tz-Interview über Fußball-Kaufrausch

Berater packt aus: So laufen Verhandlungen mit dem FC Bayern

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Bei den Bayern verhandeln "routinierte Geschäftsleute", wie der Spielerberater sagt.

München - Transfererlöse, TV-Geld, England: Ein Spielerberater packt aus und spricht im tz-Interview über profitgeile Spieler, wichtigtuerische Berater und die Geschäfte mit den Herren Rummenigge und Hoeneß.

Die ganze Fußballwelt befindet sich derzeit im Kaufrausch. Die Engländer dank der TV-Milliarden, die Chinesen dank der Immobilien-Milliarden, Abu Dhabi, Katar & Co. dank der Öl-Milliarden. Die Folgen: Ablösesummen und Gehälter steigen ins Unermessliche. Was das für die Bundesliga bedeutet? Nichts Gutes, weiß ein prominenter Spielerberater. Er will anonym bleiben. In der tz packt er aber trotzdem aus. Über profitgeile Spieler, wichtigtuerische Berater und die Geschäfte mit den Herren Rummenigge und Hoeneß. Das tz-Interview:

In England wird mit Geld nur so um sich geschmissen. Ist das gefährlich für die Bundesliga?

Berater: Natürlich. Die Top Fünf in England hatten immer schon Kohle. Das Problem ist, dass mittlerweile auch die Stoke Citys, die West Bromwich Albions, die Leicesters und die Newastles Geld haben. Ein FC Bayern oder auch Borussia Dortmund wird nicht bedroht sein, für den Rest der Liga hingegen könnte es schwierig werden, ihre Top-Jungs zu halten.

Firmino, de Bruyne und Matip werden nicht die einzigen bleiben?

Spielen können in England auch nur elf, die kaufen also jetzt auch nicht unbegrenzt die Liga leer. Es gibt 580 Bundesliga-Spieler, die wird England nicht alle kaufen. Die Spieler, die ausschließlich an Kohle denken, werden immer wieder dorthin wandern. Das ist aber auch gut so. Eine Veranlassung, nach China oder sonst wohin zu gehen, gibt es ja nicht.

Apropos: In Fernost wird auch die Kasse geplündert…

…und in Katar ist das nicht anders. Es gibt nun mal ein paar Spieler, die sich sagen: Wie und wo ich Fußball spiele, ist mir schnuppe, solange ich am Ende meiner Karriere eine gewisse Summe auf dem Konto habe. Dann kannst du natürlich gleich als 18-Jähriger nach Abu Dhabi wechseln. Das Problem ist derzeit, dass keine Mittdreißiger nach China gehen, sondern Spieler, die ihre Karriere eigentlich noch vor sich haben.

"Leute, die nur nach dem Geld gehen, wird es immer wieder geben"

Ein Jackson Martínez zum Beispiel, der für 42 Millionen Euro von Atlético zu Guangzhou wechselt.

Leute, die nur nach dem Geld gehen, wird es immer wieder geben. Ein Neymar hätte auch nach Katar gehen können. Hat er es gemacht? Nein! Ab einem bestimmten Einkommen ist es auch egal. Die Lebensführung eines Spielers, der 20 Millionen kassiert, ändert sich nicht dramatisch, wenn er noch fünf on top kriegt. Für viele ist mehr aber gleich besser und sie gehen. Diese Leute, die die Kohle abholen und keine Leistung bringen, brauchst du dann aber auch nicht. Gut, dass die dann nach China entsorgt werden.

Die Abgänge nach England fallen nicht in dieses Raster.

Das ist wesentlich gefährlicher. Wenn ein englischer Mittelklasseklub wie Leicester jetzt auch oben mit dabei ist, sagen sich die anderen: Gut, dann müssen wir uns jetzt drei, vier Bundesliga-Spieler kaufen. Ein Christian Fuchs zum Beispiel. Das sind Spieler, die in der Bundesliga gespielt haben und relativ preiswert zu bekommen sind. Das werden wir aber nicht ändern können. Wenn sie durch ihren TV-Vertrag so viel Kohle kriegen und sie sofort reinvestieren, ist das legitim und verstößt nicht gegen das Financial Fairplay.

Kann man dagegensteuern?

Ich wüsste nicht wie. Die Spieler sind ja auch nicht blöd und unterschreiben Zehnjahresverträge ohne Klausel. Du setzt einen für fünf, sechs Jahre auf, packst noch eine Ausstiegsklausel mit rein und fertig. Regulierend wird sich der Fakt auswirken, dass die Engländer keine 50-Mann-Kader haben können. Es gibt Spieler, die nicht Fußball spielen wollen, sondern nur Kohle kassieren. Für einen zweiten Torhüter, wie beim Kollegen Ulreich bei Bayern, oder einen verletzungsanfälligen Spieler in den Mittdreißigern, kann das mal legitim sein, aber bei 20-Jährigen, die dann wie der Kevin Wimmer bei Tottenham nur noch auf der Tribüne sitzen, braucht’s das doch wirklich nicht. Das wird ein reicher Mann, so ein Thomas Berthold, aber letzten Endes willst du doch auch ein bisschen kicken. Es ist eine Charakterfrage.

"Wer geht schon freiwillig nach Wolfsburg?"

Wo zeigt sich der Charakter der Spieler?

Bei den Wolfsburgern gewannen die Bayern gerade erst mit 2:0.

Wenn einer kommt und dir verspricht, dass du bei Tottenham der kommende Mann bist, kann man das ja machen. Es ist ja nicht ekelhaft, in England zu spielen, das ist ja nicht China oder Indien. Die Premier League ist eine attraktive Liga, und wenn du sogar in London unterkommst, ist das vielleicht noch einen Tick attraktiver als München. Aber es gibt auch Spieler wie Draxler oder Schürrle, die nach Wolfsburg gehen und dann im Ritz Carlton sitzen – und zwar auch für viel Geld. Das ist ja dieselbe Nummer, wir haben ja ein kleines England bei uns. Oder meinen Sie, es geht irgendjemand freiwillig nach Wolfsburg? Der Effe ist am Ende der Karriere hingegangen, um ein bisschen Geld abzuholen. Warum Schürrle, der auch noch andere Optionen hatte, bleibt mir verborgen. Jedem meiner Spieler, der ein Angebot von Wolfsburg hat, würde ich sagen: Fahr da mal hin, lauf da mal einen Tag rum, und dann sagst du mir, ob du dir das drei Jahre lang antun willst.

Die Verhältnisse in England dürften aber auch für Berater ein El Dorado sein, oder?

Der Unsinn, wonach Berater an den Ablösesummen partizipieren, lässt sich einfach nicht ausräumen. Eine niedrige Transfersumme spricht für ein hohes Beraterhonorar. Wenn ein Spieler ablösefrei wechselt, ist es für einen Berater viel lukrativer, als wenn er für 100 Millionen wechselt. Je höher die Ablösesummen, desto niedriger die Gehälter – das ist die Regel. Und wenn jemand ablösefrei kommt, kann er auch ein höheres Gehalt verlangen. Es liegt ja dann mehr Geld auf dem Tisch. Und da das Beraterhonorar mit dem Bruttojahresgehalt zusammenhängt, kriegt auch er ein größeres Stück vom Kuchen ab. Die Ablösesummen interessieren keinen Berater.

Für Cezary Kucharski dürfte sich also auch eine Gehaltserhöhung von Robert Lewandowski beim FC Bayern lohnen.

Auch hier ist es eine Charakterfrage, denn besser als bei Bayern München kann er es in der Regel nirgendwo anders haben. Wo will er denn hin?

Madrid ist nicht die schlechteste Adresse.

Er muss es sich dreimal überlegen, ob er sich das antun will. Letzten Endes kann es nur ums Geld gehen, denn mit Bayern kannst du auch Titel gewinnen. National wie international. Aber wie gesagt: Ob so ein Spieler wie Lewandowski eine Million oder nur 500.000 Euro mehr verdient als vorher, ist doch völlig unerheblich für seine Lebensführung.

Sein Berater jedenfalls spart nicht gerade mit Aussagen über seine Zukunft.

Es gibt eben einige diskrete Berater – und welche, die sich sehr wichtig nehmen. Unser Einfluss ist doch nur temporär. Solange Lewandowski bei Bayern spielt und trifft, wird Kucharski angerufen und im Bernabeu abgelichtet. Wenn der mal nicht mehr bei Bayern spielt, verschwindet er wieder in seinen Fuchsbau in Ostanatolien. Nehmen Sie das Beispiel Mustafa Özil: Die Özils waren mal kurzfristig wichtig und sind auch Lamborghini gefahren. Bis dann einer den Stöpsel gezogen hat und es vorbei war.

Berater: Bei Bayern laufen Verhandlungen absolut professionell

Wie kann Bayern Lewandowski jetzt entgegenkommen?

Finanziell. Wenn er nicht verlängern und gehen sollte, muss Bayern einen neuen Stürmer kaufen. Der kostet Geld. Mindestens 50 Millionen. Das ist jetzt reine Mathematik. Wenn ein neuer 50 kostet, dann geben wir Lewandowski lieber noch zehn drauf. Dann bleibt er – und auch wenn es absurd klingt: Bayern hätte immer noch Geld gespart.

Wir reden jetzt aber über das Jahr 2019. Denn bis dahin läuft Lewandowskis Vertrag, der auch keine Ausstiegsklausel beinhaltet.

Die Frage lautet, ob die Bayern für die Ablöse einen geeigneten Spieler finden. Lautet die Antwort ja, werden sie ihn ziehen lassen. Lautet sie nein, werden sie ihm sagen, dass er bleiben muss.

Wie haben Sie die Herren Rummenigge und Hoeneß bei Verhandlungen erlebt?

Absolut professionell. Das sind routinierte Geschäftsleute, die absolut seriös sind. Bei Rummenigge und Hoeneß gilt noch ein Handschlag, bei Hopfner sowieso. Es ist eine Freude, mit solchen Leuten verhandeln zu dürfen. Ich wurde mal nach einem Rat für junge Berufseinsteiger gefragt. Meine Antwort lautete: Versuche niemals, einen Uli Hoeneß zu verarschen. Das ist auch ein kleiner Ratschlag an den Kollegen Lewandowski.

Interview: José Carlos Menzel López

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