Seine erste Woche in München

Nur eine Sache irritiert Carlo Ancelotti

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Alles im Griff: Ancelotti freut sich auf den Test in Lippstadt.

München - Carlo Ancelotti zieht positive Bilanz seiner „guten“ ersten Bayern-Woche - nur eine Sache irritiert ihn.

Carlo Ancelotti hat Glück: Die gut 600 Kilometer nach Lippstadt muss er nicht mit dem Auto zurücklegen. Es wäre eine abenteuerliche Fahrt zu seinem ersten (Test-) Spiel mit dem FC Bayern geworden, hätte der neue Trainer am Steuer gesessen. Denn der muss sich an die Straßenordnung in Deutschland noch gewöhnen.

„In Italien gibt es keine Regeln auf den Straßen, eher Empfehlungen“, sagte der Italiener am Freitag etwas irritiert, als er zum ersten Mal seit seiner Vorstellung vier Tage zuvor zu einer routinemäßigen Pressekonferenz auf dem Podium Platz nahm. Er schmunzelte dabei, genau wie die Journalisten, die ihm gegenüber saßen. Man stellte sich Carlo Ancelotti im Münchner Verkehr vor, einen Fremdkörper in einer ihm unbekannten Welt. Hupend, drängelnd. Nur er selbst weiß, wie schlimm es wirklich war. Der Rest lachte über das Kopfkino und den temperamentvollen Südländer, der mit seinem Wagen die Straßen rund um die Isar unsicher macht. Stets auf der Überholspur.

Sympathisch, professionell, freundlich.

Man war neugierig gewesen auf diesen ersten Auftritt von Ancelotti an seinem neuen Arbeitsplatz. Den Start am Montag hatte er souverän gemeistert, zwei öffentliche Trainings geleitet – aber wie ist dieser Mann, von dem man auch im Klub nach kürzester Zeit in vergleichsweise ungewöhnlich hohen Tönen schwärmt, im Alltag? Sympathisch, das steht außer Frage. Professionell. Freundlich. Bemüht, sich seiner Umgebung, der Kultur in und um den Klub anzupassen. „Wir können hier eine Deutsch-Stunde abhalten“, sagte er zum Start der Pressekonferenz, die er unbedingt auf Deutsch abhalten wollte. Erst als er merkte, dass die Fragen zu komplex und die Sätze zu verschachtelt wurden, steckte er sich das Knöpfchen für den Simultan-Dolmetscher ins Ohr und schwenkte ins Englische um.

„Meine erste Woche war gut. Jetzt möchte ich meine Spieler gut spielen sehen“, sagte er. Beim ersten Test der Vorbereitung – dem Spiel beim SV Lippstadt am Samstag (17 Uhr, Sport1), das ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk für Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge ist – werde er keinem seiner Profis 90 Minuten zumuten: „Ich will aber guten Teamgeist sehen.“ Denn der Zusammenhalt in einer Mannschaft sei für ihn „wichtiger als jedes System“, stellte Ancelotti gleich zu Beginn klar. Wieder einer dieser kleinen, aber feinen Unterschiede zu seinem Vorgänger Pep Guardiola.

Alles einen Tick herzlicher

Es wirkt im Moment alles einen Tick herzlicher beim FC Bayern als in den letzten drei Spielzeiten. Ancelotti beantwortete alle Fragen geduldig, egal ob es um persönliche Vorlieben („roter Wein“), das Aufeinandertreffen in der kommenden Woche mit Manchester City und Guardiola („freue mich auf einen Freund“) oder Thomas Müllers durchwachsenen EM-Auftritte („er braucht Ferien“) ging. Er blieb so lange, bis das Mikrofon im Auditorium stumm blieb. Alles beantwortet. „Tschüß“, sagte er, „auf Wiedersehen“.

Ancelotti tut sich schwer mit der deutschen Sprache, das gibt er zu. Trotzdem aber „erkläre ich das Training in Deutsch“, sagte er. Ab und an spreche er mit den Spaniern Spanisch, Franck Ribery verstehe auch Italienisch. Das sollen aber Ausnahmen bleiben. Mit Hilfe seines Sohnes hat er die Übungsformen übersetzt, ohnehin ist sein Fußball-Vokabular schon deutlich ausgeprägter als seine deutsche Alltagssprache.

Fünf Tage frischer Wind

Fünf Tage haben die Bayern nun unter Ancelotti trainiert, den Spielern gefällt der frische Wind. Ancelottis Pass- und Positionsübungen unterscheiden sich von jenen, die Guardiola üben ließ, das berühmte „Kreis-Spiel“ kommt kaum mehr vor. Auffällig ist zudem, dass der 57-Jährige vermehrt lange Bälle trainieren lässt. Er habe bereits im Kopf, wie er spielen lassen will, sagte er.

Seit Freitag ist David Alaba als erster EM-Fahrer wieder im Training, einer der Kandidaten, die flexibel einsetzbar sind. Ancelotti sieht es als Vorteil an, „viele Spieler zu haben, die auf verschiedenen Positionen spielen können“. Er habe aber bereits eine Grundordnung im Kopf. Die stehe – auch ohne weitere Transfers, versicherte er. Selbst in der Verteidigung sieht Ancelotti trotz der Verletzung von Jerome Boateng keinen Bedarf: „Wir haben Mats Hummels, Javi Martinez und Holger Badstuber.“

Der Dauer-Patient zog in der ersten Trainingswoche mit, ist aber noch keine Option für die Partie in Rummenigges Heimat Lippstadt („braucht noch 15 Tage“). Badstuber wird also zu Hause bleiben, wenn die Bayern an diesem Samstag die erste Dienstreise mit Ancelotti antreten. Mit dem Flugzeug übrigens, nicht mit dem Auto. Und den Bus in Richtung Flughafen darf jeder lenken – nur nicht Ancelotti.

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