Seit drei Spielen sieglos

Bayerns Mini-Krise: Fünf brisante Fragen zur aktuellen Situation

+
Auch Thomas Müller ist nicht bei 100 Prozent.

München - Der Champions-League-Pleite in Madrid folgten zuletzt zwei Remis in der Bundesliga gegen Köln und jetzt in Frankfurt. Und beim Rekordmeister hängt der Haussegen gewaltig schief. Wir stellen fünf Fragen zum Bayern-Fehlstart.

„Das war des FC Bayern nicht würdig und nicht akzeptabel“, urteilte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge nach dem tristen 2:2 in Frankfurt ungewöhnlich scharf. Sätze, die sonst ausschließlich vom mittlerweile schweigenden Chef-Grantler Franz Beckenbauer kommen („Obergiesing gegen Untergiesing“), hört man jetzt vom sonst so diplomatischen Rummenigge. 

Dicke Luft an der Säbener Straße. Nicht ganz zu unrecht. Denn eine ähnlich lange Durststrecke gab es für die sonst so erfolgsverwöhnten Bayern zuletzt im Frühjahr 2015 - aber da hatte der Rekordmeister längst als Meister festgestanden.

Die Ergebnisse stimmen nicht - und jetzt die Watschn von Rummenigge: So deutliche Kritik hatte es unter Pep Guardiola nie gegeben. Was ist also passiert, seit Carlo Ancelotti das Zepter vom charismatischen Spanier übernommen hat?

Wir stellen fünf brisante Fragen zur sich anbahnenden Bayern-Krise:

1. Wo ist die Bayern-Dominanz im Mittelfeld hin?

Anlaufen des Gegners um jeden Preis, bedingungsloses Pressing. So sah das Bayern-Mittelfeld unter Pep Guardiola aus. Davon ist mittlerweile erschreckend wenig übrig. Am deutlichsten wurde die ungewohnte Bayernschwäche zuletzt gegen Frankfurt: Seelenruhig und von der Bayern-Offensive unbehelligt konnten die (nicht gerade für ihren filigranen Stil bekannten) Eintracht-Innenverteidiger Abraham und Hector das Spiel aufbauen. Keine Spur von der altbewährten Organisation. Mögliche Gründe: Europameister Renato Sanches wirkt noch immer wie in Fremdkörper in der Bayernzentrale. Auch bezeichnend: Das sonst so traumwandlerisch sichere Passspiel hakt. Kamen in der Vorsaison noch fast 90 Prozent aller Bayernpässe an, sind es jetzt nur noch etwas über 85.  „So können wir nicht weiterspielen, da muss etwas geändert werden", sagte der wieder genesene Arjen Robben selbstkritisch

2. Warum wackeln ausgerechnet die Leistungsträger?

Die Zuschauer in der Frankfurter Commerzbank-Arena staunten nicht schlecht, als Timothy Chandler den sonst so zuverlässigen David Alaba ein ums andere Mal stehen ließ und gefährlich vors Bayerntor flankte wie beim 2:2-Ausgleichstreffer durch Marco Fabián. US-Nationalspieler Chandler ist keineswegs ein schlechter - aber einem Spieler von Weltformat wie Alaba sollte man doch zutrauen, ihn im Griff zu haben. Ähnlich fahrig kommen andere Bayern-Profis daher. Jerome Boateng sah bei beiden Gegentreffern unglücklich aus, Altmeister Xabi Alonso bekam immer Probleme, wenn der Gegner ihn aggressiv anging und Thomas Müller? Der machte, was er immer macht - rackern und ackern, aber treffen kann er nicht mehr. Seine Bilanz: sieben Spiele, null Bundesligatreffer.

3. Wann platzt Carlo Ancelotti der Kragen?

Väterchen Ancelotti steht dem FC Bayern besser zu Gesicht als der verbissene Pep Guardiola. So die Meinung vieler Experten. Zu Saisonbeginn noch lobten sie den lockeren Führungsstil des Italieners. Aber: Ist Carlos lange Leine zu lang für seine Stars? Nach Franck Ribérys Entgleisungen gegen Gegenspieler, stutze er diesen zwar konsequent zurecht, davon abgesehen wirkt der 57-Jährige aber ziemlich entspannt - und zahm. Fehlt den Bayern-Profis Pep Guardiolas harte Hand? Beim Training an der Säbener Straße zeigte der ansonsten so nette Herr Ancelotti am Sonntag schon mal, dass er auch anders kann: Um beim Torschusstraining harte Abwehrarbeit zu veranschaulichen, zerrte und zog er an Renato Sanches, der beim harten Manöver fast das Gleichgewicht verlor. Ob auf Rummenigges Donnerwetter intern eines von Ancelotti folgte, ist indes nicht klar.

4. Fehlt den Stars der unbedingte Siegeswille?

Statistiken sind zu dieser Phase der Saison noch wenig aussagekräftig, aber sie geben einen ersten Hinweis darauf, wie sich das Spiel der Bayern verändert hat: 113 Kilometer pro Spiel rannten die Bayern-Akteure in der Vorsaison, jetzt sind es noch nicht einmal 110. Drei Kilometer weniger Laufleistung in 90 Minuten. Das ist ganz schön viel. Dazu kommt, dass die Spieler weniger Sprints wagten als noch unter Guardiola. Damals waren es 200 gewesen, jetzt sind es noch 191. Kann man daraus mangelnde Einsatzbereitschaft ableiten? Wohl eher nicht, doch von der Aussage Philipp Lahms nach dem Frankfurt-Remis schon eher: „Wenn man denkt, dass es auch mit weniger als hundert Prozent geht, dann läuft man Gefahr, die Zweikämpfe und die Kontrolle zu verlieren“, sagte der Kapitän. Höchste Zeit, dass der Rekordmeister sich besinnt - und wieder jeden Gegner ernst nimmt.

5. Fehlt dem Kader die nötige Tiefe?

Klar, ein Verein wie der FC Bayern muss Verletzungssorgen kompensieren können. Dennoch ist das Bayern-Lazarett gut besucht - und nimmt dem Kader Qualität. Arturo Vidals Kämpferherz fehlte gegen Frankfurt in der Zentrale, dieser eine geniale Moment, der bei Ribéry immer drin ist, hätte den Unterschied gegen die Hessen machen können. Neben den beiden Genannten fehlte Allrounder Javi Martinez gegen Frankfurt. Nur drei Ausfälle - und schon wackeln die Bayern. Was, wenn mit fortschreitender Saisondauer noch mehr Verletzte dazukommen? Ob der Bayernkader die nötige Tiefe hat, wird sich dann zeigen. Immerhin: Alle zuletzt verletzten Spieler kommen zeitnah zurück - spätestens dann gilt das Lazarett nicht mehr als Ausrede.

WhatsApp-News zum FC Bayern gratis aufs Handy: tz.de bietet einen besonderen Service für FCB-Fans an. Sie bekommen regelmäßig die neuesten Nachrichten zu den Roten direkt per WhatsApp auf Ihr Smartphone. Und das kostenlos: Hier anmelden!

auch interessant

Meistgelesen

Innenverteidigung: Nationalspieler auf Bayerns Liste
Innenverteidigung: Nationalspieler auf Bayerns Liste
Ribéry: Bayern vielleicht nicht mein letzter Klub
Ribéry: Bayern vielleicht nicht mein letzter Klub
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
Was machte Dieter Hecking in Harlaching?
Was machte Dieter Hecking in Harlaching?

Kommentare