Durchhänger vor der Länderspielpause

Diese Baustellen muss Ancelotti jetzt anpacken

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Carlo Ancelotti.

München - Carlo Ancelotti muss nach dem Durchhänger beim FC Bayern einige taktische Änderungen vornehmen. Ein Experte erklärt, welche.

Sechs Wochen lang lief alles wunderbar. Acht Siege aus den ersten acht Pflichtspielen, die ersten fünf davon zu null. Nach dem 3:0 gegen Hertha BSC hatte Carlo Ancelotti sogar einen neuen Rekord aufgestellt. Mit sieben Siegen in Serie war noch nie ein Trainer des FC Bayern in seine Ära an der Säbener Straße gestartet. Doch nach dem Last-Minute-Erfolg beim HSV (1:0) gab es einen kleinen Knick. Der 0:1-Niederlage bei Atlético Madrid folgte nur ein 1:1-Remis zu Hause gegen den 1. FC Köln.

Eine Krise wollen sich die Münchner nicht einreden lassen – was angesichts der Tabellenführung mit drei Zählern Vorsprung nach sechs Spieltagen auch Quatsch wäre. Dennoch fällt auf, dass das Spiel des FCB nicht so flüssig und überzeugend ist wie noch unter Pep Guardiola und die Roten sich vor allem gegen tiefstehende Gegner schwertun. Sind Ancelotti und seine Stars noch nicht ganz auf einer Wellenlänge?

Experte: Hier muss Ancelotti ansetzen

„Es stellt sich die Kernfrage: Passe ich die Mannschaft an mein System an oder das System an meine Mannschaft?“, sagt Alexander Schmalhofer. Der Taktik-Experte des Instituts für Fußballmanagement hat das Auftreten der Münchner unter ihrem neuen Coach genauer unter die Lupe genommen und kommt zu der Erkenntnis: „In den ersten Wochen macht es den Eindruck, als habe sich Ancelotti für die erste Variante entschieden.“ Im Gespräch mit der tz erklärt der Leiter des Fachbereichs Spiel- und Taktikanalyse, was den Bayern in ihrem Spiel noch fehlt und wo sich Ancelotti und seine Akteure annähern müssen.

Rolle der Flügelstürmer: „Klar ist, dass Ronaldo und Bale als Spielertypen im offensiven Eins-gegen-eins nicht mit Müller und Ribéry zu vergleichen sind. Müller ist nicht der Spieler, der sich auf dem Flügel im Tempo-Dribbling durchsetzt. Er muss Räume zwischen den Ketten suchen können, die er instinktiv besetzen darf“, analysiert Schmalhofer und sieht, dass Ancelotti sein in Madrid bevorzugtes 4-3-3-System auch bei Bayern salonfähig machen will. „Bei Real funktionierte das hervorragend, weil das System besonders für die drei Offensiv-Waffen Ronaldo, Bale und Benzema prädestiniert war.“ Das Problem ist, dass die Spielertypen beim deutschen Rekordmeister andere sind. Und durch die weit aufrückenden Außenverteidiger müssen die Flügelstürmer häufig ins Zentrum rücken. Das kommt insbesondere Franck Ribéry nicht zu gute. „Seine Stärke, mit Tempo über außen und mit Blick Richtung Tor zu kommen, kann er so nicht ausspielen. Das wurde besonders gegen Atlético deutlich“, so Schmalhofer.

Experte: Es hakt im Offensivspiel der Bayern

Suche nach kreativen Lösungen: „Pep Guardiola war durch sein sehr flexibles System extrem schwer ausrechenbar und stellte damit besonders tiefstehende Teams vor Probleme. Der Gegner wusste: Bayern hat verschiedene, kreative Varianten, sich Torchancen zu erspielen, konnte sich daher nicht auf ein bestimmtes Angriffsschema einstellen.“ So skizziert der Taktik-Experte das Angriffsspiel der Münchner unter Guardiola. Bislang ist der Einfallsreichtum der Bayern aber beschränkt. „Diese kreativen Lösungen fehlen zum Anfang dieser Saison im Bayern-Spiel. Sie sind jedoch notwendig, um ein Abwehr-Bollwerk zu knacken“, betont Schmalhofer. Häufig versuchen es die Roten mit langen Bällen in die Spitze oder kombinieren sich erst gar nicht bis zum Strafraum durch. Da muss Ancelotti sich etwas einfallen lassen. „Mit Blick auf die ganze Saison könnte es schwierig werden, sich im Offensivspiel nur darauf zu konzentrieren, vertikale Pässe aus dem Mittelfeld in den Strafraum zu spielen oder Flanken aus dem Halbfeld zu schlagen“, warnt Schmalhofer.

Handlungsschnelligkeit im Umschaltspiel: „In Madrid und gegen Köln konnte man den Eindruck gewinnen, dass den Bayern teilweise die wichtige Handlungsschnelligkeit im Umschaltspiel fehlte. Besonders in der Mittelfeldzentrale, in der Alonso bei Atlético mit Vidal und Thiago und gegen Köln mit Kimmich und Sanches agierte, fiel dies auf“, erklärt der Experte des Ismaninger Instituts. Dabei ist gerade das Umschalttempo so wichtig beim Rekordmeister – in doppelter Hinsicht. „Nach Ballgewinn kann so die kurze Phase der Unordnung beim Gegner ausgenutzt werden, um Torchancen zu erspielen“, zeigt Schmalhofer die Bedeutung im Offensivspiel auf. Und auch im Defensivverhalten ist sie von enormer Wichtigkeit. „Nach Ballverlust bietet man bei fehlender Handlungsschnelligkeit dem Gegner gefährliche Räume an.“

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