Interview mit Biograph Martí Perarnau

Guardiola-Kenner: „Pep hat einen großen taktischen Fehler gemacht“

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Mit einem Comeback von Pep Guardiola beim FC Bayern rechnet sein Biograph eher nicht.

München - Guardiola-Biograph Martí Perarnau spricht im Interview unter anderem über die Lehren aus der Zeit beim FC Bayern, ein mögliches zweites Engagement und Fotos mit Peps Frau.

Martí Perarnau hat viel zu tun in diesen Tagen. Als die PR-Tour seines neuen Buches „Pep Guardiola. Das Deutschland-Tagebuch“ den 61-jährigen Autor unter der Woche nach München führt, wartet ein wahrhaftiger Interview-Marathon auf ihn. Im Gespräch allerdings merkt man schnell: Perarnau genießt die Fragestunde – denn es geht um sein Lieblingsthema: Pep Guardiola, den Mann, den er drei Jahre lang beim FC Bayern auf Schritt und Tritt verfolgt hat.

Herr Perarnau, haben Sie die Handynummer von Pep Guardiola?

Martí Perarnau: Ja, aber ich rufe ihn nie an. Weil ich weiß, dass er vor einem Spiel auf das Spiel fokussiert ist und nach einem Spiel auf das nächste Spiel. Ein einziges Mal habe ich ihn in den letzten drei Jahren angerufen, im letzten Sommer.

Warum?

Perarnau: Das ist vollkommen unspektakulär. Wir waren bei ihm zuhause in Barcelona verabredet, und er sagte: Ruf an, wenn Du da bist! Das habe ich gemacht (lacht).

Ist es wahr, dass er weder Ihr erstes noch das neue Buch gelesen hat?

Perarnau: Natürlich. Und um ehrlich zu sein: Es ist verrückt. Für mich ist das die unglaublichste Geschichte, die dieses Buch begleitet. Denn wenn ich jemandem die Erlaubnis erteile, mein Berufsleben bis ins Detail zu durchleuchten, es mitzuerleben, zu begleiten und dann auch noch sage „Schreib, was Du willst“, dann will ich am Ende doch auch wissen, wie das Endergebnis aussieht. Aber er will das nicht, niemals. Beim ersten Buch war das für mich schon ein Problem, denn für mich war ja auch alles neu: Bayern, Guardiola, die Bundesliga, die Spieler. Und ich war mir einfach nicht sicher, ob ich wirklich alles schreiben kann, was ich weiß. Weil es ja auch Auswirkungen auf Pep und die Spieler hat, mit denen ich gesprochen habe.

Guardiola sagt: „Das ist Dein Buch und Deine Verantwortung.“

Haben Sie mit ihm darüber geredet?

Perarnau: Ja. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, es war nach dem Spiel in Stuttgart in Peps erster Saison, als Thiago dieses unfassbare Tor geschossen hat. Wir haben uns fast eine halbe Stunde unterhalten, weil der Bus eh noch nicht fuhr. Ich habe ihm gesagt, dass ich mit dem ersten halben Jahr fertig bin, alles aufgeschrieben habe, und ich habe ihn gefragt, ob er es lesen kann und wir uns dann austauschen. Da sagte er: „Nein! Das ist Dein Buch! Und Deine Verantwortung!“

-Ist es aber rückblickend betrachtet nicht ein Ritterschlag, wenn jemand wie Pep Guardiola Ihnen so vertraut, dass er sagt: Schreib, was Du willst?

Perarnau: Doch, genau so sehe ich es auch. Ich habe mit Manuel Estiarte, seinem Intimus, darüber gesprochen. Und auch der sagt: Wenn Pep nein sagt, dann heißt das nein. Sein Wort zählt. Er ändert seine Meinung nicht.

Das ist aber doch für Sie nur von Vorteil.

Perarnau: Das Schreiben war dadurch sicher leichter. Aber die Situation ist für mich trotzdem immer noch komisch. Ich erzähle Ihnen mal was: Ich war letzte Woche in Manchester und habe ihm das Buch vorbeigebracht. Meine Frau war auch dabei, sie hat vor einem Jahr ein Buch über Gesundheit geschrieben. Und was macht Pep?

Erzählen Sie!

Perarnau: Er geht zu meiner Frau und sagt: „Ich will ein Foto mit Dir und Deinem Buch, nicht mit Martí.“ Als ich ihm mein beziehungsweise sein Buch gegeben habe, sagte er: „Danke, das ist etwas für meine Frau Cristina.“ Immerhin die liest ja meine Bücher. Danach sagt sie immer: „Oh je, mein Mann denkt ja nur an Fußball.“

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Bayern Ihnen auch in den bittersten Momenten die Türen geöffnet hat. Was war der harteste Moment?

Martí Perarnau nahm 1980 als Hochspringer an den Olympischen spielen teil.

Perarnau: Die Niederlage gegen Real Madrid. Weil Bayern in dieser Zeit sehr gut gespielt hat, in Madrid gut war, aber verloren hat. Und dann wurden in der Vorbereitung auf das zweite Spiel viele kleine Fehler gemacht, und Pep hat dann einen großen taktischen Fehler gemacht. 0:4, das war eine richtige Klatsche. Und der zweitschlimmste Moment war die Niederlage gegen Atletico in der letzten Saison, weil sie einfach das Gegenteil der Real-Pleite war. Das Rückspiel war das beste Spiel der letzten drei Jahre. Das zweite Spiel zuhause, ein Strafstoß deines besten Stürmers gegen einen Torhüter, der gerade mal drei der letzten 21 Strafstöße gehalten hat. Auch Carlo Ancelotti würde sagen: Super, das unterschreibe ich! Es tat weh, weil man so nah dran war.

War die Trennung von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt auch ein harter Moment?

Perarnau: Nein, kein bisschen, das war etwas, das von der Öffentlichkeit aufgebläht wurde. Es war einfach das Resultat eines Fehlers, den Pep gleich zu Beginn gemacht hat. Er war es gewohnt, einen Doktor zu haben, der 24 Stunden am Tag verfügbar und beim Team ist. Das hätte er gleich durchsetzen sollen, so wie er es jetzt in Manchester gemacht hat. Aus dieser Situation hat er gelernt. Er managed jetzt alles, was mit dem Team zu tun hat. So, wie er es sich vorstellt.

Sie beschreiben ihn im Buch als ein Chamäleon. War er das schon vorher – oder ist er es in München geworden?

Perarnau: Er ist es geworden. Allein anhand der Taktik lässt sich das belegen: In der ersten Saison wollte er den Barcelona-Weg durchsetzen, aber am Ende der Spielzeit hat er bemerkt, dass auch der deutsche Fußball gute Seiten hat. Die hat er sich angeschaut und in seinen Katalog aufgenommen. Er hat sich mehr angepasst, das hat ihm gutgetan. In Barcelona musste er das nicht machen, da kannte er alles, das war seine Familie. Das hat er aber nun bei Bayern gelernt.

Sie schreiben von einem Mix zweier Idole: Johan Cruyff und Franz Beckenbauer.

Perarnau: Das ist symbolisch gemeint. Aber ja: Genauso ist es. Und jetzt entwickelt er sich noch mal weiter. Jetzt mixt er Cruyff und Beckenbauer mit einer dritten Person. Aber welche das ist, das weiß ich noch nicht (lacht). Er braucht auch in Manchester Zeit.

Als er aus München ging, sagten Einige: So einen Fußball werden wir hier nie wieder sehen. Denkt er auch so?

Perarnau: Die Leute denken immer, Pep ist ein Romantiker. Pep ist aber kein Romantiker. Er ist einfach nur ein Mann, der gewinnen will. Vielleicht ist der Unterschied zu anderen, dass er gewinnen will, aber auf seine Art und Weise, mit schönem Spiel. Und mit dieser Spielweise will er die Herzen der Fans erobern. Das ist schwer, weil nicht jeder denselben Fußball liebt. Aber es ist ihm in München doch gut gelungen.

Man hatte den Eindruck, dass auch Kritiker in dem letzten halben Jahr in München, als sein Abschied feststand, ihren Frieden mit ihm geschlossen haben. Er ist im Guten gegangen, ohne offene Rechnungen. War ihm das wichtig?

Perarnau: Ja, sehr wichtig. Aber das war eine Entwicklung, die schon früher angefangen hat. Erinnern Sie sich an die Situation im Frühjahr 2015. Damals, als nahezu seine komplette Stammelf verletzt war, hat er seine Einstellung zum FC Bayern und seinen Spielern grundlegend geändert. Damals hatte er noch 14 Spieler, die alle drei Tage spielen mussten. Es war für ihn eine Lehrstunde, als er diese kleine Gruppe gesehen hat, die emotional verbunden war, ein richtiges Team. Vorher, auch in Barcelona, war er immer distanziert zu seinen Spielern, hinter den Kulissen kein richtiger Freund, sondern eine Autoritätsperson. Aber nach dieser Situation damals sagte er: Das sind meine Spieler, ich liebe sie, ich öffne mein Herz für sie.

Der Abschied fiel ihm also schwer?

Perarnau: Absolut. Das Pokalfinale war besonders emotional für ihn. Und dann auch seine Rückkehr mit Manchester City. Es war für beide Klubs das erste Spiel der Vorbereitung, schon kurios, dass man da gleich gegeneinander spielt. Die Bosse haben ihn in der Kabine begrüßt, aber auch der Tag danach an der Säbener Straße hat ihn sehr berührt. Dass seine ehemaligen Spieler und auch die Fans ihn so herzlich aufgenommen haben.

Wie hätte denn ein viertes Jahr in München ausgesehen?

Perarnau: Oh, das ist schwer zu sagen. Jeder hat ja zu ihm gesagt: Bleib sechs Jahre in München! Deine Familie liebt es, die Bundesliga ist toll. Aber Pep ist eben speziell, in dieser Hinsicht vielleicht auch nicht normal. Jeder andere wäre geblieben, hätte weiter versucht, die Champions League zu gewinnen. Aber Pep liebt die Herausforderung, deshalb ist er weitergezogen.

„Ich weiß nicht, wie es nach Manchester weitergeht. Weil Pep es auch nicht weiß.“

Kam die Entscheidung aus dem Herzen oder aus dem Kopf?

Perarnau: Eher aus dem Kopf. Er musste das tun, das war für ihn einfach so. Egal, wie hart es ist, bei einem Klub zu sein, der noch keine richtige Spielphilosophie hatte, nicht so eine Tradition wie die Klubs, die er trainiert hat. Für ihn ist das bisher die größte Herausforderung.

Wird er sein Leben lang nach neuen Herausforderungen suchen?

Perarnau: Ich weiß es nicht, weil er es auch nicht weiß. Er denkt nicht so weit. Er denkt erst mal einfach nur an das nächste Spiel. Und das ist wirklich so: Er spricht nicht mal hinter den Kulissen über ein Spiel, das erst in zwei Wochen ist. Wenn er gegen Southampton spielt, denkt er nur daran, auch wenn zwei Wochen danach Barcelona wartet. Wie soll er denn jetzt schon wissen, was in drei Jahren ist (lacht)? Darüber wird er in frühestens zwei Jahren mit seiner Frau sprechen.

Wie ist seine Verbindung zu München inzwischen?

Perarnau: Gut, er hat nach wie vor seine Wohnung hier. Und er wollte mit seiner Frau sogar zur Wiesn kommen, alles war geplant, die Flugtickets waren gebucht, London – München. Aber am Sonntag davor hat er gegen Tottenham verloren, deshalb hat er gedacht: Es ist jetzt nicht so gut, Bier zu trinken.

Hat er zu Bayern noch Kontakt?

Perarnau: Ja. Er hatte schon immer ein gutes Verhältnis zu den Klubbossen. Uli Hoeneß ist der Vater gewesen, die Wärme, die er ausgestrahlt hat, hat er sehr geschätzt. Das war sehr speziell. Aber auch mit Karl-Heinz Rummenigge, Michael Reschke und Matthias Sammer hat er sich richtig gut verstanden.

Besteht die Möglichkeit, dass er mal zurückkommt?

Perarnau: Vielleicht. Aber eigentlich ist Pep kein Typ, der noch mal zurückkommt. Ich sage Ihnen ehrlich, dass ich es nicht einschätzen kann. Auch ich kann nicht voraussagen, was er 2020 vorhat. Was 2016 kommt, war leicht zu verstehen. Es war klar, dass es England werden würde. Vielleicht wird es diesmal ein Nationalteam.

Hat er jemals über eine weitere Auszeit nachgedacht?

Perarnau: Nein. Nach Bayern war er nicht müde, das war ganz anders als nach der Zeit in Barcelona. In München wurde er zwar von außen oft kritisiert, aber innerhalb des Klubs war alles gut. Deshalb hat er sich nicht so aufreiben müssen. Auch das hat er in München verändert. In Barcelona hat er weniger effizient gearbeitet, in München hat er seine Energie besser eingeteilt.

In Ihrem Buch haben Sie die beiden Antrittsbilder von Pep Guardiola als Symbolik für seine Veränderung beschrieben. 2013 in München, 2016 in Manchester. Erklären Sie den Unterschied!

Perarnau: Für mich ist das wirklich symbolisch. Die Zeit in Deutschland war erfreulich für Pep, für seine Entwicklung. Er hat gute und schlechte Dinge gesehen und verarbeitet, dazu auch seine eigenen Fehler. Als er in München ankam, sah man einen Mann, der als bester Trainer der Welt galt, er war für jeden ein Gott, Superman. Er hat sich in diese Rolle begeben. Auf dem Foto zum Antritt in München hatte er einen Anzug an, er sah aus wie ein Business-Mann, ein Model. Er hat dann aber in den letzten drei Jahren genau verstanden, dass das gar nicht möglich ist. Totaler Erfolg ist nicht planbar im Sport, es gibt kein unbesiegbares Team. Jetzt weiß er, dass es deutlich besser ist, näher an Spielern und Fans zu sein, dass man gar nicht wie Superman sein muss, um Herzen zu gewinnen. Und wenn man jetzt das Bild aus Manchester sieht: Er ist casual angezogen, hat einen Bart, wirkt deutlich irdischer. Und ich glaube, das ist nicht mal gewollt so gemacht. Das ist einfach Pep, wie er jetzt ist.

Interview: Hanna Raif

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