FCB-Boss über FIFA, Brexit, Sanches und Robben

Rummenigge im Merkur-Interview: "Hätten Müller für Rekordsumme verkaufen können"

+
Karl-Heinz Rummenigge.

München - Im großen Interview mit dem Münchner Merkur spricht Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge über neue Herausforderungen, den Brexit, Sanches' Alter – und Robben als Tiger von Eschnapur.

Karl-Heinz Rummenigge kommt stilecht zum Interview: US-Style und FC-Bayern-like. Der Vorstandschef des FC Bayern trägt zur Jeans ein rotes Shirt, auf seiner Brust das Logo mit den Stationen der PR-Tour durch die Staaten. In einer Suite im elften Stock des „Ritz Carlon“ von Charlotte erläutert er gemütlich in einer Couch die Situation des FC Bayern, der Bundesliga und des Weltfußballs.

Herr Rummenigge, Sie waren hier in den USA mit Philipp Lahm beim Baseball. Ihr Kapitän mischte mit – hat es Sie auch gejuckt, mal den Schläger zu schwingen?

Karl-Heinz Rummenigge: Eigentlich nicht, Philipp hat das gut gemacht. Er hat im Hotel etwas geübt, habe ich gehört (grinst). Ich habe mich dafür mit den Organisatoren unterhalten, wie sie Baseball vermarkten.

Der Druck, neue Märkte zu erschließen, wächst auch, weil die Kaufkraft der Briten so eminent gestiegen ist. Ist dieser neue Transfermarkt die größte Herausforderung, die der FC seit geraumer Zeit zu meistern hat?

Rummenigge: Lamentieren nützt nichts, ich bin kein Freund davon. Man muss sich den Dingen stellen und seine Philosophie unter Umständen anpassen. Das ist uns dieses Jahr gut gelungen. Wir sind dem Markt voraus gewesen. Als zum Beispiel Renato Sanches bei der EM bekannt wurde, hatte er bei uns schon unterschrieben. Den haben wir geholt, da haben die anderen gerade ihren Urlaub geplant. Wichtig war auch, unsere zentralen Spieler mit langfristigen Verträgen auszustatten. Als Zeichen an alle Interessenten: Bei uns ist nichts zu holen. Die Tür ist zu, und wenn sie zu ist, kann sie keiner mehr aufmachen.

Die Briten könnten mit dem 100-Millionen-Hammer anklopfen ...

Rummenigge: Da hätten wir Thomas Müller vergangenes Jahr schon für einen historischen Transferrekord an Manchester United verkaufen können. Aber das bringt uns ja nicht weiter. Fußball ist immer noch ein Stück Herzensangelegenheit. Bei vielen Klubbesitzern in England, glaube ich, ist Fußball eher das Steckenpferd.

„Die Bundesliga muss dringend in die Gänge kommen“

Erwarten Sie nach dem Brexit Auswirkungen auf den Transfermarkt? Wenn die Kauf- und Strahlkraft des Pfundes schwindet, bekäme das auch die Premier League zu spüren.

Rummenigge: Das Pfund war gegenüber dem Euro immer im Vorteil. Die Betonung liegt auf:„war“. Jetzt müssen die Briten erst einmal ihre Statuten anpassen. Ich bin gespannt, ob der Brexit vielleicht auch dazu führen wird, dass die Briten ihren Fußball-Nachwuchs richtig fördern. Bei der EM war es mit der englischen Nationalelf nicht so weit her. Ich muss sagen: Ich habe keine Angst vor den Engländern.

Wobei sie genauso fleißig sind wie Ihr FC Bayern – und nicht nur in Form eines einzigen Klubs: 19 Erstligisten von der Insel sind in diesem Sommer auf internationalen Touren. Aus der Bundesliga reisen nur vier um den Globus, um den deutschen Fußball populärer zu machen.

Rummenigge: Viele deutsche Trainer denken da falsch, wenn sie weite Flüge scheuen. Wir haben eine Verpflichtung. Sehen Sie: Jetzt haben wir den neuen TV-Vertrag mit 1,16 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist sehr positiv, großes Lob, da haben viele Leute einen guten Job gemacht. Aber jetzt schreien alle nach mehr Geld und ignorieren dabei, dass man für dieses Geld eine Gegenleistung erbringen muss. Ich finde es toll, dass Mainz nach Colorado gegangen ist. Und wenn jetzt einige jammern: Uns kennt keiner, sage ich: „Geht raus, das ist der erste Schritt!“ Die Bundesliga muss dringend in die Gänge kommen. Alle haben Möglichkeiten. Ich betone: Alle! Jeder ist verpflichtet, die Markenbildung voranzutreiben.

Schreit auch der FC Bayern nach mehr Geld, wenn ab Ende August die Verteilung der neuen Fernsehmillionen verhandelt wird?

Rummenigge: Ich schreie nicht. Ich erwarte eine seriöse und faire Lösung durch die DFL, bei der die Top-Klubs entsprechend ihrer Funktion als Lokomotive berücksichtigt werden.

Männer wie Sanches sind heute sündhaft teuer, auch die Verträge werden nur verlängert, wenn die Bezüge steigen. Wie groß ist die Gefahr, dass der FC Bayern in diesem Komplex ausblutet?

Rummenigge: Die Gefahr sehe ich nicht. Wir haben ja auch höhere Einnahmen und bauen unsere Partnerschaften aus. Wir werden jetzt unseren vierten Sponsor aus den USA präsentieren und sind ja nicht zum Urlaub hier. Es ist absolut richtig gewesen, vor zwei Jahren in den USA ein Büro eingerichtet zu haben. Wir betreiben einen hohen Aufwand für unsere Bilanzen. In den USA begleitet das Team ein Tross von 70 Leuten. 70!

Aber steigen die Einnahmen denn tatsächlich analog zu den Ausgaben?

Rummenigge: Es ist doch so: Wir wollen und können keine Gehälter wie Manchester City zahlen. Ich habe aber auch gar nicht den Eindruck, dass alle Spieler nach England wollen. Aus verschiedenen Gründen: Die Premier League ist stressig, das Essen, das Klima ...

… und ist der Ruf des FC Bayern vielleicht auch noch etwas wert? Oder ist das zu romantisch gedacht?

Rummenigge: Nein, es gibt drei Klubs, die ein romantisches Image haben: Real Madrid, FC Barcelona und der FC Bayern. Diesen Vorteil haben wir. Erhalten Spieler von diesen drei Klubs Anfragen, kommen sie in der Regel auch.

Haben Sie schweißnasse Hände, wenn Sie für einen 18-jährigen Sanches 35 Millionen Euro plus X ausgeben?

Rummenigge: Das ist wahnsinnig viel Geld, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber ich habe mich mit Carlo Ancelotti bereits im März hingesetzt. Wir waren uns einig: Dieser Spieler ist uns das Risiko wert. Bei der EM hat man jetzt schon gesehen, was für eine enorme Kraft er mitbringt, und was für eine Persönlichkeit da auf dem Platz steht – mit 18! Das ist schon beeindruckend.

Ist er denn 18?

Rummenigge: Natürlich. Wir haben das geprüft. Es gibt Dokumente wie die Geburtsurkunde aus dem Krankenhaus, es gibt Fotos, Videos. Der Junge hat mit 16 einfach einen enormen körperlichen Schub gemacht. Und er hat wahrscheinlich auch im Fitnesscenter gepumpt. Aber dass er 18 ist, daran besteht kein Zweifel.

Auch die Dortmunder haben viel Geld investiert: 119 Millionen Euro. Die Bayern zu jagen, ist eine kostspielige Angelegenheit geworden. Haben Sie Sorge, dass sich der BVB wie vor gut zehn Jahren wieder verhebt?

Rummenigge: Dieses Jahr werden sie erst einmal einen Rekordgewinn verkünden, weil die Einkäufe erst im Laufe der Jahre in die Bilanzen einfließen. Mein Kollege Hans-Joachim Watzke macht einen erstklassigen Job. Ich glaube, dass es nie wieder passiert, dass der BVB in finanzielle Probleme kommt. Sie haben eine gute Philosophie und werden unser natürlicher Konkurrent sein. Es ist kein Zufall, dass Dortmund sich kontinuierlich etabliert hat – und auch der Beweis, dass Fußball nicht exklusiv mit Geld zu tun hat, sondern auch mit guter Arbeit. Die Voraussetzungen waren an anderen Standorten besser. Aber in Dortmund hat man besser gearbeitet.

DFL-Chef Christian Seifert sagt nun, es werde künftig Konsequenzen geben, wenn Klubs mit ihren B-Teams gegen Bayern antreten. Was sagen Sie dazu?

Rummenigge: Er hat da völlig ohne Not ein Fass aufgemacht. Er ist nicht der Staatsanwalt, und es ist eine Angelegenheit, die die Trainer unserer Gegner entscheiden. Deshalb sind wir doch nicht viermal in Folge Deutscher Meister geworden.

Gehört Gladbachs Max Eberl zum Kandidatenkreis, wenn es um die Nachfolge von Matthias Sammer geht?

Rummenigge: Wir haben keinen Kandidatenkreis. Bis auf weiteres arbeiten wir – wie die vergangenen vier Monate – ohne Sportdirektor. Wir haben den Job auf mehrere Schultern verteilt, und die schultern das sehr gut.

Alle schwärmen von Carlo Ancelotti. Sie haben den Kontakt hergestellt. Was macht diesen Menschen so besonders?

Rummenigge: Carlo hat eine barocke Lebensweise. Er ist ein guter Vertreter des dolce vita. Er lebt gut, aber er arbeitet auch gut – und er ist unaufgeregt. Er ist der richtige Trainer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich mag das, wenn einer auch mal genießen kann.

Wie lief denn die Kontaktaufnahme zwischen Ihnen?

Rummenigge: Ein Mittagessen bei einem Freund. Die Sache war binnen fünf Minuten erledigt. Er wusste, dass wir keine Man City-Tarife zahlen, das war ihm aber auch gar nicht wichtig. Er wollte zu uns, wir wollten ihn, das ist das ganze Geheimnis. Es war total unkompliziert. Das war bei Pep Guardiola übrigens genauso. Auch er wollte unbedingt, und wir wollten ihn.

Pep Guardiola wurde bekanntlich immer an der Champions League gemessen. Bürden Sie Ancelotti das gleiche schwere Ziel auf?

Rummenigge: Nein. Und auch bei Pep kam das nur von außen. Sieben, acht Klubs, darunter der FC Bayern, wollen diesen Pokal. Aber die Leute vergessen immer: Als wir 2010 im Finale standen, war das eine große Überraschung. Damit hatte keiner gerechnet. Ab da wurde die Taktung höher: 2012 Finale verloren, 2013 Finale gewonnen – daraus hat sich eine gnadenlose Erwartungshaltung entwickelt. Carlo ist aber auch ehrgeizig, ohne Frage. Wir wären dennoch vermessen, sogar arrogant, wenn wir sagen würden: Wir holen jetzt die Champions League.

Philipp Lahm sagte hier in den USA, den Bayern drohe ein Verlust der Identifikationsfiguren, sobald er aufhöre und auch Franck Ribéry bzw. Arjen Robben gingen, die das Team lange geprägt haben.

Rummenigge: Wir haben zum Beispiel Mats Hummels geholt, um dem entgegenzuwirken. Mats hat seine Wurzeln hier und eine Persönlichkeit, um Zeichen zu setzen. Jerome Boateng hat sich in der Hinsicht auch zu einem Aushängeschild entwickelt. Manuel Neuer ist eine Identifikationsfigur. Bei Lahms Abschied 2018 wird ein Vakuum entstehen. Aber eines, das gefüllt wird.

Die Aufgabe an Hummels ist: Verantwortung übernehmen!

Rummenigge: Ja. Sportlich ist er als Gespann mit Boateng unumstritten. Das ist das beste Innenverteidiger-Duo, das man sich denken kann, die beiden ergänzen sich mit ihren Qualitäten. Es ist ja kein Zufall, dass sie bei der Nationalelf kaum Torchancen zulassen.

Hinter den beiden steht Holger Badstuber, der eine beispiellose Leidenszeit hinter sich hat. Sein Vertrag läuft aus.

Rummenigge: Er will jetzt endlich ein Jahr erleben, in dem er alles hinter sich lässt. Ich hatte neulich ein Gespräch mit ihm, er weiß, wie wir ihn sehen. Er soll sich wieder langsam entwickeln. Stressfrei. Ich habe bei ihm immer das Gefühl, er setzt sich selbst unter Druck, indem er schnell wieder Top-Leistung bringen will. Sein Vertrag spielt keine Rolle. Selbst, wenn er sich noch einmal verletzen sollte, würden wir zu fairen Konditionen verlängern, ohne Frage. Das ist keine Diskussion bei uns.

Die EM, diese Vorrunde, das war doch kalter Kaffee“

Ribérys Vertrag läuft auch aus. Er will gerne bleiben.

Rummenigge: Er spielt hier in den USA sehr gut. Bei ihm ist es wie bei Robben, sie haben einen tollen Stellenwert bei den Fans, und ich weiß auch, wer das Tor im Finale von Wembley geschossen, wer es vorbereitet hat. Wir sind da nicht vergesslich. Ich habe beiden Burschen gesagt, sie müssen sich noch ein paar Monate gedulden. Dann werden wir seriöse Gespräche führen.

Thomas Müller beklagte zuletzt die immer dichteren Spielkalender. Wie stehen Sie als ECA-Chef zu den FIFA-Plänen, die WM auf 40 Nationen zu erweitern?

Rummenigge: Ich gebe Thomas zu 100 Prozent Recht. Das ist ein perpetuum mobile der Einseitigkeit. Sehen Sie: Als Franz Beckenbauer 1972 Europameister wurde, war die EM ein Turnier mit vier Nationalmannschaften. Als ich 1980 den EM-Titel holte, waren es acht. Als Matthias Sammer 1996 den EM-Sieg feiern konnte, gab es 16 Teams. Die erste WM, die ich so richtig wahrgenommen habe, war die WM 1966: 16 Mannschaften. Alles wurde aufgebläht. Ich kann an die FIFA nur appellieren: Bitte ein Stück weniger Politik, weniger an die Finanzen denken und mehr Fußball. Sind wir doch ehrlich: Die EM gerade in Frankreich, diese Vorrunde, das war doch kalter Kaffee! Langweilige Spiele bei einem Format, da war es für mich sogar als Kenner der Szene so, dass, wenn ich am Strand in Sylt gefragt wurde, welches Team jetzt gegen welches spielen würde, ich es nicht sagen konnte.

Wird es denn beim Appell der ECA bleiben – oder erwägen Sie härtere Maßnahmen?

Rummenigge: Zunächst setze ich auf den Dialog. Wir haben bald mit der Spielervertretung FIFPro ein Treffen und sind uns einig: Es muss jetzt Schluss sein mit dem ewigen Mehr, Mehr, Mehr! Unsere Spieler werden immer stärker belastet. Es gibt Verletzungsstatistiken, in denen die Zahlen steigen, weil der Druck immer höher wird. Vor Jahren bat die UEFA uns, die zweite Gruppenphase der Champions League abzuschaffen, um die Spieler zu entlasten. Dem kamen wir nach – mit welchem Resultat? Dass die UEFA die freigewordenen Termine für Länderspiele okkupiert hat. Das geht nicht. Die Verbände sind nicht dazu da, immer mehr Geld zu machen. Sie müssen den Fußball wieder mehr in den Mittelpunkt stellen.

Wie ist Ihr Kontakt zum neuen FIFA-Chef Gianni Infantino?

Rummenigge: Ich habe ihn zwei, drei Mal getroffen und ihm genau das gesagt, was ich Ihnen sage: „Gianni – wir brauchen wieder mehr Fußball! Weniger Politik!“ Ich bin nicht naiv. Ich weiß schon auch, dass so eine WM-Aufstockung mit Wahlversprechen in Asien oder Afrika zu tun hat. Aber ich sage ganz klar: Das kann nicht der Preis sein. Es ist natürlich ein schwieriger Prozess. Infantino hat eine sehr schwierige Aufgabe, die Fifa wieder auf Kurs zu bringen. Dabei muss man ihn unterstützen.

Ist Gianni Infantino ein Mann, der es schaffen kann?

Rummenigge: Er hat viel Kraft, und er wird es müssen. Weil letztlich der Fan entscheidet. Und der Fan, das hat man bei der EM jetzt gesehen, ist mit dem neuen Format nicht zufrieden gewesen. Die EM-Aufstockung war keine gute Idee.

Neulich sagten Sie einmal, gäbe es ihn nicht, würden Sie sich bei den Herrgottsschnitzern in Oberammergau einen Thomas Müller schnitzen lassen. Aber den haben sie ja. Was würden Sie aktuell in Auftrag geben?

Rummenigge: (überlegt) Wenn ich unseren Kader so anschaue, habe ich keinen Auftrag. Ich wünsche mir, dass alle verletzungsfrei bleiben. Vor allem Holger Badstuber. Oder auch ein Arjen Robben. Ich habe mit Arjen von hier in den USA aus telefoniert: Er will wieder spielen, er ist heiß. Er läuft zuhause in München herum wie der Tiger von Eschnapur.

Interview: Andreas Werner

Unser Ticker zur USA-Reise

WhatsApp-News zum FC Bayern gratis aufs Handy: tz.de bietet einen besonderen Service für FCB-Fans an. Sie bekommen regelmäßig die neuesten Nachrichten zu den Roten direkt per WhatsApp auf Ihr Smartphone. Und das kostenlos: Hier anmelden!

Wer macht was? Das Trainer-Team des FC Bayern

Wer macht was? Das Trainer-Team des FC Bayern

auch interessant

Meistgelesen

Arjen Robben gesteht: „Ich war froh, dass er drin war“
Arjen Robben gesteht: „Ich war froh, dass er drin war“
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
RB Leipzig? Hoeneß sendet Kampfansage
RB Leipzig? Hoeneß sendet Kampfansage
Schimmel-Streit: Bayern-Star beim Hauskauf belogen?
Schimmel-Streit: Bayern-Star beim Hauskauf belogen?

Kommentare