Ersastz-Keeper über Adrenalin, Pep, Neuer und Co.

Sven Ulreich im Merkur-Interview: "Ich verstehe dieses Nachtreten nicht"

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"Ich kann noch sechs, sieben Jahre auf hohem Niveau spielen": Ulreichs Vertrag läuft bis 2018 – danach sieht er sich um.

München - Sven Ulreich über Adrenalinspritzen als Nummer 2 des FC Bayern, Manuel Neuers Vorteile als DFB-Kapitän – und sein Münchner Kindl.

Wenn man Ersatztorhüter von Manuel Neuer ist, liegt es in der Natur der Sache, dass man nicht allzu sehr im Rampenlicht steht. Sven Ulreich (28) aber hat durchaus etwas zu erzählen. Über sich, Neuer – und mehr rund um den FC Bayern.

Herr Ulreich, Sie haben vor einem Jahr gesagt, die Nationalmannschaft sei kein Thema mehr für Sie. Lebt es sich in einer Länderspielpause entspannt?

Sven Ulreich: Es ist ruhiger, das merkt man schon auf dem Trainingsplatz. Wiederum mag ich Länderspielpausen sehr gerne, weil man auch gut trainieren kann. Wir haben in den letzten Tagen richtig Gas gegeben.

Sonst aber stehen Sie in der zweiten Reihe. Hat das auch Vorteile? Werden Sie in München erkannt?

Ulreich: Von wenigen Leuten – das ist aber auch ein Vorteil. Ich bewege mich deutlich entspannter als in Stuttgart. Das genieße ich sehr. Das Glockenbachviertel, den Viktualienmarkt – ich mag München und gehe oder radel da gerne durch.

Letztes Jahr um diese Zeit hatten Sie schon Spielpraxis bekommen. Pep Guardiola hat Sie in der ersten DFB-Pokal-Runde eingesetzt. In Jena durften Sie nun nicht ran. Enttäuscht?

Ulreich: Natürlich denkt man vorher daran, vielleicht ein paar Einsatzminuten zu bekommen. Als Nummer zwei freut man sich über jedes Spiel, das man machen darf – weil man weiß, dass man nicht so oft zum Zug kommt. Die Konstellation war jetzt das Problem. Manu ist nach der EM spät aus dem Urlaub gekommen, er hat das Pokalspiel noch als Vorbereitung genutzt. Das war vergangenes Jahr anders. Ich hätte gerne gespielt – aber ich akzeptiere das.

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Ist es besonders frustrierend, Ersatzmann von Neuer zu sein? Er gilt als jemand, der jedes Spiel spielen will.

Ulreich: Es ist hinter ihm schon etwas schwieriger, weil er jedes Spiel machen möchte. Aber ich war in Stuttgart nicht anders. Ich hätte nie von mir aus gesagt: Lass mal den zweiten Mann ran. Deshalb kann ich das voll und ganz nachvollziehen.

Der Patzer gegen Real, den Sie sich auf der USA-Reise geleistet haben, ist der letzte Eindruck von Ihnen. Als Ersatzkeeper hat man kaum Chancen, sowas zu revidieren.

Ulreich: Natürlich wünscht man sich, dass man in der Vorbereitung fehlerfrei bleibt. Aber so etwas passiert. Das nagt jetzt nicht an mir. Ich weiß, was ich kann. Ich habe in der Vorbereitung gute Spiele gemacht – bis auf die eine Situation.

Sie haben mal gesagt, als Sportler wolle man Adrenalin spüren. Wo holen Sie sich Ihr Ersatz-Adrenalin?

Ulreich: Ich fahre gerne Achterbahn – aber da komme ich ja auch selten dazu (lacht). Es ist schon schwieriger, sich Adrenalin-Kicks zu holen, wenn man nicht regelmäßig am Wochenende im Tor steht. Es ist weniger geworden. Aber im Training zum Beispiel gibt es auch solche Situationen, in denen man unbedingt gut aussehen will. Ansonsten beim Putten beim Golf – auch wenn Adrenalin da eigentlich nicht förderlich ist. Aber da ist schon auch die Spannung sehr hoch.

Wo spürt man denn mehr Adrenalin: Wenn Lewandowski aufs Tor läuft? Oder wenn Alaba schießt?

Ulreich: Beides – hier sind so viele Weltklasse-Spieler, da muss man sich in jedem Training enorm konzentrieren. Da merkt man den Unterschied zu anderen Bundesligisten.

Sind Sie ein besserer Torhüter als vor einem Jahr?

Ulreich: Auf jeden Fall. Ich habe in einigen Dingen dazugelernt, im Taktischen, im Spielerischen, im Fußballerischen. Hier wird man einfach mehr gefordert. Das hat mir gutgetan, da nochmal weiterzukommen. Dazu habe ich mir viele torwartspezifische Dinge von Manuel Neuer abgeschaut. Ich will ihn nicht kopieren – das kann ich auch gar nicht. Aber ich glaube schon, dass ich hier im ersten Jahr bei Bayern ein besserer Torwart geworden bin.

Kann man sich von Neuers Coolness etwas abschauen? Oder ist das genau das, was man als Ersatzkeeper nicht verbessern kann?

Ulreich: Doch. Man reift schon. Zu Stuttgarter Zeiten bin ich verbissener ins Spiel gegangen, verkrampfter. Ich war da oft nervöser, als ich hätte sein sollen. Hier habe ich gelernt, ruhig am Ball zu bleiben, nicht hektisch zu werden, meinen Stärken zu vertrauen.

Wie ist Ihr Beitrag zum Erfolg des Teams?

Ulreich: Es ist wichtig, gut zu trainieren, zu zeigen, dass es mir nicht egal ist, wie ich trainiere. Und ich spreche Dinge an, die mir im Spiel auffallen. Die Unterstützung am Spieltag ist auch wichtig. Ich spreche der Mannschaft Mut zu, ich sage, wenn ich etwas sehe, ich kommuniziere mit Manuel Neuer. Ich mache das aus voller Überzeugung. Ich bin da, wenn die anderen mich brauchen.

Waren Sie schon immer ein Lautsprecher?

Ulreich: Nein. Ich kam vom VfB Stuttgart – und plötzlich habe ich hier mit Spielern wie Franck Ribery und Arjen Robben zu tun. Da ist man nicht von vornherein laut. Das kam mit der Zeit. Je mehr ich das taktische Denken verstanden habe, desto mehr habe ich gesprochen. Diese Entwicklung ist nach oben hin offen.

Wie ist es nun auf der Bank? Ruhiger, weil Pep Guardiola nicht mehr da ist?

Ulreich: Pep war schon voll im Spiel drin, Carlo Ancelotti ist eher der ruhigere, sachlichere Typ, ist nicht so gestenreich. Am meisten freut sich wohl der vierte Offizielle, dass es ein bisschen ruhiger geworden ist an der Seitenlinie (lacht).

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Guardiola hat bei seinem letzten Besuch sehr viel mit Ihnen geredet. Was hat er Ihnen denn geflüstert?

Ulreich: Wir haben über seine ersten Eindrücke in Manchester gesprochen. Und er sagte: Es ist gewöhnungsbedürftig, dass es so viel regnet. Das wird hart für ihn, wenn es in England mal Winter wird (lacht).

Wie unterschiedlich sind diese beiden Trainer?

Ulreich: Der Unterschied spiegelt sich auf dem Spielfeld wieder. Pep Guardiola hat Dinge deutlich angesprochen, hat taktische Einheiten oft unterbrochen, wiederholen lassen. Carlo Ancelotti schaut sich das an, aber für ihn ist es auch in Ordnung, wenn die Spieler die Übung eine Nuance anders interpretieren. Da gibt es mehr Freiräume, das ist ein anderes Denken. Bei Pep haben wir Kurzpass gespielt, nun wird mal der Ball in die Tiefe gefordert.

Geht man zu weit, wenn man sagt, da sind „Pep-Fesseln gelöst worden“?

Ulreich: Finde ich schon. Man muss sehen, auf was für eine Stufe Pep Guardiola die Bayern gehoben hat. Es ist nicht gerechtfertigt, so etwas zu sagen. Natürlich bringt Carlo Ancelotti viel Lockerheit rein, das tut dem einen oder anderen Spieler gut. Aber trotzdem hatten wir keine Fesseln. Ich verstehe auch dieses Nachtreten nicht. Pep hat jeden Spieler hier auf ein neues Level gehoben. Das gehört sich nicht, egal von welcher Seite es kommt, weil es eine erfolgreiche Zeit mit Pep war.

Es heißt, Carlo Ancelotti sei jemand, der auch neben dem Platz mehr Freiräume lässt. Was sind Ihre Sünden, denen Sie nun nachgehen?

Ulreich: Ich spiele gerne Golf – das ist keine Sünde. Eher Schokolade, Süßspeisen. Wobei ich eher versuche, das zu reduzieren.

Waren Sie eigentlich schon immer Torhüter? Auf Asche und Bolzplatz?

Ich habe alles durchgemacht. In meiner Jugend gab es noch Plätze mit roter Erde. Schule, Hausaufgaben, Bolzplatz – so lief jeder Tag ab. Meistens habe ich damals tatsächlich noch im Feld gespielt, weil ich im Verein schon immer im Tor stand.

Über Neuer sagt man, er könnte im Feld Regionalliga spielen. Und Sie?

Ulreich: Ich müsste mich weiter unten ansiedeln. Oberliga aber würde schon gehen als Feldspieler.

Sie haben mal gesagt „Manu ist einfach Manu“. Wer ist denn Manu?

Ulreich: Er verkörpert das Torwartspiel wie kein anderer. Er hat seine eigene Philosophie, sein eigenes Training, man staunt einfach über ihn. Manchmal weiß ich auch nicht, wie der manche Dinge macht. Das ist Wahnsinn. Und das ist viel Talent in einer guten Mischung aus Fleiß und Akribie.

Wäre er also der richtige DFB-Kapitän? Oder ist es ein Nachteil, wenn der Kapitän im Tor steht?

Ulreich: Nein, das finde ich überhaupt nicht. Diese Diskussion verstehe ich auch nicht. Wie oft passiert es denn, dass ein Trainer mal einen Kapitän an die Seitenlinie ruft? Ich glaube, ein Torhüter sieht sogar mehr als ein Feldspieler, weil er das ganze Spiel vor sich hat, die Lücken und Räume sieht. Für mich wären Manuel Neuer und Jerome Boateng gute Kapitäne. Beide hätten es verdient.

Vergleichen Sie mal das Training mit Manuel Neuer und Jens Lehmann!

Ulreich: Beide sind Weltklasse-Torhüter. Natürlich schaut man sich aber mit 19 Jahren andere Dinge ab als jetzt mit 28. Jens war als Fußballer gut – aber Manu ist jetzt auf höchstem Level. Beide haben mich geprägt.

Lehmann hat gespielt, bis er fast 40 war. Hat man so etwas im Hinterkopf, wenn man mit 27 zu Bayern auf die Bank geht?

Ulreich: Ja. Wenn man gesund bleibt, kann man als Torhüter lange spielen. Ich habe das bewusst gemacht, weil ich nach der Zeit in Stuttgart etwas Neues machen wollte. Aber ich habe mir immer gesagt, dass ich – wenn ich hier zwei, drei Jahre bleibe – immer noch sechs, sieben weitere Jahre auf hohem Niveau spielen kann.

Sie bleiben also nicht über 2018 hinaus?

Ulreich: Ich habe noch zwei Jahre Vertrag. Es muss dann auch das Richtige kommen, weil man hier gute Voraussetzungen hat, sich weiterzuentwickeln.

Gibt es denn einen Jugendtraum? England?

Ulreich: Die englische Liga reizt mich, die war ein Kindheitstraum. Aber die deutsche Liga ist so gut geworden, dass ich mir gut vorstellen kann, für immer in Deutschland zu bleiben.

Wie viel Münchner sind Sie?

Ulreich: Ich fühle mich super wohl hier, gerade an der Isar, im Biergarten, am Tegernsee, mit Hund und Kind. Und mein Kind ist ja auch ein echtes Münchner Kindl, in Harlaching geboren. Ich bin der Stadt also für immer verbunden (lacht).

Können Sie eigentlich Schafkopfen?

Ulreich: Leider nicht. Sonst wäre ich sofort in die Runde eingestiegen, die Claudio Pizarro verlassen hatte. Aber jetzt ist Mats Hummels da drin – die Jungs spielen schon wieder, bis die Finger glühen (lacht).

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