Nostalgie pur vor dem Hoffenheim-Spiel

Bayerns neues altes Liedgut - so urteilt ein Experte

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Singen für den FC Bayern: Der Augsburger Chor Quarterpast intonierte die Vereinslieder neu.

München - Einige Bayern-Fans haben bereits vergessene Vereinshymnen entstaubt und wollen die Songs vor dem Duell mit Hoffenheim neu präsentieren. Vorher äußert sich ein Komponist.

Den Gassenhauer „Stern des Südens“ hat bestimmt jeder FCB-Fan schon einmal im Stadion geschmettert! Aber wem sagen die Fan-Lieder Rot und Weiß und das Bayernlied etwas? Wohl den wenigsten. Kein Wunder, stammen diese Musikstücke doch aus den Jahren 1905 und 1907 und sind somit die ersten FCB-Hymnen überhaupt. Lange Zeit verschollen, werden diese Musikstücke vor dem Heimspiel der Bayern gegen die TSG Hoffenheim wieder zum Leben erweckt!

Dieser Hauch Nostalgie in Zeiten der roten Internationalisierung ist den FCB-Podcastern Erfolgsfans zu verdanken. Das Fanprojekt veröffentlichte im Mai 2015 die erste FCB-Chronik „25 Jahre FC Bayern München“ aus dem Jahr 1925 auf ihrer Internetseite. Dabei stießen sie auch auf die beiden Hymnen. „Für mich war klar: Diese Lieder wollen wir wieder zum Leben erwecken“, sagt Initiator Ruben Schulze-Fröhlich.

Liedtexte ohne Noten

Es gab nur ein Problem: In der Chronik standen zwar die Liedtexte, aber keine Noten dazu. Um zumindest die Melodie herauszufinden, klapperten Schulze-Fröhlich und seine Mitstreiter einige Musik-Professoren ab. „Wir erhielten den Hinweis, dass es sich von der Melodie her um alte Marsch- oder Pfadfinderlieder handelte“, erzählt Schulze-Fröhlich. Mit der Melodie im Gepäck begannen die FCB-Fans, Chöre zu suchen, die ihre Lieder einsingen und die passenden Noten dazu liefern wollten. „Die meisten haben uns für totale Spinner gehalten“, erinnert er sich.

In Hans-Ulrich Höfle und dem Augsburger Chor Quarterpast fanden die Erfolgsfans dann die idealen Partner für das Projekt. Im Sommer 2015 wurden die Lieder neu auf dem Klavier verfasst und vom Chor eingesungen. Das Musikvideo wurde in der Bundesliga-Sommerpause in der Allianz Arena gedreht - mit Unterstützung. Neben dem Chor in der Arena beinhaltet das Musikvideo auch exklusives Videomaterial der ersten Meisterschaft des FCB, wo die beiden Lieder bei der Meisterfeier von Fans und Spielern gesungen wurden.

Für Schulze-Fröhlich wäre es ein großer Traum, wenn die Südkurve eines Tages einmal die nostalgischen Lieder zum Besten geben würde: „Wenn ich daran denke, bekomme ich sofort Gänsehaut. Das wäre der Wahnsinn. Aber viele Fans mögen altmodische Traditionen.“

Manuel Bonke

Bayernlied

Sind wir vereint zur guten Stunde
Im engen trauten Freundeskreis,
So dringt aus uns’rer aller Munde
Das Lied dem Fußballsport zum Preis;
Denn wir sind hier als treue Sportgenossen,
Als Bayernmannschaft steh’n wir siegreich da,
Zu ihr wir halten unverdrossen,
Drum schall es laut: Hipp, hipp, hurra!

Wem wollen wir den ersten Gruß nun weihen?
Dem Sport, der uns zusammenhält.
Im frohen Fußballspiel im Freien,
In frischer Luft, auf grünem Feld
Da lasset uns die freie Zeit verbringen
Ihr Bayernbrüder jetzt und immerda.
Erhebt die Gläser, hoch soll’s klingen
Dem Fußballsport: Hipp, hipp, hurra!

Der zweite Gruß, er soll ertönen
Für die, die unserem Sport sich weih’n,
Und pereat allen, die ihn höhnen,
Wir aber wollen treu ihm sein.
Als Fußballspieler lasset uns getreue
Zu Bayern halten, was auch sonst geschah,
Und unser Ruf erschalle stets aufs neue:
Der F.C. Bayern! Hipp, hipp, hurra!

Den letzten Gruß, ihn lasset erschallen,
Dem Klub zur Ehr’, dem wir angehör’n,
Und das Bestreben von uns allen
Sei seinen Ruf stets zu vermehr’n.
Stolz laßt uns sein, wenn seinen Fahnen wehen,
Das Rot und Weiß, das oft man siegreich sah;
Auf das sie ewiglich bestehen,
Stoßt freudig an: Hipp, hipp, hurra!

SIGL HERMANN

Entst. 1907

tz-Kritik von Komponist Moritz Eggert

Sammlung der ersten Vereinshymnen.

Ein Lied aus einer unschuldigeren Zeit, als es im Fußball noch allein um Freundschaft und gemeinsames Saufen ging, heute geht es nur noch um Letzteres. Anhand der von umtriebigen Fans in einer Vereinschronik entdeckten Textfassung wurde das Lied mit einem Text von Sigi Herrmann rekonstruiert, nachdem man die dazu gehörige Melodie gefunden hatte. Der Chorleiter Hans-Ulrich Höfle hat das brav im Stil der Zeit gesetzt, ohne größere harmonische Überraschungen. Wer die Melodie komponiert hat, erfährt man nicht, sie ist auf jedem Fall im Stil von damaligen studentischen Trinkliedern erfunden, eine Erinnerung daran, dass der FC Bayern einmal hochintellektuell war. Zumindest bis zur Verpflichtung von Jürgen Klinsmann. Das sieht man auch an der Verwendung von heute vergessenen lateinischen Ausdrücken wie „pereat“ (Nieder mit!). Damals sah man Rot und Weiß immerhin „oft siegreich“, was angesichts des aktuellen „quasi immer siegreich außer alle sind müde vom Champions-League-Spiel“ geradezu rührend klingt. Aufführungspraktisch kann die Aufnahme kritisiert werden: damals sangen sicherlich keine Frauen (hier meistens zu tief) und es sang mehr als nur ein Mann mit. Und E-Pianos mit schlechten Samples gab es damals auch noch nicht. Pereat!

Stern des Südens

Welche Münchner Fußballmannschaft kennt man auf der ganzen Welt?
Wie heißt dieser Klub, der hierzulande die Rekorde hält?
Wer hat schon gewonnen, was es jemals zu gewinnen gab?
Wer bringt seit Jahrzehnten unsre Bundesliga voll auf Draht?
FC Bayern, Stern des Südens, du wirst niemals untergehen, weil wir in guten wie in schlechten Zeiten zu einander stehen.
FC Bayern Deutscher Meister ja so heißt er, mein Verein, ja so war es und so ist es und so wird es immer sein.
Wo wird klar schon angegriffen, Wo wird täglich spioniert?
Wo ist Presse, wo ist Rummel, wo wird immer diskutiert?
Wer spielt in jedem Stadion vor ausverkauftem Haus?
Wer hält den großen Druck der Gegner Stets aufs Neue aus?
FC Bayern, Stern des Südens, du wirst niemals untergehen, weil wir in guten wie in schlechten Zeiten zu einander stehen.
FC Bayern Deutscher Meister ja so heißt er, mein Verein, ja so war es und so ist es und so wird es immer sein.
Ob Bundesliga im Pokal oder Champions League, ja gibt es denn was schöneres, als einen Bayern Sieg?
Hier ist Leben, hier ist Liebe, hier ist Feuer und drum bleibt mein München Deutschlands bester bis in alle Ewigkeit.
FC Bayern, Stern des Südens, du wirst niemals untergehen, weil wir in guten wie in schlechten Zeiten zu einander stehen. FC Bayern Deutscher Meister ja so heißt er, mein Verein, ja so war es und so ist es und so wird es immer sein.

tz-Kritik von Komponist Moritz Eggert

Der „Klassiker“ unter den Vereinshymnen, vielleicht deswegen, weil er genau die Spur authentische Fan-Leidenschaft besitzt, die vielen eher allein geldgierigen Versuchen in dieser Art abgeht. Bei welchem anderen Klub singt ein Kabarettist aus dem Hasenbergl das Vereinslied, das er zusammen mit dem Stadionsprecher getextet hat? Kompositorisch ist das Lied wirklich apart (was man vor allem in der neuen instrumentalen „unplugged“-Version bemerkt, die Astor jüngst mit dem BR-Rundfunkorchester einspielte), und die Darbietung ist weder glatt noch genormt. Immer wieder hat man versucht, neue Vereinshymnen zu etablieren, doch wenn man im Stadion ist, kommt erst bei diesem Lied die richtige Stimmung auf, vor allem weil Kinder (z.B. mein Sohn) es auch gerne mitsingen. Allein der kurze C-Teil mit dem Klatschen nervt immer ein bisschen („Ja gibt es denn was schöneres als einen Bayern-Sieg?“) aber dann kommt schon wieder der tolle Refrain mit der Van Halen-Gitarre, an dem man sich eigentlich nicht satt hören kann, vor allem wegen der schönen kurzen Wendung nach Moll bei „schlechten Zeiten“, gefolgt von Dur bei „zueinander STEHN“, da fühlt man sich als Mann gleich potent. Ich habe dieses Lied schon bestimmt 1000 Mal gehört und finde dennoch Willy Astor und Stephan Lehmann immer noch sympathisch, was kann es für ein größeres Lob geben? Ausländer verwechseln das Lied laut youtube übrigens oft mit der Titelmusik für einen japanischen Cartoon.

Rot und Weiß (Bayernlied)

Strömt herbei, ihr Fußballspieler,
Schart euch um’s Vereinspanier;
Laßt uns sein des Sportes Schüler
Und erhebt das Glas mit mir.
Stoßet an, die Gläser klingen,
Freude weilt in unserm Kreis,
:/: Helle Lieder laßt uns singen
Von den Farben: Rot und Weiß :/:

Rot zieht sich durch unsre Farben,
Treuer Liebe edle Zier;
Nur die wahrhaft um dich warben,
Stehen treu versammelt hier.
Treu woll’n wir den Sport verehren,
Zu ihm steh´n um jeden Preis,
:/: Treu woll´n alle wir nur schwören
Auf die Farben: Rot und Weiß! :/:

Weiß erglänzt auf unserm Schilde,
Leuchtet unbefleckt und rein,
Und es wird in seiner Milde
Stets der Roten Beistand sein.
Rein soll unsre Ehre glänzen,
Rein sei unsres Strebens Preis,
:/: Und der Reinheit Blüten kränzen
Unsre Farben: Rot und Weiß! :/:

Und wenn einst nach vielen Jahren
Das Geschick uns hat zerstreut,
Wir des Lebens Meer befahren,
Denken an die Jugendzeit,
Wenn die Sehnsucht sich wird rühren
Nach dem alten Freundeskreis,
:/: Dann soll’n uns zusammenführen
Unsre Farben: Rot und Weiß! :/:

H. Blome-Hamburg,

ehem. Torwart der I b. Entst. 1905

tz-Kritik von Komponist Moritz Eggert

Die Lieder in der Vereins-Chronik.

Das für mich wesentlich schönere Lied, nach einem Text von H. Blome-Hamburg, ehemals Torwart der Mannschaft 1 b. Anscheinend hatte man schon damals eine B-Mannschaft, falls die A-Mannschaft unpässlich war oder gerade jemand sein Haus angezündet hatte. „Blome-Hamburg“ - etwa ein Saupreiß? Vielleicht erklärt das die Tatsache, dass trotz der schönen Komposition schon zwei Jahre später (1907) das plattere „Bayernlied“ folgen musste. Fast wie Schumann klingt das harmonisch wesentlich raffinierter gesetzte Rot und Weiß. Besonders zu gefallen weiß die Melodievariation bei der Wiederholung des Refrains Helle Lieder lasst uns singen - erst geht die Melodie ganz tief runter, dann geht sie wieder rauf, genauso wie der 1. FC Köln. Ansonsten ist viel von Treue die Rede und der Text klingt wie ein homoerotisch angehauchtes Sauflied einer Burschenschaft, ansonsten spräche man nicht von „Reinheit“ (Unschuld) und „Blüten“ (no comment). Als geradezu prophetisch mutet die Zeile „Nur die wahrhaft um dich warben, Stehen treu versammelt hier“ an, man kann nur mutmaßen, wie schwierig es schon damals war, Dauerkarten zu erwerben. Auch bei diesem Stück bleibt der Komponist der Melodie (wieder harmonisch im Stil der Zeit rekonstruiert) ungenannt. Wenn er lange gelebt hat, wäre das Stück eventuell heute noch GEMA-pflichtig.

Die Videos sind unter www.erfolgsfans.com/erfolgslieder/ abrufbar. Ältere FCB-Fans, die diese Lieder noch in Erinnerung haben, dürfen sich gerne bei den Projekt-Machern melden.

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