Vor dem Spiel gegen die Bayern

Kuranyi über Rostow: „In Deutschland Abstiegskandidat"

„Russland wird die Welt positiv überraschen“: Kevin Kuranyi hatte eine „super Zeit“. imago

München –Kevin Kuranyi spricht im Interview über den nächsten Bayern Gegner Rostow, seine Zeit in Moskau, Rassismus und einen Hoffenheimer Sturmkandidaten für das DFB-Team.

Fünf Jahre spielte Kevin Kuranyi (34) bei Dinamo Moskau, von 2010 bis 2015. So lange bleiben nur wenige Ausländer in der russischen Liga. Kuranyi wurde sogar Kapitän. Bilanz: 123 Spiele und 50 Tore. In unserem Interview sagt der frühere Nationalstürmer, auf was sich der FC Bayern mit dem FK Rostow einzustellen hat.

-Herr Kuranyi, FK Rostow ist eine der großen Unbekannten dieser Champions League-Saison. Was erwartet die Bayern?

Rostow hat eine super Saison hinter sich, wurde völlig verdient Zweiter und hat sogar den Meister geschlagen. In der Qualifikation für die Champions League haben sie gezeigt, dass sie ihre Form behalten haben. Sie waren gegen den RSC Anderlecht und Ajax Amsterdam sicher nicht Favorit, kamen da aber trotzdem weiter. Klar sind sie keine Gefahr für Bayern, wenn alles normal läuft. Aber dieser Klub hat sich toll entwickelt.

„In Deutschland wäre Rostow normalerweise im Abstiegskampf“

-Kennen Sie die Spieler – auf wen müssen die Bayern denn achten?

In erster Linie auf Christian Noboa. Mit dem habe ich drei Jahre bei Dinamo zusammengespielt. Nationalspieler aus Ecuador, Mittelfeldchef, starkes Passspiel, super Technik, top Übersicht. Er sagt, wo es langgeht. Ein Typ, der auch Bundesliga spielen könnte.

-Wenn man Rostow generell in die Bundesliga eingliedern würde, wo fände man den Klub dann?

Normalerweise im Abstiegskampf. Aber wenn sie in der Form von der letzten Saison auftreten, könnten sie auch in Deutschland in der oberen Tabellenregion mitreden.

-Wie ist der russische Vereinsfußball insgesamt einzuschätzen?

Die Top-Mannschaften entwickeln sich sehr schnell weiter. Es wurde und wird sehr viel Geld in die Klubs investiert, und das merkt man: Das Niveau steigt. Die Vereine in Moskau, St. Petersburg, die haben schon Top-Format. Es gibt auch einige gute Trainer in Russland, und deshalb gibt es auch immer wieder Überraschungen durch kleinere Vereine, wenn sie gut eingestellt werden. Die Russen arbeiten daran, ihren Fußball bis zur WM 2018 besser darzustellen. Da wird enorm viel bewegt. Momentan hinkt man dem Rest von Fußball-Europa noch hinterher, doch die WM ist eine große Chance, sich schneller zu entwickeln. Eishockey ist die klare Nummer 1 in Russland, aber ich denke, es gibt schon eine Möglichkeit für den Fußball, sich da näher heranzuschieben.

-Sie wurden kritisiert, als Sie zu Dinamo Moskau gingen, „als würde ich auf den Mond wechseln“, konterten Sie damals. Ist Russland wie auf dem Mond?

Russland ist nicht auf dem Mond, auch wenn viele denken, dass alles da ganz anders ist. Das stimmt nicht. Ich habe viele Freunde gewonnen, die Leute sind offen und herzlich. Es war eine super Zeit.

-Bei der EM sorgten Hooligans und auch der Umgang des Verbands mit der Problematik für Verstörung. Muss sich da was bessern in Russland?

Ganz sicher. Aber das wird auch in Russland selbst so gesehen, dass man sich da nicht klug verhalten hat. Sie werden das in Griff bekommen.

-Die WM-Vergabe wurde kritisiert. Werden die Russen es schaffen, ein gutes Turnier auszurichten?

Auf jeden Fall! Es wurden bereits viele moderne Stadien gebaut, und die Menschen begeistern sich für Fußball. Natürlich muss sich noch einiges entwickeln, aber die Leute sollten nicht immer schwarzmalen. Russland wird die Welt positiv überraschen.

„Macht Mark Uth so weiter, wird er noch eine WM-Option“

-Was sind Ihre kuriosesten Erinnerungen an Ihre fünf Jahre dort? An Ihrem ersten Tag lud Dinamos Klubchef das Team auf die Schießanlage einer Polizei ein – ungewöhnlich...

(lacht) Sehr ungewöhnlich. Wobei man aber sagen muss, dass Dinamo aus einem Polizeiverein entstanden ist. Der Präsident wollte uns Spielern einmal zeigen, wie und wo sich die Spezialeinheiten auf ihre Einsätze vorbereiten.

-Es heißt, Sie trafen bei der Schießübung gleich ins Schwarze . . .

Ja, stimmt. Da sagten gleich alle: Okay, typisch Torjäger. Wenn ich ehrlich bin, war es aber ein echter Glücksschuss.

-Sie selbst engagieren sich gegen Rassismus. Auch das ist ein heikles Thema in Russland.

Oja, leider sehr heikel. Ich habe viele Freunde und Kollegen gehabt, die mit dieser Problematik konfrontiert wurden. Aber es wird auch hier viel Aufklärungsarbeit betrieben, um das zu verbessern. Ich bin optimistisch.

-Wenn Sie den FC Bayern so analysieren: Champions League-Favorit?

Ja, sie gehören zu den Top-Anwärtern. Meister werden sie sowieso. Ich habe jetzt das Spiel auf Schalke genau angeschaut – da steht es lang 0:0, und dann sind die Bayern in der Lage, am Ende einfach den entscheidenden Schub draufzupacken. Da kommen Spieler von der Bank, die bei jedem anderen Verein Leistungsträger wären.

-Sie als Sturm-Experte: Ist Robert Lewandowski der Beste dieser Zeit?

Er gehört zur absoluten Weltspitze. Mit Luis Suarez, Antoine Griezmann und Pierre-Emerick Aubameyang. Ich habe ihn mal persönlich kennenlernen dürfen und muss sagen: Toller Mensch. Er hat sich alles selbst erarbeitet, er hat einen super Charakter.

-Der deutsche Fußball hat ein Sturmproblem. Ist Mario Gomez derzeit wirklich alternativlos?

Ich sehe schon ein paar junge Talente, aber sie müssen sich in ihren Vereinen zeigen . . .

- . . . womöglich Mark Uth, mit dem Sie letztes Jahr in Hoffenheim trainiert haben, und der jetzt gerade zwei Tore schoss?

Wenn er so weitermacht wie in letzter Zeit, kann er sogar noch eine Option für die WM 2018 werden. Er hat eine gute Qualität im Abschluss.

-Wie geht es mit Ihnen weiter? Sie halten sich bei den Stuttgarter Kickers fit.

Ich warte, was kommt. Training ist wichtig, das habe ich. Es gab schon ein paar Angebote, ich habe keine Angst, dass nichts mehr kommt – es war nur nicht das Passende für mich und meine Familie dabei. 34 ist sicher noch kein Alter, um aufzuhören. Ich bin nach wie vor gut genug für die Bundesliga. Ein Traum wäre am Ende der Karriere, mal in Brasilien zu spielen. Aber ich warte jetzt erst noch mal ab.

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