Bayern-Boss über Ancelotti, Sanches und sein Heimspiel

Rummenigge im tz-Interview: "Müller ist kaputt"

+
Bayer ehrenhalber, auch ohne Bairisch zu sprechen: Karl-Heinz Rummenigge bei der Vorstellung von Carlo Ancelotti.

München - Karl-Heinz Rummenigge im großen tz-Interview. Der Vorstandschef des FC Bayern über Carlo Ancelotti, den Transfer von Renato Sanches und Thomas Müller.

Samstagabend 17 Uhr in Lippstadt – ein belangloser Test der großen Bayern bei einem ­unterklassigen Verein? Nicht wirklich. Für Trainer Carlo Ancelotti ist es das erste Spiel mit seinem neuen Verein. Und für den ­Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern ist es ein Wiedersehen mit der alten Heimat. Karl-Heinz Rummenigge wurde am 25. September 1955 in dem ostwestfälischen Städtchen geboren. Bis er mit 18 Jahren zum FCB ging, kickte er bei ­Borussia Lippstadt – für die tz ein Anlass, mit dem Bayernboss über Heimatgefühle, die FCB-Familie, Mia san Mia und Dialekte zu reden. Das große tz-Interview zu Rummenigges Heimatabend in Lippstadt:

Herr Rummenigge, am Samstag erwartet Sie in der Heimat der Ausnahmezustand. Wie sieht bei Ihnen sonst ein Besuch in Lippstadt aus?

Karl-Heinz Rummenigge: Leider komme ich nicht mehr sehr oft nach Lippstadt. Erstens habe ich viel zu tun beim FC Bayern, und zweitens habe ich niemanden mehr dort, zumindest was meinen Verwandtenkreis betrifft. Meine Eltern sind leider schon verstorben, meine Brüder leben in Dortmund beziehungsweise Bremen. Dementsprechend bin ich neugierig, was sich seit meinem letzten Besuch verändert hat.

Was fühlen Sie, wenn Sie wiederkommen?

Nun ja, ich habe meine ersten 18 Lebensjahre in Lippstadt verbracht, die Erinnerung ist sehr positiv. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit und Jugend, auch fußballerisch bei der Borussia.

Rummenigge: Musste Ancelotti erklären, wo Lippstadt liegt

Was bedeutet Ihnen Heimat? Haben Sie Ihren Kindern versucht näherzubringen, wo Ihre Wurzeln liegen?

Sie sind früher hin und wieder mitgekommen, sie kennen Lippstadt. Carlo Ancelotti musste ich jetzt allerdings schon erklären, wo Lippstadt liegt…

Wovon haben Sie ihm vorgeschwärmt? Gibt es noch ein Lieblingsessen, an das Sie gern denken?

Das beste Essen war immer Kotelett mit Kartoffelsalat, bei Alvin Landgräber.

Aber nicht der Kartoffelsalat, an den Sie in München gewöhnt sind…

Nein, der ist ja mit Essig und Öl angemacht. Ich meine natürlich den westfälischen mit schön Mayonnaise.

Was tauchen bei so einem Essen für Bilder aus der Jugend auf?

Da sehe ich vor allem den Fußball, der stand immer im Mittelpunkt. Man ist zur Schule gegangen und hat während der Schulzeit schon an die Freizeit gedacht, also an Fußball. Wir sind nach Hause gekommen, haben auf die Schnelle die Hausaufgaben gemacht und sind auf den Bolzplatz gelaufen. Dann wurde stundenlang Fußball gespielt. Das war praktisch der Lebensinhalt. Im Sommer gab es alternativ das Freibad. Und auch da haben wir Fußball gespielt (lacht). Fußball war immer dabei!

Rummenigge: Den Schützenkönig musste er absagen

Und was ist mit der ersten Freundin, mit 16 oder 17?

Meine erste Freundin ist meine heutige Frau. Sie war 15, da haben wir uns getroffen. Und zwar ganz offiziell: Ich wurde den Eltern vorgestellt, die haben das abgesegnet.

Sie sollen ja auch Gefallen am Schützenfest gehabt haben.

Ja, das stimmt. Ich kann mich gut erinnern: der Defiliermarsch, der Schützenplatz… Selbst als ich schon bei Bayern spielte, wollten sie mich in Lippstadt zum Schützenkönig machen. Aber ich musste absagen, das hätte ich allein aus Zeitgründen nicht geschafft. Auch meine Frau sollte Schützenkönigin werden. Aber sie war nicht zu überreden.

Aber Sie hatten schon die Uniform und den passenden Hut auf, oder?

Nein, ich war noch zu jung. Das bekam man erst mit der Volljährigkeit, und ich bin im zarten Alter von 18 nach München. Ich war auf den Lippstädter Schützenfesten immer im Räuberzivil.

Wir haben Lokalsportberichte gefunden von Ihrem Vater, der sowohl in Lippstadt als auch beim Soester TV gespielt hatte. Welche Rolle hatte er für Ihre Fußballleidenschaft?

Mein Vater war ja mehr der Berti-Vogts-Typ, der hat schön reingehauen in der Verteidigung (lacht). Aber er hat meinen Bruder und dann uns alle drei total unterstützt, hat uns überall hingefahren, zu jedem Spiel. Im Zweifel hat er uns mit dem Fahrrad zum Bruchbaum gefahren, ein Auto hatte er nicht. Er hat im Verein alles gemacht. Nachdem er pensioniert wurde, hat er den Rasen gemäht, damit der Platz in guter Verfassung war. Borussia Lippstadt war sein Lebensinhalt.

Was hat er Ihnen geraten, als das Angebot vom FCB kam?

Ich hatte 16 oder 17 Angebote aus der gesamten Bundesliga. Mein Vater und ich, wir hatten dann einen letzten Besuch in München beim damaligen Manager Robert Schwan. Wir standen in Schwans Büro, ich war total nervös und hektisch. Robert Schwan hat uns dann zehn Minuten allein gelassen: Wir sollten eine Entscheidung treffen. Damals war der HSV sehr im Gespräch, da hatten sie noch Geld. Und mein Vater sagte mir in dem Moment: „Wenn man ein Angebot von Bayern München hat, geht man zu Bayern München!“

Rummenigge: "Wahrscheinlich wäre ich Banker geworden"

Das galt also damals schon?

Ja. Und das erzähle ich heute jedem jungen Spieler, der zum FC Bayern kommt und die Hosen voll hat. Dann erzähle ich meine eigene Geschichte und sage: Was ich geschafft habe, kannst du auch schaffen.

Wenn es den Fußball nicht gegeben hätte: Wären Sie noch in Lippstadt?

Keine Ahnung. Ich machte ja damals in der Volksbank Lippstadt eine Lehre. Wahrscheinlich wäre ich Banker geworden. Aber ob ich in Lippstadt leben würde oder in Frankfurt oder London? Ich weiß es nicht. Einerseits habe ich mich immer pudelwohl gefühlt in Lippstadt. Andererseits hatte ich auch ein Faible für andere Länder, eine frühe Neigung zur Globalisierung.

Wenn Sie heute die Menschen miteinander vergleichen: Was fehlt dem Ostwestfalen, das der Bayer in sich trägt?

Ich würde es umdrehen: Was eint die zwei? Sie sind beide ausgeschlafen! Ich würde jedenfalls nicht empfehlen, den Ostwestfalen zu unterschätzen, das wäre ein großer Fehler.

Sie haben mal das Vereinsmotto „Mia san Mia“ hervorgehoben, weil es gut widerspiegelt, wie der Münchner, der Bayer tickt.

Das ist Teil der Kultur Bayerns und Teil der Kultur des FC Bayern. Ich würde es als große Familie bezeichnen. Ich kann mich erinnern, dass ich in Lippstadt an einem Wochenende zunächst in der A-Jugend spielte und dann in der ersten Mannschaft. Damals hatte ich erstmals das Gefühl: Fußball ist eine große Familie. Mit diesem kleinen Klub aus der vierten Liga, der sich immer behaupten musste gegen Schalke, Dortmund, Bochum und wie sie alle heißen, mit dem sind wir in der Jugend sogar bis ins Pokalfinale auf Westfalen-Ebene gekommen. Borussia Lippstadt war immer eine große Familie.

Wann haben Sie eigentlich aufgegeben, Bairisch zu lernen oder im Alltag zu sprechen?

Ich habe das nie versucht, weil ich das lächerlich gefunden hätte. Als ich mal alte Kollegen aus Westfalen traf und hörte, wie die sich mit einer Art Pseudobairisch blamierten, da wusste ich: Das fange ich gar nicht erst an. Ich stehe immer zu meinen Wurzeln – und die sind ostwestfälisch.

Rummenigge: "Renato Sanches wäre nach der EM unbezahlbar gewesen"

Sie sprechen kein Bairisch, dafür fließend Italienisch. Bedeutet das, Sie sind so was wie der natürliche Verbündete von Ancelotti?

Ich tue mich im direkten Umgang mit ihm sicher leichter durch die Sprache. Aber Carlo möchte schnell Deutsch lernen. Er ist da sehr fleißig, engagiert und motiviert.

Ist er auch so ein Familientyp?

Er ist ein extremer Familientyp! Er passt gut in die Bayern-Familie.

Sie selbst sind als 18-Jähriger gekommen. Jetzt kommt Renato Sanches als Stammspieler des Europameisters. Waren Sie selbst überrascht darüber?

Jein. Wenn jemand mit 18 Jahren so auftritt wie er bei der EM, ist das schon außergewöhnlich. Als ich 18 war, war man weit, weit von solchen Leistungen entfernt. Der Bursche scheint aber über außergewöhnliche Talente zu verfügen. Wir sind glücklich, dass wir es frühzeitig entschieden haben – nach dem CL-Viertelfinale gegen Benfica. Und wir sind froh, dass wir im April den Mut hatten, so viel Geld in die Hand zu nehmen. 35 Millionen Euro, das ist viel Geld.

Nach dem EM-Finale wäre er sicher teurer gewesen.

Er wäre für Bayern München unbezahlbar gewesen. Da würden wir über dramatisches Geld sprechen – und da würde er nächstes Jahr mit Sicherheit nicht in der Bundesliga spielen.

Wie haben Sie die EM verfolgt?

Im Urlaub auf Sylt. Tagsüber war ich am Strand, am Abend habe ich mir dann die Spiele angeschaut. Meine Frau hat da sehr viel Rücksicht auf meine Interessenlage genommen. Das war perfekt.

Rummenigge: "Irgendwann sind Körper und Geist müde"

Wie beurteilen sie das Turnier?

Ich glaube, dass die EM mit 16 Mannschaften besser war als nun mit 24. Dass sich fast alle Tabellendritten für die K.o.-Spiele qualifizieren konnten, war keine gute Lösung. Die Uefa wäre gut beraten, noch einmal nachzudenken. Das ist für den Fan schwer zu verstehen. Man muss solche Formen vielleicht ausprobieren, um festzustellen, dass es früher besser war. Der Punkt ist erreicht, an dem wir die Wettbewerbe nicht immer mehr aufpumpen sollten. Jetzt wird über 40 Mannschaften bei der WM gesprochen. Wir sollten aufhören, die Spieler zu überfordern. Die gehen sonst auf dem Zahnfleisch.

Man presst den Fußball aus wie eine Zitrone in Ihren Augen?

Interessant wurde diese EM doch mit den K.o.-Spielen. Die Gruppenphase war kein emotionales Highlight.

Braucht Thomas Müller nach dem Turnier noch ein paar aufbauende Worte?

Nein, glaube ich nicht. Natürlich war er nicht glücklich, dass er im Halbfinale ausgeschieden ist und kein Tor geschossen hat. Er war einfach kaputt nach einer für ihn strapaziösen Saison. Ich habe das 1984 bei der EM ganz ähnlich erlebt. Irgendwann sind Körper und Geist müde.

Wie ist das jetzt bei Ihnen? Sie bekommen durch das Ausscheiden von Matthias Sammer sicher neue Aufgaben dazu, oder?

Wir haben das intern auf mehrere Schultern verteilt wie in den vergangenen drei Monaten schon. Gut, ich werde mich da jetzt noch etwas mehr einbringen müssen. Aber ich werde ja auch gut gepflegt hier, genau so wie zu Hause.

Bilder: Ancelottis erstes Training bei den Bayern

Bilder: Ancelottis erstes Training bei den Bayern

Interview: Michael Knippenkötter

auch interessant

Meistgelesen

Bayern-Gegner VfL ein Scherbenhaufen: „Einer hat es auf die Spitze getrieben“
Bayern-Gegner VfL ein Scherbenhaufen: „Einer hat es auf die Spitze getrieben“
Innenverteidigung: Nationalspieler auf Bayerns Liste
Innenverteidigung: Nationalspieler auf Bayerns Liste
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
Ribéry: Bayern vielleicht nicht mein letzter Klub
Ribéry: Bayern vielleicht nicht mein letzter Klub

Kommentare