Ein Urgestein feiert heute runden Geburtstag

FC-Bayern-Legende: Alles Gute, Bulle Roth

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FC-Bayern-Legende: Franz "Bulle" Roth wird am Mittwoch 70.

Bad Wörishofen - Am Mittwoch feiert Franz „Bulle“ Roth seinen 70. Geburtstag – doch wenn es um seinen FC Bayern München geht, ist er immer noch ein beherzter Zweikämpfer.

 Franz „Bulle“ Roth feiert am Mittwoch seinen 70. Geburtstag – und noch heute ist er ein beherzter Zweikämpfer, wenn es um seinen FC Bayern geht. Mittags in einer Pizzeria im Zentrum von Bad Wörishofen, gerade wurde bestellt („Margherita, ich mag’s ganz einfach“), da beugt sich ein Mann vom Nebentisch rüber, ganz im Vertrauen: Entschuldigung, ob er es wirklich sei: der „Bulle“ Roth? Ja, nickt der „Bulle“. Der Nachbar grinst glücklich: Unglaublich, vor 30 Jahren sei er im Grünwalder Stadion gewesen, und jetzt säße man so beieinander. Im Nu entsteht ein Gespräch, bei dem der „Bulle“ plötzlich wieder als Widerstandskämpfer gefragt ist.

Vor der Bus-Abfahrt verdrückte er sich ins dunkelste Kücheneck – Trainer wussten nichts

Der Gast beharrt darauf, der Verkauf von Toni Kroos sei ein Kardinalfehler gewesen, doch das sieht der „Bulle“ anders: Großes Talent, sicherlich, aber im Zweifel würde er 1000 Mal lieber den Arjen Robben aufstellen. Und auch einen Arturo Vidal brauchen die Bayern dringender: „Der hat keine Angst. Wenn da ein Gegner kommt und sagt: ,Heut gibt’s was’, sagt der: ,Du kriegst gleich zurück!’ Schon der Robert Schwan hat zu uns damals gesagt: Selbst mit elf Franz Beckenbauers gewinnen wir nichts!“ Der Tischnachbar weiß nun Bescheid. Die Pizza kommt. „Jetzt machst erst einmal dein Diktiergerät aus“, sagt Roth, „jetzt essen wir!“

Als der Teller leer ist, dreht sich das Gespräch bald wieder ums Essen. Doch zunächst die Frage aller Fragen: Was hat den „Bullen“ eigentlich nochmal zum „Bullen“ gemacht? „Tschik“ Cajkovski sagte im Juli 1966 über den Münchner Neuzugang: „Wir haben da einen, der hat Kraft wie Muh!“ Sepp Maier belehrte den Coach: In Bayern sagt man Kuh – aber nicht zu so einem Mannsbild wie diesem 20-Jährigen. Also Bulle.

Roth selbst nennt das „Urkraft“, was in ihm steckt, von Kindesbeinen an. Die Eltern hatten einen Bauernhof, er packte überall an: Ställe ausmisten, melken, das macht Muskeln. „Heute ist ja alles maschinell, du musst nur auf die Knöpfe drücken.“ Als er zu den Bayern stieß, kommt das Thema Ernährung auf: Vor jedem Spiel zwei Stück Kuchen, das war sein Erfolgsrezept. Einfache, ehrliche Kost – und schon hat man einen Bullen, hausgemacht.

Es war natürlich geheim, dass er vor jeder Abfahrt des Mannschaftsbusses immer noch schnell in der Küche verschwand und zwei Stück Kuchen verputzte. Manager Schwan wusste Bescheid, aber die jeweiligen Trainer nicht, nur das Küchenpersonal war eingeweiht. „Der Kuchen stand immer schon in der dunkelsten Ecke bereit, aber wenn das in der Zeitung gestanden wäre: Undenkbar! Da kommt dann ein neuer Trainer, der liest das und sagt sofort: Dem schau’ ich aber genau auf die Finger!“ Dabei war das ja gar nicht nötig. Mit dem „Bullen“ holten die Bayern 1967 den Europapokal der Pokalsieger und von 1974 bis 1976 drei Mal in Serie den Landesmeistercup. In drei Endspielen traf er zum 1:0, bis heute schaffte das kein anderer. Zwei Mal waren seine Tore spielentscheidend.

Er dachte an einen Scherz

Als im Sommer 1966 sein Telefon klingelte, dachte er erst an einen Scherz. „Hier spricht Schwan, wir wollen Sie beim FC Bayern“, erinnert er sich, „ich antwortete: Wollen Sie mich verarschen?“ Nein, wollte der damalige Manager nicht. Walter Fembeck, der schon oft ein goldenes Näschen hatte, hatte den jungen Burschen von der SpVgg Kaufbeuren empfohlen. Ein paar Tage später saß Roth in der Schwanthalerstraße in einem kleinen Büro und unterschrieb für zwei Jahre. Sogar ohne Probetraining. Zuhause lästerten sie: „Was will der denn beim FC Bayern? Der ist in einem Jahr zurück.“ Das hat ihn geärgert, angestachelt, meint er heute: „Mit mir nicht“, sagte er sich. Ein Jahr später stand er nicht wieder reumütig vor der Tür seiner alten Kameraden. Sondern schlief in Nürnberg nach seinem 1:0-Siegtreffer gegen die Glasgow Rangers mit dem Europapokal der Pokalsieger am Nachtkastl ein. Wobei: geschlafen hat er damals nicht, sagt er. „Ich hatte Angst, dass mir den Pott einer in der Nacht klaut. Ich habe den bewacht bis zum Morgen.“

Dem „Bullen“ konnte man alles anvertrauen: Den Europapokal genauso wie die Größten beim Gegner. Pele, Johan Cruyff und Eusebio – „ich hab’ sie alle gehabt, den Eusebio fand ich am besten“. Sein Motto: „Hart, aber fair. Ich bin nie vom Platz geflogen.“ Zudem war er schnell, sehr schnell: 100 Meter lief er in elf Sekunden. Sprintstärke und Schussgewalt – im Training wurden einst satte 137 km/h gemessen, und bei Rapid Wien zerschoss er gar mal ein Tornetz – machten ihn zu einem Wadlbeißer mit Torriecher. Noch heute liegt er in Bayerns Historie auf Rang elf. Als „6er“. Beachtlich.

Verletzt war er selten. Die WM 1970 in Mexiko verpasste er wegen eines Überbeins, ansonsten aber resultierte seine schlimmste Blessur aus reiner Dummheit. Unter Branko Zebec büxte er an einem Sommertag mal mit Sepp Maier aus. Der gnadenlose Coach hatte die Spieler Hanteln stemmen und viel laufen lassen, bei 28 Grad. Für jede Runde ließ er einen Kieselstein fallen, am Ende lagen zu seinen Füßen 67 kleine Steinchen. Da verdrückten sich Roth und Maier an die Isar.

Vom Brückenwirt marschierten sie zwei Kilometer flussaufwärts und ließen sich ab da treiben. Herrlich. Als sich Roth an einem Ast herausziehen wollte, gab der nach. Die Schnittwunde an der Sohle füllte den Fußraum an Maiers Beifahrersitz auf der rasanten Rückfahrt mit Blut, dennoch kraxelte der „Bulle“ noch über den Zaun, um dann erst um Hilfe zu rufen: Er sei in eine Scherbe getreten. Die Nachmittagsruhe fiel aus, weil Zebec alle auf die Suche nach einem Stück Glas schickte, das es nie gab.

„Was? Du? Mit 20 Jahren? Schleich di!“

Lausbubengeschichten wie diese sind heute nicht mehr drin, sagt Roth. „Wir hatten es schöner als die Spieler heute.“ Heute wäre binnen Sekunden ein Youtube-Video vom blutüberströmten „Bullen“ am Isarufer im Internet hochgeladen – „ich möchte nicht tauschen“. Unkonventioneller, unverbrauchter, nicht unbedingt unschuldiger ging es seinerzeit zu. Dem blutjungen Karl-Heinz Rummenigge gaben sie vor einem Finalspiel ein Glas Cognac, „weil er so hibbelig war – und dann war alles gut“. So etwas würde heute wohl gleich moralapostelisch verurteilt.

„Man kann das mit uns gar nicht mehr vergleichen, das sind Welten“, sagt Roth. Material, Trainingslehre, Taktik, Umfeld, alles anders. „Wir hatten einen Physiotherapeuten für 40 Mann.“ Einmal lag er gerade auf der Massagebank, als Werner Olk und Hansi Nowak reinkamen: „Was? Du? Mit 20 Jahren? Schleich di!“ Und der „Bulle“ schlich sich, obwohl erst ein Bein durchmassiert war.

Vidals Tattoos? Ach, Zeitgeist! „Aber unter Schwan hätte der natürlich nicht gespielt“

Welcher Spieler gefällt ihm heute am besten bei seinen Bayern? Mei, sind ja alle Maschinen, sagt er. „Der Douglas Costa, da kommt zwar oft zu wenig dabei raus, aber seine Tricks gefallen den Leuten.“ Und was denkt ein 70-Jähriger über einen Vidal mit den Tattoos und der Frisur? „Ach, da muss man doch lachen. Das ist heutzutage halt so. Unter Schwan hätte der natürlich nicht gespielt. Der hat auch den Paul Breitner zum Friseur geschickt. Damals war das so: Du bist Angestellter des Vereins, du musst den repräsentieren.“

Ein Aushängeschild ist Franz „Bulle“ Roth bis heute geblieben, obwohl er niemals eine offizielle Funktion bei seinen Bayern übernahm. Jeden Tag steht er um 5.30 Uhr auf, nach Gymnastik und kalten Duschen geht er in sein Sportartikelgeschäft in Bad Wörishofen. Auch jetzt schaut er auf die Uhr: Die Mittagspause neigt sich dem Ende zu. Der Mann am Nebentisch verlangt zeitgleich die Rechnung, bedankt sich für das Gespräch über seinen Herzensklub. „Besuchen Sie mich doch mal in meinem Geschäft“, sagt „Bulle“ Roth: „Ich bin jeden Tag da.“

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