Kapitän gibt persönliche Einblicke 

Merkur-Interview: Lahm nennt seinen besten Freund bei Bayern

+
„Etwas Abstand vom Fußball werde ich mir nach der Karriere nehmen“: Lahm im Gespräch mit Redakteur Andreas Werner.

München - Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Philipp Lahm über Glück, Armut, Ängste, Ancelottis Erziehung, das Vorbild Hoeneß und die Werte des FC Bayern.

Philipp Lahm, 32, startet heute in seine 14. Profi-Saison. Der Kapitän des FC Bayern hat schon nahezu alles erlebt: große Siege wie den Champions League-Triumph in Wembley oder den Gewinn der WM in Rio, und auch große Niederlagen wie das „Finale dahoam“. Doch es gibt in seinem Leben nicht nur Fußball. Seit 2007 hat er eine Stiftung, seit geraumer Zeit beteiligt er sich an diversen Unternehmen. Wir sprachen mit ihm mal nicht über Fußball. Im Interview dreht es sich um Kinderfragen, Freundschaften, Flüchtlinge, sinnstiftende Aufgaben und Bilder, die man nie mehr im Leben vergisst.

Herr Lahm, für Ihre Stiftung sind Sie – wie auf dem Platz für Bayern – unermüdlich, im wahrsten Sinn: Sie besuchten ein Sommercamp gleich am Morgen nach der Landung vom USA-Trip. Trotz des Jetlags. Woher nehmen Sie die Kraft?

Philipp Lahm: Wenn man mit Spaß bei einer Sache dabei ist, ist das kein so enormer Kraftaufwand. Dann spielt auch Zeit keine Rolle.

Anlass zur Stiftungsgründung war 2007 bei einer Reise nach Südafrika der Besuch der Townships. Gibt es konkrete Bilder, die Ihnen bis heute geblieben sind?

Lahm: Im ersten Moment: Die unglaubliche Armut. Die Kinder und Jugendlichen, diese Bilder kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Aber ich vergesse auch sicher gleichzeitig niemals die schönen Bilder: Wie wir trotz des offensichtlichen Leids dort mit offenen Armen empfangen wurden. Das war beeindruckend. Und ich werde nie in meinem Leben vergessen, was für eine Rolle der Fußball spielt, trotz der Umstände, unter denen die meisten Bewohner dort leben. Fußball hat eine enorme Kraft – der ganze Sport generell. Man muss sich diese Bilder anschauen, wenn Kinder spielen, obwohl sie nicht mal einen Ball haben: Da wird mit Dosen gekickt, mit zusammengeknüllten T-Shirts – und immer treffen sich Menschen, um gemeinsam zu spielen.

„Ich lebe meinem Sohn vor, dass die Menschen gut sind“

Michael Jackson sang mal in „Man in the Mirror“, wenn man die Welt verändern will, müsse man in den Spiegel schauen und bei sich selber anfangen, indem man etwas tut. War es bei Ihnen ungefähr so, als Sie aus Afrika zurückkamen?

„Man darf sich nie von seiner Angst treiben lassen“: Philipp Lahm, hier beim Besuch eines seiner Sommercamps.

Lahm: Ich wusste es eigentlich vorher. Aber als ich aus Südafrika zurückgekommen bin, war mir endgültig klar, dass ich etwas machen muss. Ich hatte so ein Glück, durfte in einem wunderbaren Umfeld aufwachsen, mich verwirklichen – ich will etwas von diesem Glück weitergeben, etwas von dem, was ich erleben durfte und darf. Wir haben dann zunächst Projekte in Afrika initiiert, neue in Deutschland kamen aber bald dazu, weil man immer leicht vergisst, dass es hier auch Kinder gibt, die Hilfe brauchen.

Die Welt hat sich seit 2007 verändert. Wenn man die Nachrichten verfolgt, wirkt sie inzwischen bedrohlicher. Haben Sie heute mehr Ängste als früher?

Lahm: Ja. Man hat immer Ängste, das gehört zum Leben dazu. Ich denke, die meisten haben Angst vor Krankheiten und Schicksalsschlägen in der Familie oder im Umfeld. Jetzt ist eine neue Angst hinzugekommen: Der Terror. Als Leistungssportler, als der man auch oft bei Großveranstaltungen involviert ist, muss man sich dieser Angst stellen.

Wie gelingt Ihnen das?

Lahm: Man muss positiv bleiben und auch positiv in die Zukunft blicken. Man darf sich nie von Angst treiben lassen. Das will ich den Leuten vermitteln, überall, auch zuhause, meiner Familie. Ich lebe meinem Sohn vor, dass es viele, viele Menschen auf der Welt gibt – genauer gesagt sind es die meisten –, die gut sind. Man darf nie immer vorrangig nur an das Schlechte in der Welt denken. Sonst hat man kein schönes Leben mehr. Natürlich muss man sich in dieser neuen Zeit anpassen und vorsichtiger sein. Aber ich persönlich möchte schon ein offenes Weltbild vermitteln. Etwas anderes ist doch, wenn wir ehrlich sind, auch gar nicht erstrebenswert.

Kinderfragen sind für Sie die ehrlichsten. In einem Sommercamp fragte Sie ein Mädchen, warum Sie für Nutella Werbung machen würden, obwohl das ungesund sei. Ein Missverständnis, weil Sie nie für den Brotaufstrich geworben haben. Dennoch hatte Sie diese Geschichte gefreut. Warum?

Lahm: Gesunde Ernährung ist bei den Sommercamps ein wichtiger Bestandteil. Ich fand es super, dass sich dieses Mädchen offensichtlich seine Gedanken über das gemacht hat, was wir vermitteln. Sie sagte sich, wir lernen hier so viel über gesunde Ernährung – dann passt das mit der Werbung doch nicht zusammen. Für mich war das ein schönes Zeichen, dass die Kinder in den Sommercamps nicht einfach nur Sachen machen, weil sie ihnen vorgegeben werden. Sondern dass sie sich auch darüber hinaus für sich selbst mit den Inhalten beschäftigen. Und das ist ja der Sinn und Zweck des Ganzen.

Ihr Lieblingsprojekt ist, wenn sich die Kinder einen Freund bauen. Sie müssen dabei entscheiden, welche Eigenschaften ihnen am wichtigsten sind. Was macht für Sie ein guter Freund aus?

Lahm: Ehrlichkeit ist mir am wichtigsten. Man darf mir auch kritisch gegenübertreten. Ich finde, das ist sogar sehr wichtig, weil es einem weiterhilft. Ehrliche Kritik ist wertvoll, und gerade unter Freunden sollte man sich auch in schweren Momenten die Wahrheit sagen können. Ein kritischer Austausch wirkt sich letztlich immer förderlich aus, das ist meine Erfahrung. Ein guter Freund sollte einem zudem stets mit Rat und Tat zur Seite stehen und hilfsbereit sein. Man muss reden können – und auch Spaß haben, und das sicher nicht als Letztes.

Wer in der Mannschaft des FC Bayern ist denn für Sie ein guter Freund?

Lahm: Ich verstehe mich mit allen sehr gut. Aber Thomas Müller ist ein richtiger Freund. Wir unternehmen auch privat gerne mal etwas miteinander.

Das sind die CL-Gruppengegner des FC Bayern

Ihre Stiftung feiert 2017 ihr 10-jähriges Bestehen. Was hat sich so verändert?

Lahm: Es ist alles professioneller geworden und gewachsen. Früher hatten wir keine drei Sommercamps in einem Jahr. Aber ich habe oft auf meine Autogrammkarte unter der Rubrik „Motto“ den Spruch „Weniger ist mehr“ drucken lassen. Das trifft für mich auch bei der Stiftungsarbeit zu. Ich finde es wichtig, mit Herz bei seinen Projekten zu sein. Ich merke es ja immer, wie es die Kinder freut, wenn ich bei den Sommercamps einen Tag wirklich vorbeischaue, was mir zum Glück bisher fast immer gelungen ist. Qualität ist das Entscheidende. Ich finde es wichtig, dass wir nicht zehn, zwölf Großprojekte haben, sondern uns auf ein paar wenige konzentrieren, dabeibleiben und diese langfristig entwickeln.

Was passiert zum Jubiläum? Sind besondere Projekte geplant? Die Flüchtlingsproblematik ist aktuell ein großes Thema. Wird sich Ihre Stiftung engagieren?

Lahm: Das ist bei uns natürlich auch ein Thema. Es gibt aber wegen der eben beschriebenen Strategie keinen konkreten Plan, ein komplett neues Projekt ausschließlich für Flüchtlingskinder zu starten. In den Sommercamps werden immer die Hälfte der Plätze über verschiedene soziale Einrichtungen vergeben, und wenn so Flüchtlingskinder kommen, bringen wir sie genauso im Sommercamp unter wie die Teilnehmer, die ihre Plätze über Partner oder Medien gewonnen haben. Der Plan für die Zukunft ist, mit den Sommercamp-Themen in die Schulen zu gehen, um noch mehr Kinder zu erreichen. Es wäre super, wenn sich das zum Jubiläumsjahr entwickelt.

Sie wuchsen idyllisch behütet auf. Ihr neuer Trainer Carlo Ancelotti hatte – wenn auch viele Jahre vor Ihnen und auf einem Bauernhof in Italien – ebenfalls eine Kindheit, die sehr von familiären Werten geprägt war. Mal böse gefragt: Erreicht so ein Mann einen 19-jährigen Jungprofi noch, der Millionen verdient?

Lahm: Ich denke, dass es keine Frage des Alters ist, die zentralen Werte eines Carlo Ancelotti anzunehmen und auch zu leben. Respektvoller Umgang, Fairplay und die Frage „Wie verhalte ich mich in einem Team?“ . . . das sind alles Werte, die einem idealerweise als Mannschaftssportler bereits früh vermittelt werden. Ob man eine gemeinsame Kommunikationsebene findet, sollte keine Frage von „alt“ oder „jung“ sein. Da spielt die Erziehung eine Rolle – und wenn einer ausschert, sind auch seine Kameraden mal gefordert, ihn eventuell wieder einzufangen.

Ihre Vorbilder, sagten Sie mal, seien Ihr Vater und Ihr Opa. Ancelotti sagt Ähnliches über seine familiären Verhältnisse. Auch Uli Hoeneß gilt als einer vom alten Schlag. Wie sehen Sie ihn?

„Ich hatte so ein Glück, das will ich weitergeben“: Lahm über seine Stiftung, die er 2007 nach einer Südafrika-reise gegründet hat.

Lahm: Ich habe vor Jahren einmal eine Laudatio auf Uli Hoeneß gehalten. Am Ende habe ich da gesagt, dass er in vielen Bereichen auch ein Vorbild für mich ist. Weil er sich immer sozial engagiert hat. Er hat immer gesehen, dass es Leute gibt, die nicht so privilegiert leben wie die Fußballstars – und er hat sich aktiv engagiert. Auch beim FC Bayern ist er ja maßgeblich verantwortlich, dass sich das Familiäre und das Soziale als wichtiger Bestandteil des Vereins etabliert haben. Es ist immer wieder förderlich, sich mit ihm auch über Themen außerhalb des Fußballs auszutauschen. Ich schätze das sehr.

Dieses Familiäre, das Sie ansprechen – wie wichtig ist es gerade in der heutigen Zeit, um sich von kickenden Konzernen wie Paris St. Germain, Chelsea oder Manchester City abzuheben?

Lahm: Die Werte, für die der FC Bayern steht, sind alles Werte, die ich zu 100 Prozent auch persönlich vertrete. Ich halte es für sehr, sehr wichtig, dass man sie beibehält, weil sie den FC Bayern tatsächlich zu so einem besonderen Klub machen. Das ist kein leeres Gerede. Es unterscheidet Bayern deutlich von so manch’ anderem Top-Klub. Darum dürfen sie auch in Zukunft nicht verloren gehen.

Wie sehr nervt es Sie eigentlich, dass Sie bereits jeder in eine führende Rolle beim FC Bayern drängt, sobald Ihre Karriere beendet ist? Sie könnten ja auch andere Pläne haben . . .

Lahm: Es nervt mich nicht. Das ist doch schön, wenn einem so etwas zugetraut wird. Der FC Bayern ist ja nicht irgendein Klub. Das ehrt mich, das freut mich. Aber es eilt nicht. Ein bisschen Pause, etwas Abstand vom Fußball werde ich mir nach dem Ende meiner aktiven Laufbahn sicher nehmen. Ich weiß aber schon jetzt, dass der Zeitpunkt relativ bald wieder da sein wird, an dem ich eine Aufgabe brauche. Ich bin vom Typ her so, dass ich gerne Verantwortung übernehme.

Sie planen akribisch Ihre Karriere nach der Karriere: Sie haben die Stiftung, sind als Unternehmer an mehreren Firmen beteiligt. Warum freuen Sie sich nicht einfach auf ein Leben auf der Couch, Füße hochlegen?

Lahm: Weil man im Leben immer Herausforderungen braucht. Wenn meine aktive Karriere zu Ende ist, kommt ein großer Einschnitt in meinem Leben – ich spiele ja seit meinem fünften Lebensjahr in einem Verein Fußball. Darauf will ich mich vorbereiten. Nur zuhause zu sitzen, das ist doch nichts. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe, die Sinn stiftet.

„Die Werte des FC Bayern machen den Klub so besonders“

Ihr ehemaliger Teamkollege Bixente Lizarazu sagte am Ende seiner Karriere, er freue sich, weil er jetzt „endlich der Kapitän auf meinem eigenen Boot sein“ könne. Wohin setzt denn Kapitän Lahm die Segel?

Lahm: (überlegt) Gute Frage. Ziele und Ideen habe ich. Aber es wird eine Umstellung werden, weil ich es als Profisportler gewöhnt bin, viele Vorgaben zu bekommen. Nur so funktioniert es in einem Team. Diese Strukturen prägen sich ein. Ich erzähle Ihnen dazu ein kleines, typisches Beispiel aus einem unserer Urlaube: Wenn es ab 19 Uhr Abendessen gibt, sage ich zu meiner Frau um fünf vor sieben: „So, in fünf Minuten gibt es Abendessen.“ Sie schaut mich dann an und entgegnet, es sei doch auch kein Problem, wenn man erst um 19.30 Uhr am Buffet ist. Da hat sie natürlich Recht, und ich will damit nur sagen: Das hat man so drin, wenn man quasi sein ganzes Leben lang in einer Mannschaft verbringt und einem da immer strikte Zeiten vorgelebt werden. Ich werde vermutlich auch mal froh sein, wenn ich nicht mehr um Punkt so und so viel Uhr irgendwo sein muss. Diese persönliche Freiheit werde ich dann sicher auch mal genießen. Ich muss mich nur erst dran gewöhnen (grinst).

WhatsApp-News zum FC Bayern gratis aufs Handy: tz.de bietet einen besonderen Service für FCB-Fans an. Sie bekommen regelmäßig die neuesten Nachrichten zu den Roten direkt per WhatApp auf Ihr Smartphone. Und das kostenlos: Hier anmelden!

auch interessant

Meistgelesen

1860-Investor Ismaik droht Hoeneß und dem FC Bayern
1860-Investor Ismaik droht Hoeneß und dem FC Bayern
Ticker: Thiago vergleicht sich mit einem Auto - Boateng fällt aus
Ticker: Thiago vergleicht sich mit einem Auto - Boateng fällt aus
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
FCB ohne Chef-Stratege nach Mainz - Vidal dabei
Robben verrät: Dieser Spieler ist der unordentlichste FCB-Profi
Robben verrät: Dieser Spieler ist der unordentlichste FCB-Profi

Kommentare