Zweite Amerikatour

Die Bayern in den USA: Western von gestern

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Julian Green gegen das MLS-All-Star-Team. Der FCB reist zum zweiten Mal nach 2014 in die USA.

München - Der FC Bayern macht sich erneut in die USA auf – doch die Claims mit den größten Goldnuggets sind schon abgesteckt.

Franz Beckenbauer erinnert sich noch genau an den Sommer 1977, als er vom FC Bayern zu Cosmos New York in eine völlig andere Welt gewechselt ist. Beim ersten Spaziergang durch den Central Park haben dort alle Baseball gespielt, „immer nur Baseball“. Er habe in der ganzen Riesenstadt keinen einzigen Fußballplatz gesehen. „Da wurde mir klar, dass die Menschen in den USA damals gar nicht wussten, was Fußball überhaupt ist.“

Beckenbauer hat diese Geschichte erzählt, als der FC Bayern vor zwei Jahren in die Staaten geflogen ist, um den US-Markt zu erschließen. Ein Reporter fragte ihn damals auf einer Pressekonferenz, ob der deutsche Branchenführer nicht ein wenig zu spät dran sei. Inzwischen nämlich wissen die Amerikaner durchaus, was Fußball ist. Die internationale Konkurrenz der Bayern, vor allem aus England, hat es ihnen nähergebracht.

US-Fans fliegen extra nach Chicago

Mit dem Fußball und den USA ist es derzeit so wie früher, als die ersten Siedler der Goldrausch packte. Der Wilde Westen lockte mit abenteuerlichen Schätzen, doch in der Neuzeit kommen die Bayern so spät, dass die Claims mit den größten Goldnuggets bereits abgesteckt sind. Western von gestern. Und selbst Beckenbauer musste bereits vor zwei Jahren zugeben, dass die Premier League in den USA „meilenweit voraus“ sei.

Doch aufgeben werden die Münchner deshalb noch lange nicht. Am Montag steigen sie zum zweiten Mal binnen zwei Jahren für eine Tour durch die Staaten in den Flieger, auf ihrer Route stehen Chicago, Charlotte und New York. Dass sie spät dran seien, sagte Jörg Wacker vor zwei Jahren, liege auch daran, dass sie typisch deutsch alles sorgfältig geplant hätten. Wacker ist im Vorstand für die Internationalisierung des deutschen Rekordmeisters verantwortlich.

Auf ihrer Stippvisite 2014 weihten die Bayern ihr neues Büro in New York ein, und Wacker sprach damals von einem „Grundrauschen“, das der Klub erzeugen wolle. Umfragen zufolge interessierten sich vor zwei Jahren zwischen 50 und 60 Millionen Amerikaner für Fußball. Rund eine Million davon gab an, Fan des FC Bayern zu sein. Das sind Zahlen, die generell Potenzial und im Falle der Münchner Luft nach oben signalisieren. Es scheint sich tatsächlich was zu tun, wie man am ersten Stopp Chicago versichert.

2004 sind die Bayern schon mal am Lake Michigan gewesen. Damals gab es noch keinen Fanclub. Heuer stiegen die Mitgliederzahlen der „Chicago Supporters of FC Bayern“ unmittelbar nach der Bekanntgabe im März, dass die Münchner erneut anreisen, rapide von 200 auf 600. Die Karten für das Spiel gegen den AC Mailand am Mittwoch im Bayern-Block waren sofort ausverkauft. Fans aus den ganzen USA werden extra einfliegen, und viele nehmen sich diese Woche frei, um ihre Idole zu begleiten.

„Da ist schon eine Entwicklung zu sehen“

Torsten Clausen lebt seit 1997 in den USA. 2002 kam er nach Chicago, seit 2013 gehört er zu den Organisatoren des Fanclubs. Geht er vor die Tür, trägt er in der Freizeit in der Regel immer etwas vom FC Bayern: ein Shirt oder ein Cap. Vor fünf Jahren war er da der Einzige auf Chicagos Straßen, trotz eines Einzugsgebietes von immerhin neun Millionen Menschen. Inzwischen trifft er allerdings öfter auf Gleichgesinnte/-gekleidete. „Da ist schon eine Entwicklung zu sehen“, sagt er, „aber natürlich dominieren die englischen Klubs, dazu Barcelona und Real Madrid.“

Die Fans in Chicago sind jeden Samstag Frühaufsteher. Bei sieben Stunden Zeitverschiebung zu Deutschland sitzt einharter Kern von rund 20 Menschen stets pünktlich um 8.30 Uhr in der Sportsbar „Cleos“ vor dem Fernseher. Wenn sie ihre Stammplätze besetzen, haben sie schon eine morgendliche Sporteinheit hinter sich: sich einmal durch den vorderen Bereich der Bar durchkämpfen. Da läuft die Premier League. Man begegnet sich freilich freundlich. Aber die Fans der britischen Klubs sind deutlich mehr.

Die Engländer haben nach der Stadionkatastrophe von Heysel 1985 aufgrund einer internationalen Sperre keine Europacupwettbewerbe bestreiten dürfen, damals begannen sie, sich weltweit über Testspiele zu vermarkten. Die U-Bahnen von New York gab es schon in Designs von Manchester United, ein Spiel des britischen Rekordmeisters gegen Real Madrid vor zwei Jahren in der Uni von Michigan sahen 109 000 Zuschauer; Rekord. Auch im TV sind die Bezüge deutlich besser dotiert als die der Bundesliga – und die Einschaltquoten beachtlicher. Bei ManU gegen Liverpool schalten in den USA bis zu 15 Millionen ein.

Die Bayern sind dabei, Boden gutzumachen. Als sich die „Chicago Supporters“ im Jahr 2013 formierten, gab es im ganzen Land weniger als zehn Fanclubs der Münchner. Heute sind es über 100. Das Interesse steigt, je stärker die Bayern in den Fokus rücken, sagt Torsten Clausen; am besten mittels PR-Touren vor Ort, aber natürlich sind große Siege in der Champions League auch ein probates Mittel, um sich in den Köpfen zu verankern. Die Menschen in den USA sind show- und markenorientiert, sie wissen, wer Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sind – und wer solche Namen schlägt, wird damit ebenfalls populär.

Enttäuschung groß, dass EM-Stars fehlen

In diesem Zusammenhang war in den USA die Enttäuschung groß, dass Carlo Ancelotti die EM-Stars von der strapaziösen Reise mit mehr als 20 Stunden in Flugzeugen, Jetlag und Sommerhitze entbunden hat. Die großen Namen ziehen, neben Manuel Neuer hätte vor allem Thomas Müller das Zeug dazu, eine Marke zu werden. In ihrem Fanclub hatten die US-Amerikaner viel Gefallen an Bastian Schweinsteiger, erzählt Clausen. In den Staaten setzen viele Deutschland mit Bayern gleich, und so war der Mann aus Kolbermoor eine beliebte Figur. Der krachlederne Müller schließt diese Lücke langsam, glaubt Clausen, „er kommt als Typ gut an – aber viele sind noch immer enttäuscht, dass Schweinsteiger abgehauen ist“.

Der Ex-Bayer ist auch daher ein Begriff, weil die Amerikaner im Fußball gerade bei Weltmeisterschaften zusehen. In Chicago gab es 2014 sogar erstmals Public Viewing, tausende strömten in den Grand Park, wenn die US-Auswahl antrat. Die Bayern speisen ihren Nr-1-Status in der Gunst der Amerikaner im Vergleich zur Bundesliga-Konkurrenz auch aus dem Umstand, dass die Leute bemerkt haben, wie viele Nationalspieler für die Münchner kicken.

Gefahr, erkannt zu werden, laufen Philipp Lahm, Franck Ribery oder Xabi Alonso aber nicht, sagt Clausen: „Sie brauchen hier sicher keine große Sonnenbrille und keinen Hut, wenn sie mal raus auf die Straße gehen.“

Wir berichten von der USA-Reise des FC Bayern im News-Ticker.

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