Ein Mann für Schmankerl

Ancelotti: Mehr Teddybär als Maskottchen Berni

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Carlo Ancelotti bei seiner Vorstellung.

Ein Bussi für ein kleines Mädchen im Dirndl, sanfte Töne und deutlich weniger Aufregung als bei Vorgänger Pep Guardiola – so lief der Start von Carlo Ancelotti als Trainer des FC Bayern. Das könnte eine Blaupause für seine gesamte Schaffenszeit werden.

 Hermann Gerland hat beim FC Bayern bereits einiges erlebt. Der „Tiger“ formte Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger zu Weltmeistern, treu arbeitete er dem kauzigen Louis van Gaal ebenso wie dem guten Jupp Heynckes und dem mysteriösen Pep Guardiola zu. Gestern betrat er nun um 16.32 Uhr mit Carlo Ancelotti den Trainingsplatz. Zum Foto mit dem kompletten Trainer-Stab wusste er, was zu tun ist. Er nahm artig die Kappe vom Kopf. Die 1200 Fans applaudierten dem neuen Coach, es verfestigte sich an der Säbener Straße schnell das Bild, dass Ancelotti von Beginn an viel Respekt genießt.

Vermutlich haben sie rund um den FC Bayern, gerade die Fans, in erster Linie genau das gebraucht: Einen weniger entrückten Cheftrainer. Ancelotti brachte die erste Einheit in München auch optisch als krasser Gegenentwurf seines Vorgängers zu: Bewegungsarm, stoisch trotzte er der tropischen Hitze. Um den Hals baumelte eine Stoppuhr. Antiquiert. Aber auch stilvoll. Schon nach einer Stunde und 15 Minuten war Schluss. Es gab keine finale Ansprache, auch Autogramme verkniff er sich. Zumindest in diesem Punkt ist Luft nach oben.

 Ancelotti, 57, Trainerfuchs, wusste genau, was ihn am ersten Tag als Chefcoach des FC Bayern erwartet. Er hat das ja oft erlebt, beim AC Mailand, bei Chelsea, Paris, Real Madrid. Zum Start, sagte der Italiener, läuft es stets so: „Die Spieler erweisen mir Respekt für das, was ich geleistet habe. Danach zählt meine Vergangenheit nichts mehr – sondern sie beobachten mich Tag für Tag mit Argusaugen.“ So, „als müsste man jeden Tag eine Prüfung ablegen“.  Nun, die erste Prüfung, die er gestern Vormittag in München zu meistern hatte, erledigte der Italiener schon mal im Stile eines Trainerfuchses. Eigens für ihn hatte man einen Crashkurs in Brachialbajuwarisierung ersonnen; nach seiner ersten Pressekonferenz wurde er von zünftiger Blasmusik („Defiliermarsch“) auf dem Rasen der Allianz Arena empfangen, zwei Bilderbuchkinder aus dem Katalog „Urlaub am Alpenrand“ händigten ihm eine Lederhose aus, und er lächelte tapfer, staatsmännisch für die Fotografen.

Bilder: Ancelottis erstes Training bei den Bayern

Dass er dann ein paar Momente leicht ratlos dastand und seine neue Tracht studierte, die selbst ihm ein paar Nummern zu groß schien, ist egal: Das Motiv, dass da ein Mann und ein Verein zusammenpassen, war schön fixiert.

So viel Brachialbrauchtum wäre bei ihm wohl auch gar nicht nötig gewesen, eher bei seinem Vorgänger Pep Guardiola, der bis zuletzt wie ein Außerirdischer gewirkt hatte. Ancelotti hingegen ist einer, der sich Zeit nimmt für ein kleines Hallo mit den Knirpsen im Bayern-Dress, die fotogen Spalier stehen, und er ist einer, bei dem es nicht gekünstelt wirkt, wenn er dem Mädchen im Dirndl, das ihm die XXL-Krachlederne überreicht, ein Bussi auf die Stirn drückt. Das arme Ding war etwas verschreckt ob so viel großväterlicher Herzlichkeit, doch wieder wirkte die Szene von einem unkomplizierten Mann ohne Allüren trotzdem lange nach. Paulo Maldini, beim AC Mailand einst ewig Kapitän unter Ancelotti, sagte mal: „Carlo ist wie ein Teddybär.“ Er wirkte gestern tatsächlich weit putziger als der ebenfalls anwesende Bär Berni, Maskottchen von Beruf.

Doch er hat auch Pranken und Tatzen, dieser Bär Ancelotti, sonst wäre Karl-Heinz Rummenigge mit ihm nicht im letzten Herbst in Mailand zusammengesessen. Der Vorstandschef ist kein begnadeter Geschichtenerzähler, die Anekdote der Anwerbung des Italieners gerät daher weniger prätentiös als die von Guardiola in einem New Yorker Nobelhotel. „Ich habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen kann, den FC Bayern zu coachen – und er sagte Ja“, so Rummenigge. „Da war keine große Kommunikation nötig. Bayern wollte Ancelotti, und Ancelotti wollte zu Bayern.“ Das könnte stilbildend werden: Es muss ja nicht immer prätentiös wie mit Guardiola werden. Erfolg trägt auch ab und zu ein schlichtes Gesicht.

So lief Ancelottis erster Tag beim FC Bayern

Ancelottis schlichte Pranken und Tatzen hat Guardiola in seinem ersten Jahr bei Bayern zu spüren bekommen: 0:4 im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid. Vor der Pressekonferenz gestern zeigte ein kurzes Video auch Bilder vom Shakehands der beiden Star-Trainer. Guardiola trägt einen Rollkragenpullover, er sieht alt aus. Ancelotti hingegen vital. Er ist: lebendiger.

 Der Druck, alles gewinnen zu müssen, mache ihm Spaß, erklärte Ancelotti, und der Kader der Bayern sei so gut, da müsse man nichts verändern. Er werde auch am Stil des Doublesiegers kaum herumdoktern: „Ich weiß, der FC Bayern steht für Angriffsfußball – und ich liebe Angriffsfußball.“ Die Identität in München sei momentan eng an Pep Guardiola ausgerichtet: Spielkontrolle durch Ballbesitz. Er persönlich sei nicht darauf fixiert, „aber ich muss darauf achten, eine erfolgreiche Struktur nicht zu destabilisieren“. Er habe es bisher stets gemeistert, einen Übergang hinzubekommen. „Ich bin mir sicher, dass mir das auch bei den Bayern gelingt.“

„Ich bin nicht hier, um eine Revolution durchzuführen“

Seine einführenden Worte sprach er gestern vor rund 80 Journalisten in passablem Deutsch, in der Formulierung seiner Ziele schlug er sanfte Töne an: „Natürlich will ich die Champions League gewinnen. Aber das wollen andere Top-Klubs auch.“ Sehr ehrlich klang seine Liebeserklärung an die Stadt München, die sich ja gerne selbst als nördlichstes Prunkstück Italiens tituliert. Es gebe tatsächlich Parallelen, so Ancelotti, das erleichtere ihm die Eingewöhnungsphase. Auch die Feinkost werde er genießen, er gilt als Gourmet – er, über den es in der internationalen Branche heißt, er sei selber ein Schmankerl aus der Trainer-Feinkostabteilung.

Chris Brady verfasste mit Ancelotti das Buch „Quiet Leadership“, er schreibt: „Unter den aktuellen Spitzentrainern ragt er wegen seines ruhigen Stils heraus.“ Er mache „einen Verein und seine Kultur nicht platt, bevor er weiterzieht, er nimmt, was er vorfindet und (ver)führt es zum Erfolg“. Er sei nicht hier, „um eine Revolution durchzuführen“, sagte der Coach. Ancelottis Führungsstil bedeute, so Brady, „dass der Klub bei seinem Abschied in einem besseren Zustand ist als bei seiner Ankunft. Kann es ein größeres Kompliment für eine Führungskraft geben?“

Die Blasmusik spielte gestern auch noch „Die lustigen Holzhackerbuam“ – ein Motiv, das weniger zum Leitgedanken des FC Bayern taugt. Aber Liedgut mit Witz. Es passte also zu diesem unterhaltsamen Carlo Ancelotti, der womöglich gute Chancen hat, sogar in eine XXL-Lederhose hineinzuwachsen. München würde – analog zum „Tiger“ gestern beim Fototermin – gewiss den Hut ziehen.

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