"Ancelotti? Jupp in jung"

Matthäus im tz-Interview: "Pep denkt anders als der FC Bayern"

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Lothar Matthäus.

München - Im großen tz-Interview verrät Lothar Matthäus, was nach dem bitteren Aus gegen Atlético Madrid in den Köpfen der FC-Bayern-Spieler vorgeht und wie er die Arbeit von Pep Guardiola beurteilt.

Viele Titel und große Siege prägten die Karriere von Lothar Matthäus – auch beim FC Bayern. Doch der 55-Jährige erlebte nicht nur Sternstunden mit den Roten, sondern kassierte auch schmerzhafte Niederlagen. Unvergessen der Last-Minute-K.o. gegen Manchester United im CL-Finale 1999. In der tz verrät Matthäus, was jetzt nach dem bitteren Aus gegen Atlético Madrid in den Köpfen der Spieler vorgeht und wie er die Arbeit von Pep Guardiola beurteilt.

Herr Matthäus, kann man sich nach Dienstag als Bayern-Spieler überhaupt auf die Meisterschale am Samstag freuen?

Matthäus: Erst mal sollten wir abwarten, ob die Bayern in Ingolstadt auch wirklich Meister werden. Das Spiel von Dienstag steckt ganz sicher noch in den Köpfen, denn es war das Highlight, auf das sich alles fokussiert hat. Ich erinnere mich immer noch an 1999 und damals war es das Finale, nicht noch eine Runde vorher. Wir waren auch klar spielbestimmend und haben es versäumt, den Sack zuzumachen. So ein Scheitern ist bitter, traurig, enttäuschend – man kann es einfach nicht glauben. Aber die Bayern haben in der Bundesliga jetzt zwei Matchbälle, von denen sie im Normalfall schon den ersten nutzen. Dafür ist ihre individuelle Klasse einfach zu hoch. Es wäre die vierte Schale in Folge, das ist einzigartig.

Das Pokalfinale steht auch noch an. Ist die Bedeutung nach dem CL-Aus noch größer?

Matthäus: Ein Finale ist immer von großer Bedeutung. Erst recht, wenn es gegen den Hauptkonkurrenten auf nationaler Ebene geht. Bayern gegen Dortmund, das ist ein Endspiel mit besonderer Bedeutung. Durch die Rivalität der beiden Vereine sind viele Emotionen drin – nicht nur auf, sondern auch außerhalb des Platzes.

Wäre das Double ein versöhnlicher Abschluss für Guardiola?

Matthäus: Grundsätzlich ist es doch so: Wenn man in drei Jahren zweimal das Double holt, ist das eine hervorragende Leistung. Aber bei Pep Guardiola ist das anders. Aufgrund dieser Euphorie, mit der er hier empfangen wurde, aufgrund der großen Bemühungen, die der FC Bayern unternommen hat, um ihn nach München zu holen und auch aufgrund des Gehalts, das er kassiert, sind die Erwartungen an ihn von Anfang an andere gewesen. Und bei alldem, was der FC Bayern für ihn gemacht hat, welche Wünsche er ihm erfüllt hat, da hat er in den drei Jahren mindestens einmal mit dem Champions-League-Sieg gerechnet.

Für Guardiola selbst sind Titel aber nur Nummern…

Matthäus: Das ist Quatsch, auch wenn er das sagt. Im Fußball lebt man von Titeln. Und ohne seine Titel mit dem FC Barcelona würde Guardiola sicher nicht als der Über-Trainer wahrgenommen, für den er manchmal gehalten wird. Das hat mit seinen Titeln als Trainer zu tun, womit denn sonst?

"Pep Guardiola ist keinesfalls gescheitert"

Wie beurteilen Sie Peps drei Jahre beim FC Bayern?

Matthäus: Er ist keinesfalls gescheitert. Er hat enorm viel getan für den Verein. Guardiola hat viele Spieler weiterentwickelt und neue Ideen eingebracht, von denen übrigens nicht nur die Bayern, sondern die ganze Liga profitiert hat. In diesen drei Jahren hat er definitiv seine Spuren hinterlassen. Doch leider haben sie den FC Bayern nicht an das gewünschte Ziel geführt.

Im Nachhinein war der ganze ­Hype um Guardiola also vielleicht doch verfrüht?!

Matthäus: Auf der einen Seite ist das Ziel Champions-League-Sieg, mit dem Guar­diola angetreten ist und das sich die Bosse und die Fans gewünscht haben, nicht erreicht worden. Aber auf der anderen Seite wird Bayern München unter ihm jetzt zum dritten Mal in Folge Deutscher Meister. Und das in einer Art und Weise, die schon richtig gut ist. Auch ich habe ihn ja zwischenzeitlich mal kritisiert, weil ich das Gefühl hatte, dass er sich mit seiner Eigensinnigkeit etwas beweisen wollte. Aber er selbst hat ja immer einen Sinn darin gesehen. Den hat er sicher auch gesehen, als er Thomas Müller im Hinspiel in Madrid auf der Bank gelassen hat. Das ist seine Denkweise, die ist anders als die des FC Bayern. Aber das wussten die Verantwortlichen, als sie ihn damals geholt haben. Es galt und gilt zu respektieren, dass Guardiola seine eigenen Vorstellungen hat. Doch Garantien kann eben keiner geben, nicht mal Pep Guardiola.

In den drei Jahren fiel es immer wieder auf, dass die Denkweise von Pep und dem FCB nicht unbedingt die gleiche war…

Matthäus: Natürlich denkt Guardiola anders als der FC Bayern. Normalerweise ist ein Müller bei jedem FCB-Trainer gesetzt. Nicht aber bei Guardiola, der manchmal lieber Spieler einsetzt, die für seine Idee am besten geeignet sind. In Madrid hat er mit Thiago auf mehr Ballsicherheit im Mittelfeld gesetzt und die Mannschaft mit dem Verzicht von Müller einer ihrer Stärken in der Offensive beraubt. Es wäre jetzt zu einfach zu sagen, dass den Bayern dieser Wechsel das Auswärtstor im Calderon gekostet hat. Fakt ist, dass sie da die ersten 15 Minuten völlig verpennt haben und die Diskussion, warum Müller und auch Ribéry nicht von Anfang an gespielt haben, berechtigt war. Vor allem Müller, der so unberechenbar und gefährlich ist. Nicht umsonst hat er bei zwei Weltmeisterschaften zehn Tore erzielt.

"Die Bayern wissen immer noch nicht, warum sie ausgeschieden sind"

Trotzdem hatten die Bayern am Dienstag noch die Chance auf das Finale und sind unglücklich gescheitert…

Matthäus: Am Ende bleibt die Tatsache, dass Pep dreimal im Halbfinale stand und dreimal gescheitert ist. Im Nachhinein ist es immer einfach, Fehler zu finden. Doch im Gegensatz zu den beiden Vorjahren, als die Bayern gegen Real und Barca verdient ausgeschieden sind, war es diesmal tragisch. Ich glaube, die Bayern wissen immer noch nicht, warum sie ausgeschieden sind. Für Guardiola ist es besonders bitter, denn seine Chance auf den CL-Titel mit dem FCB war nie so groß wie in diesem Jahr. Von den vier Halbfinalisten hatte Bayern definitiv die meiste Qualität.

Würden Sie das Verhältnis des FC Bayern mit Pep ­Guardiola als Liebesbeziehung oder eher als Zweckgemeinschaft bezeichnen?

Matthäus: Ich würde sagen, es war eine erfolgreiche Beziehung, die jedoch nicht gekrönt worden ist. Eine intensive dazu.

Tut dem FCB die Emanzipation von Pep nach drei Jahren vielleicht auch gut?

Matthäus: Das denke ich schon. Eine Veränderung ist ja immer auch eine Chance. Und man weiß ja, welcher Trainer kommt. Bei einem Blick auf seine Vita fällt auf, dass Carlo Ancelotti noch mehr vorzuweisen hat. Er ist in drei verschiedenen Ländern Meister geworden, hat dreimal die Champions League gewonnen. Und ich bin der Meinung, dass Ancelotti mit seiner Art und Weise besser zu Bayern München passt als Guardiola. Er kommt weniger über die Emotionsschiene, sondern ist eher familiär, eine Vaterfigur für die Spieler. Er ist so ein bisschen wie der jüngere Jupp Heynckes, der sich den Spielern annimmt und mit ihnen spricht.

Bei Guardiola war der ein oder andere bis vor ein, zwei Wochen in der Rückrunde völlig außen vor…

Matthäus: Ja, Mario Götze zum Beispiel. Ancelotti würde anders mit einem Weltmeister umgehen. Götze findet ja gar nicht mehr statt, über ihn wird mittlerweile ja kaum mehr gesprochen. Ich habe ihn am Dienstag auf der Bank gesehen, wie in Stein gemeißelt saß er da – aber niemanden interessiert es. Das würde bei Ancelotti nicht passieren. Er hat für alle Spieler ein Ohr und kümmert sich auch um die, die nicht dauerhaft im Fokus stehen.

"Uli Hoeneß ist der FC Bayern"

Apropos Vaterfigur: Uli Hoeneß tritt auch wieder öffentlich in Erscheinung. Wäre es gut für den Verein, wenn er wieder in verantwortlicher Position tätig wäre?

Matthäus: Nach allem, was passiert ist, muss sich Uli das gemeinsam mit seiner Familie sicher genau überlegen. Aber Uli Hoeneß ist der FC Bayern. Auch in der Zeit, in der er abwesend war, war er ja doch irgendwie da. Im Grunde genommen war Uli nie weg. Und wenn er meint, dass es für ihn und den Verein das Beste ist, wieder zurückzukehren, dann stehen ihm alle Türen offen.

Interview: Sven Westerschulze

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