Bilanz zu Guardiolas Arbeit beim FC Bayern

"Seltsamer Mann" - So urteilen Sportreporter über Pep

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Auweia! Pep Guardiola muss zum Ende seiner Ära viel Kritik von den Sportreportern einstecken.

München – Pep Guardiola verlässt den FC Bayern ohne Champions-League-Titel. Schon jetzt wird Bilanz gezogen. Wir zeigen, wie die Sportreporter in Europa die Zeit des Trainers beurteilen.

Der Rote Teppich war bereits von höchster Stelle vorbestellt. "Pep Guardiola hat gute Chancen, München durchs ganz große Tor zu verlassen, und das hat er auch verdient", frohlockte Uli Hoeneß angesichts des Halbfinal-Einzugs des FC Bayern vor wenigen Wochen. Nach dem Scheitern gegen Atlético Madrid ist nicht nur der ehemalige Manager und Präsident, der den Klub geformt hat wie kein Zweiter, auf dem Boden der Tatsachen gelandet.

Das Champions-League-Finale findet auch in Guardiolas finaler FCB-Saison ohne die Roten statt. Folglich kann das "ganz große Tor" wohl geschlossen bleiben. Umso schwieriger gestaltet sich die Einordnung der dreijährigen Ära des katalanischen Trainers, der seine Trophäensammlung an der Säbener Straße im Idealfall noch um zwei auf sieben Titel erweitern kann. Wie bewerten deutsche und internationale Sportjournalisten Peps Schaffen? Wir geben einen Überblick.

Alfred Draxler (Bild): "Seltsamer Mann"

Besonders kritisch äußert sich Alfred Draxler in seinem Kommentar. Für den Bild-Redakteur sei Guardiola "der seltsame Mann", der für ihn "immer noch ein großes, ungelöstes Rätsel" bleiben werde. Da er die sportliche Bilanz erst nach dem Pokal-Finale am 21. Mai gegen Borussia Dortmund ziehen wolle, schießt sich der Boulevard-Journalist auf Peps Verschlossenheit in der Öffentlichkeit ein. Niemand könne erahnen, "was er wirklich denkt oder fühlt".
Draxler hat jedoch das Gefühl, dass Guardiola die Reporter "vom ersten Tag an nicht mochte". Auch mit seinen Spielern sei der Katalane nie warm geworden, weshalb er vermutet, dass die Bayern-Stars "nicht für ihn (Guardiola, Anm. d. Red.) 'sterben' würden. Vielleicht ist es das, was am Ende zum ganz großen Triumph gefehlt hat."

Martin Volkmar (Sport1): "Kritiker herangezüchtet"

Auch Martin Volkmar von Sport1 kritisiert, dass "sich Guardiola in seiner Zeit in München mit seiner Unnahbarkeit auch jede Menge Kritiker herangezüchtet" habe. Zudem habe der Trainer "mit seiner Sturheit" immer wieder "für Unruhe in der Mannschaft gesorgt". Sportlich sei dem 45-Jährigen wenig vorzuwerfen, denn die Mannschaft habe "unter ihm noch einen Sprung nach vorne gemacht, taktisch und spielerisch". Aufgrund des fehlenden Champions-League-Titels "wird er München ungeachtet seiner Verdienste als Unvollendeter verlassen".

Rainer Nachtwey (ran): "Bundesliga revolutioniert"

Ähnlich fällt die Bilanz von ran-Redakteur Rainer Nachtwey aus. Guardiola habe "das Bayern-Spiel, die Bundesliga revolutioniert". Der verpasste Titel in der Königsklasse bleibe jedoch "ein Makel". 

Karlheinz Wild (kicker): "Bester Kader des Kontinents"

Karlheinz Wild vom kicker verweist darauf, dass sich der FC Bayern quasi über den Henkelpott definieren würde und der Katalane "die wertvollste Trophäe im europäischen Klub-Fußball nicht nach München dirigieren" konnte, "obwohl ihm der in der Breite beste Kader des Kontinents zur Verfügung stand". Die Roten sollten die fast fixe Meisterschaft aber "nicht als Trostpreis begreifen".

Florian Bogner (Eurosport): "Wenig menschlich Berührendes"

Florian Bogner von Eurosport bleibt Guardiola "als Trainer ohne Schlachtenglück bei den Top-Top-Top-Spielen" in Erinnerung. Der Katalane habe "in den entscheidenden Momenten Fehler" gemacht, es auch "im dritten Jahr aus diversen Gründen nicht geschafft, eine starke, klare erste Elf zu kreieren und die Form so aufzubauen, dass Bayern im April/Mai auf dem Höhepunkt angelangt ist". Aus diesen Gründen zeige sich Guardiola "nicht nur unvollendet, sondern auch unvollkommen. In seinen Fehlern menschlich, wo sonst wenig menschlich Berührendes hinter der glatten Fassade hervortrat." Was bleibe, sei "Respekt - keine Liebe".

Christian Falk (Sport Bild): "Bayern-Mentalität nicht verstanden"

Die Unnahbarkeit des Katalanen greift auch Christian Falk von der Sport Bild auf. Der FCB-Reporter wirft Guardiola vor, "dass er die Bayern-Mentalität nie ganz verstanden hat" - ein Hinweis auf die familiäre Atmosphäre in München, die bei Weltklubs ihresgleichen sucht. Das sportliche Schaffen weiß Falk jedoch zu schätzen und findet, dass sich das Pep-Team gegen Atlético "teuer verkauft" habe. Der Verweis des Katalanen auf seine letzte Kugel sei jedoch nach hinten losgegangen, denn "diese hat Guardiola nun mal verschossen".

Fatih Demireli (Spox): "Nur respektiert"

Trotz allem habe es laut Fatih Demireli von Spox in den drei Pep-Jahren "mehr glückliche Momente als unglückliche" gegeben. Allerdings hätte sich Guardiola mit seiner immensen Erwartungshaltung das Leben selbst schwer gemacht. Weil der Katalane "die gerade in München so geschätzte Herzlichkeit so wenig an den Tag legte", sei er nie wirklich geliebt sondern "nur respektiert" worden. Dennoch ist der Trainer für Demireli "in München nicht gescheitert. Jeder Bayern-Spieler hat sich unter dem Katalanen deutlich weiterentwickelt." So habe der Trainer "über weite Strecken spielerisch neue Maßstäbe gesetzt".

Jesus Sanchez (Marca): "Große Enttäuschung"

In Guardiolas Heimat vergleicht Jesus Sanchez von der spanischen Sportzeitung Marca die Zeit in München mit Jose Mourinhos drei Jahren bei Real Madrid - der Portugiese war ebenfalls Saison für Saison im Halbfinale der Champions League gescheitert. Weil der Bayern-Trainer jedoch 2013 den Titelverteidiger übernommen habe, sei das dreimalige Scheitern "eine große Enttäuschung". Lediglich in den Duellen mit Atlético hätte das Guardiola-Team den Finaleinzug verdient gehabt. Allerdings verweist Peps Landsmann darauf, dass "nicht der Trainer entscheidend für Erfolge (sei), sondern die großen Spieler". Als Beispiel führt Sanchez den Barca-Star Lionel Messi an.

Jack Pitt-Brooke (Independent): "Ein brillanter Coach"

Auch Jack Pitt-Brooke vom englischen Independent bringt etwas Zuckerbrot ins Spiel. Zwar verabschiede sich Guardiola ohne Champions-League-Titel und habe daher "nicht das erreicht, für was er bezahlt wurde". Doch im "härtesten Wettbewerb der Welt" würden auch "Momentum und Glück" eine Rolle spielen. Natürlich könne auch der Katalane keine Titel garantieren, "aber er bleibt dennoch ein brillanter Coach und steht kurz vor seinem fünften Meistertitel in seiner siebten Saison".

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