Münchner, schaut's her!

Paul Breitner macht als Helfer der Tafel auf Armut aufmerksam

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Paul Breitner bei der Verteilung von Lebensmitteln.

München - Der Markenbotschafter des FC Bayern, Paul Breitner, engagiert sich seit vielen Jahren für die Tafel. Dort verteilt er Essen und Bedarfsartikel für arme Menschen. Er will damit aufrütteln.

Verteilen statt vernichten – dieser Grundsatz ist es, der vielen bedürftigen Menschen in München den Alltag ein wenig erleichtert. Tagtäglich kümmert sich die Münchner Tafel e.V. um in Not geratene Bürger, 18 000 Gäste werden Woche für Woche mit 100.000 Kilogramm Lebensmitteln versorgt. Was sich bei einem Supermarkt nach einer einfachen Großlieferung anhört, ist für die Tafel und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter ein logistisches Kunststück. Denn die Lebensmittel müssen möglichst frisch an 107 soziale Einrichtungen und 26 Verteilstellen ausgeliefert werden. Rund 500 Helfer sind für den Verein im Einsatz, einer von ihnen ist Paul Breitner.

Seit vielen Jahren schon engagiert sich der Fußballweltmeister von 1974 für die Tafel. Nicht als Werbeträger, sondern als Unterstützer an der Basis. Breitner wirbt aber nicht mit seinem Ehrenamt, schon gar nicht sucht er den Weg an die Öffentlichkeit. Doch als die tz ihn auf sein Engagement anspricht, erzählt er gerne. „Nicht, um mir selbst auf die Schulter zu klopfen, sondern um auf die Armut aufmerksam zu machen“, erklärt der 64-Jährige und will aufzeigen: Schaut’s her, Armut gibt’s auch hier!

Ein Thema, vor dem viele am liebsten die Augen verschließen. „Wenn meine Frau und ich von unserer Arbeit bei der Tafel erzählen, sagen viele Leute: Blödsinn, so was gibt’s doch nicht in München. Doch, auch hier gibt es bedürftige Menschen – auch wenn es sich viele nicht vorstellen können“, berichtet Breitner. Er weiß, wovon er redet, schließlich steht der ehemalige Weltklasse-Fußballer fast jeden Montag an der Verteilstelle in Haidhausen. Seine Frau Hilde ist dort seit nunmehr fast vier Jahren die Verantwortliche für die Ausgabe an der Pfarrkirche St. Johann Baptist.

Breitners Arbeitstag beginnt als Helfer ab 11 Uhr

Ist Paul Breitner nicht in seiner Funktion als Markenbotschafter des FC Bayern unterwegs, beginnt sein Dienst am Montag um elf Uhr. Erst werden frische Lebensmittel vom Großmarkt geholt, anschließend geht es zur Verteilstelle. Die Ausgabetische werden aufgebaut, gegen 13 Uhr kommen noch Kleinlaster mit Waren von Sponsoren, und dann dürfen die Gäste sich bedienen. An fünf verschiedenen Stationen gibt es für sie Brot, Kartoffeln, Rüben, Gemüse, Obst und Salat, ebenso wie Hygieneartikel und für die Kinder auch Spielzeug. An der letzten Station wartet Breitner mit seinem Partner, einem jungen Polizisten, im Kühlwagen. Jedes Mal sind rund 15 ehrenamtliche Helfer bei der Ausgabe, Breitner lobt das „fantastische Team. Von uns macht das niemand für sich selbst, sondern um anderen zu helfen.“ Sie versuchen, die von der Armut betroffenen Menschen so gut es geht zu versorgen. Das ist allerdings nicht immer einfach.

„Noch dazu wird die Zahl der Bedürftigen von Tag zu Tag größer“, erklärt Breitner. Doch auch der Tafel sind irgendwann die Hände gebunden, ihre Ressourcen schlicht erschöpft. „Hätten wir mehr Ware, könnten wir ein Vielfaches an Menschen versorgen. Ich rede nicht häufig über mein Engagement, weil es keinen Grund gibt, das an die große Glocke zu hängen. Aber wenn ich schon mal die Gelegenheit dazu habe, möchte ich auf die Tafel aufmerksam machen. Es ist schön, wenn es uns gelingt, egal ob über mich oder wen anders, neue Gönner oder Sponsoren zu finden. Davon können wir nie genug haben“, betont Breitner.

Denn die Tafel ist komplett auf sich gestellt. „Wir sind unabhängig von Kirche, Staat und Verbänden“, betont Hannelore Kiethe, Vorsitzende und Mitbegründerin des Vereins. Doch ein wenig mehr Unterstützung würden sie sich manchmal schon wünschen, daraus macht Breitner keinen Hehl. „Kaum einer will ja wissen, was für Schattenseiten selbst ein so reiches Land wie unseres hat“, meint er. „Von den Politikern nimmt sich dieses Themas keiner an. Und wenn, dann nur, um sich irgendwo für eine Hilfsaktion ablichten und feiern zu lassen. Aber wie es den Menschen wirklich geht, weiß keiner von denen. Das sind alles Theoretiker“, ärgert sich Breitner und erzählt: „Wissen Sie, wie viele Politiker mir in den vergangenen Jahren gesagt haben, dass sie mal bei der Tafel vorbeischauen? Gekommen ist keiner.“

Breitner moniert: "Unsere Gäste stehen zwei, drei Stunden im Regen."

Zwar ist die Tafel stolz darauf, unabhängig von Zuschüssen oder Subventionen zu sein, doch irgendwann stößt sie an ihre Grenzen. „Das beginnt schon damit, dass wir froh sein müssen, an irgendeiner Haus- oder Kirchenwand einen Platz zu finden, um unsere Lebensmittel aufzubauen. Selbst eine Überdachung gibt es nicht an allen Ausgabestellen. Teilweise stehen unsere Gäste zwei, drei Stunden im Regen. Da merkt man, welch untergeordnete Rolle dieses Thema bei den Behörden und Ämtern spielt“, so Breitner.

Umso stolzer ist Kiethe, dass sich die Tafel seit inzwischen über 20 Jahren in München bewährt hat. „Natürlich sind wir auf Sponsoren angewiesen, sonst würde das Ganze nicht funktionieren“, weiß die Vorsitzende, betont aber zugleich: „Wir haben uns das Vertrauen unserer Lebensmittelspender und unserer Geldförderer erarbeitet. Wir sind transparent, zeigen, wo die Ware und das Geld hinfließen.“

Die Wartelisten der Bedürftigen sind lang, noch viel mehr als nur die derzeit zugelassenen 18 000 Menschen suchen Hilfe bei der Tafel. Doch so sehr die Verantwortlichen auch helfen wollen, ihrem Grundsatz bleiben sie treu. „Die Ware muss gut sein“, betont Kiethe. „Es darf nicht so aussehen, als würden wir unseren Gästen Lebensmittel zweiter Klasse anbieten. Das ist uns ganz wichtig.“

Und dass selbst noch einwandfreie Ware jeden Tag irgendwo weggeworfen wird, weiß nicht nur Breitner und schickt noch einen kleinen Appell hinterher: „Bevor manche Firmen lasterweise haltbare Lebensmitteln zur Verbrennung schicken, sollen sie lieber zu uns kommen. Ich treffe immer mal wieder Leute, die von unserer Unterstützung für die Bedürftigen noch gar nichts wussten und sich freuen, wenn sie nicht nur uns, sondern vor allem unseren Gästen helfen können. Deshalb gehe ich da auch noch mal in die Offensive und sage: „Wir versuchen zu helfen, und da freuen wir uns über jede Unterstützung.“

Sven Westerschulze

Sven Westerschulze

E-Mail:Sven.Westerschulze@tz.de

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