Nicht die Augen verschließen

Fall Sammer rückt Volkskrankheit in den Fokus

München – Wegen einer Durchblutungsstörung des Gehirns wird Matthias Sammer dem FC Bayern auf unbestimmte Zeit fehlen. Es sind mehr Menschen davon betroffen, als man denken könnte.

Update II vom 10. Juli: Insider wundern sich nicht: Darum ist das Aus von Matthias Sammer beim FC Bayern München ein logischer Schritt.

Update vom 10. Juli 2016: Der Sammer-Hammer: Der FC Bayern München und Sportvorstand Matthias Sammer gehen ab sofort getrennte Wege. Mittlerweile hat der Verein auch eine Pressemitteilung veröffentlicht.

Wenn die Bayern heute zum ersten Teil ihres Champions League-Halbfinales gegen Atletico nach Madrid fliegen, wird Sportchef Matthias Sammer fehlen. Der 48-jährige zieht sich fürs Erste zurück, am Sonntagabend hatten die Münchner erklärt, er habe eine „winzige Durchblutungsstörung des Gehirns“. Sie werde aber „komplett und folgenlos ausheilen“, hieß es. Muss man sich um Sammer, seit Juli 2012 im Verein, sorgen?

„Es ist eine relativ häufige Diagnose. Wenn es zu Durchblutungsstörungen kommt, ist zu 80 Prozent ein Blutgefäß im Gehirn verschlossen oder verstopft“, sagt Dr. Jürgen Herzog, Neurologe und Chefarzt der Schön Klinik in Schwabing. Folge ist eine Minderdurchblutung des Gehirns, so erhalten die Nervenzellen weniger Sauerstoff. Das führt zu Ausfallserscheinungen und Fehlfunktionen wie flüchtigen Sehstörungen, Lähmungserscheinungen in einer Körperhälfte, Kribbeln in Armen oder Beinen und, was häufig ins Auge springt: Ein hängender Mundwinkel.

„Diese Symptome können auch Laien als Alarmsignale erkennen“, sagt Herzog. „Undeutliches Sprechen, dass die Sprache verwaschen wird oder Worte nicht beziehungsweise verworren herauskommen, gehört auch dazu. Die entscheidende Frage ist dann, wie lange dieser Zustand anhält, ob sich die Symptome zurückbilden.“

Es sei „absolut begrüßenswert, dass sich Herr Sammer sofort in ärztliche Behandlungen begeben hat“, sagt der Experte. „Das Allerwichtigste ist, so etwas nicht auf die leichte Schulter zu nehmen – selbst wenn die Symptome nur flüchtig sind.“ Es sei ein medizinischer Notfall, der „sofort behandelt werden muss, da das Wiederholungsrisiko, das zu einem Schlaganfall, zu bleibenden Symptomen führen kann, binnen der ersten 72 Stunden extrem hoch ist, nach einem Monat abebbt und nach einem Jahr das Vorniveau erreicht“.

"Rückzug, um dem Körper Regeneration zu ermöglichen"

Als nächstes müsse nun geklärt werden, woher die Symptome kamen. Sammer soll zuvor über eine Grippe geklagt haben. Sie kann eine Rolle gespielt haben, weil Viruserkrankungen den Körper schwächen und anfälliger für Herzrhythmusstörungen machen. Wichtig und richtig sei nun eine Pause, so der Arzt, „ein Rückzug, um dem Körper eine Regeneration zu ermöglichen“.

Im schlimmsten Fall drohe „in einem Zeitraum von wenigen Tagen bis Wochen eine erneute Durchblutungsstörung, mit dem schwerwiegenderen Ausgang, dass der Gefäßverschluss nicht aufgehoben werden und es zum Absterben von Nervenzellen im Gehirn, einem Schlaganfall mit bleibenden neurologischen Schäden wie Sprach-, Sehstörungen, Lähmungen kommen kann“.

Doch Herzog macht auch Mut: „Es ist durchaus realistisch, dass ein Patient sportlich wie beruflich wieder belastbar ist, aber er sollte alle Maßnahmen ergreifen, dass sich so etwas nicht noch einmal ereignet.“ Wenn man Risikofaktoren findet, sollte man sie abstellen. Warum es Sammer, mit 48 Jahren, als ehemaligen Profi und trotz eines gesunden Hintergrunds (raucht nicht, kaum Alkohol, sportlich) getroffen hat? Schwer zu sagen, meint Herzog. Stress sei auch spekulativ, „Herr Sammer kam ja in seine Position auch durch seine Vorerfahrungen und eine gewisse Stressresistenz“. Seit zehn Jahren habe sich die Alterspyramide beim Schlaganfall verschoben. „Es nimmt bei Jüngeren zu. Treffen kann es praktisch jeden. Auch mit 20.“

"Es geht uns alle was an"

Er sei nun „weit davon entfernt, Herrn Sammer direkt einen Rat zu geben“, sagt Herzog. „Aber ich finde es lobenswert, dass er sich schnell von Experten, von Neurologen untersuchen ließ. Ab da ist er in guten Händen. Dadurch ist er am besten geschützt.“ Das prominente Beispiel mache „noch mal sehr deutlich, dass keiner gefeit ist. Es geht uns alle was an. Es ist eine Erkrankung, die brutal und plötzlich zuschlägt. Die Wenigsten sind darauf vorbereitet. Es ist eine Volkskrankheit, vor der wir nicht die Augen verschließen dürfen.“

Vorbeugemaßnahmen: Vitaminreiche, fettarme Ernährung, regelmäßig Sport, ausreichend Schlaf, wenig Alkohol und ärztliche Begleitung. „Das Gemeine ist, dass man den Großteil der Risikoprobleme nicht spürt“, sagt Herzog, „man muss der Krankheit früh entgegentreten, ohne sie zuvor zu erkennen.“

So geht es beim FC Bayern ohne Matthias Sammer weiter

Rubriklistenbild: © dpa

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