Die Ancelotti-Kurve

Ist der Bayern-Trainer zu weich?

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Carlo Ancelotti (r.) sucht die Nähe zu den Spielern.

München - Trotz des 4:1 über Eindhoven beschäftigt den FC Bayern die Frage, ob der neue Coach zu weich sein könnte. Vor dem Spiel gegen Mönchengladbach sind bis auf Franck Ribery alle Münchner Stars fit.

Carlo Ancelotti ist ein alter Hase. Neben vielen anderen, noch stichhaltigeren Gründen hat ihn der FC Bayern ja auch deshalb verpflichtet. Als alter Hase kennt er das Geschäft, unter anderem weiß er, wie es zu Trennungen kommt. In seinem Fall verläuft die Zusammenarbeit immer nach dem gleichen Schema, hat er mal festgestellt. Er selbst nennt das: „Die Ancelotti-Kurve.“ In München stellen sich manche Leute gerade die Frage, wo in der Kurve man sich befindet.

Beim FC Chelsea war der Verlauf bisher am ausgeprägtesten. In seiner ersten Saison bei den Briten führte Ancelotti den Klub zum Double, was erstaunlich ist, denn obwohl der gute Mann nun seit über 20 Jahren als Vereinstrainer arbeitet, hat er es insgesamt auf nur drei Meistertitel gebracht. Diesem Coup folgte ein Einbruch, die Abkühlung zum Besitzer Roman Abramowitsch und nach dem letzten Spieltag, noch vor der Abfahrt aus dem Stadion, die Entlassung. „Der enge Zeitrahmen der Kurve“, so der Coach, „war neu für mich.“

Abramowitsch hatte Ancelotti schon vor der Trennung mehrfach erklärt, er halte ihn für zu weich im Umgang mit den Spielern. In der Regel wird der Italiener geholt, um Ruhe in einen Verein zu bringen. Auch in München versprach man sich nach dem extremen Pep Guardiola von einer ruhigeren Menschenführung eine Leistungsexplosion schon allein aus Dankbarkeit. Doch bereits nach nur wenigen Wochen setzte an der Isar ebenfalls eine Debatte über Ancelottis Laissez-Faire-Stil ein. Das 4:1 gegen Eindhoven entschärfte sie ein wenig, Ancelotti aber wird weiter scharf beäugt. Es sei immer das Gleiche, meinte er schon früher: „Man stellt mich ein, damit ich freundlich und ruhig mit den Spielern umgehe – und sobald die ersten Schwierigkeiten auftreten, ist es genau diese Eigenschaft, die als Problem ausgemacht wird.“ Er selbst hat sich mit diesem Zyklus abgefunden: „Vielleicht ist das das Charakteristische an der Ancelotti-Kurve. Ich weiß, dass ich meinen Charakter nicht ändern kann, also kann ich wohl auch meine Erfolgskurve nicht ändern.“

Diese „spezielle Kurve von Aufstieg und Fall“, meinte der 57-Jährige einmal, „scheint mir eine unvermeidliche Konstante meiner gesamten Karriere zu sein“. Er geht mit der Situation gelassen um, denn es wäre das erste Mal, dass die Kurve so frühzeitig dem Ende zustrebt. Die große Frage in München ist, inwieweit die Bayern mit Freiräumen umgehen können. Die aktuelle Mannschaft ist komplizierter, als man auf den ersten Blick annehmen möchte – es gilt, viele Einzelinteressen auf einen Nenner zu bringen.

Ancelotti muss mit verdienten Stars arbeiten, die um einen letzten lukrativen Vertrag kämpfen (Franck Ribery, Arjen Robben, Xabi Alonso). Er muss zudem einen Übergang moderieren mit Neuzugängen, die noch fremdeln (Douglas Costa, Kingsley Coman, Renato Sanches). Zwischendrin stehen die Mittelgeneration, deren Vertreter schwächelten (Thomas Müller, David Alaba), und Einzelkämpfer wie Arturo Vidal oder Robert Lewandowski. Womöglich muss man diesen Kader mit gebotener Strenge führen.

Am heutigen Samstag steht der Vergleich mit Mönchengladbach an. Bis auf Ribery sind alle Spieler fit – „und in einer guten Verfassung“, wie Ancelotti versicherte. „Sie haben verstanden, wie sie sich zu verhalten haben“, stellte er außerdem klar. Dass die Borussen keine leichte Aufgabe seien, wisse er: „Ich kenne die Vergangenheit der beiden Klubs.“ War nicht anders zu erwarten vom alten Hasen.

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