keiner mehr. Gegenüber war so ein Bauplatz, der wurde unser Bolzplatz.

Da war dann die ganze Nachbarschaft kicken?

Kimmich: Ja, schon vorher bei uns im Garten waren alle dabei. Das waren nicht nur mein Papa und ich. Irgendwann hat der Garten nicht mehr gereicht.

Waren Sie damals der Torjäger? Mittelfeld? Verteidiger? Rechts? Zentral?

Kimmich: Na ja, so genau wird ja auf dem Bolzplatz noch nicht aufgeteilt. Ich war auf jeden Fall mit Abstand der Jüngste.

Lahm hat auf der USA-Reise die Sorge geäußert, den Bayern gingen mittelfristig die Identifikationsfiguren aus. Können Sie diese Lücke mal schließen?

Kimmich: Ich wollte schon in der Jugend immer eine tragende Rolle einnehmen. Eine Identifikationsfigur wirst du aber erst, wenn du über Jahre Leistung bringst. Wie Philipp, Arjen Robben, Franck Ribery, Thomas Müller, Manuel Neuer hier. Klar ist das mein Ziel. Aber im Fußball kannst du der Held sein, und ein halbes Jahr später schon zu den Verlierern zählen. Du musst immer dranbleiben.

Was ist reizvoller: Bayern-Leitfigur werden oder nach England zu gehen?

Kimmich: Bei Bayern eine große Rolle zu spielen. Gar keine Frage. Für mich unbezahlbar. Bayern ist reizvoller als England.

2006 sahen Sie bei der WM das 0:2 gegen Italien als Knirps im Pyjama. 2016 verwandelten Sie beim Sieg im EM-Viertelfinale nun sogar einen Elfmeter. Eine nicht alltägliche Entwicklung . . .

Kimmich: Ich hab’ mir das gedacht, als ich neulich an dem Ort vorbeigefahren bin, an dem ich 2012 mit meinen Kumpels das 0:2 bei der EM gegen Italien verfolgt habe. Dass ich vier Jahre später selbst dabei sein würde, war für mich undenkbar.

Jetzt ist die WM 2018 keineswegs undenkbar.

Kimmich: Nein, ist sie nicht. Ich arbeite auf die WM hin. Wer einmal dabei war, will aus der Nationalelf nie wieder weg.

Um das zu erreichen, muss Ancelotti auf Sie setzen. Guardiola nannte Sie seinen Sohn. Ist der Italiener nun Ihr Großvater?

Kimmich: (lacht) Das weiß ich noch nicht. So eine Beziehung zum Trainer entwickelt sich erst.

WhatsApp-News zum FC Bayern gratis aufs Handy: tz.de bietet einen besonderen Service für FCB-Fans an. Sie bekommen regelmäßig die neuesten Nachrichten zu den Roten direkt per WhatsApp auf Ihr Smartphone. Und das kostenlos: Hier anmelden!

auch interessant

Meistgelesen

Banner in der Südkurve: FCB-Fans protestieren gegen UEFA
Banner in der Südkurve: FCB-Fans protestieren gegen UEFA
Lewys schöner Baby-Torjubel - Müller reißt schon wieder Witze
Lewys schöner Baby-Torjubel - Müller reißt schon wieder Witze
Hummels: „Thiago wie ein freies Radikal“
Hummels: „Thiago wie ein freies Radikal“
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei

Kommentare