Zu viele Muskelverletzungen beim FC Bayern?

Sportarzt Klingelhöffer: "Pep muss sich hinterfragen"

+
Die Verletzten-Misere beim FC Bayern gefällt Trainer Pep Guardiola ganz und gar nicht.

München - "Bei einem Verein wie dem FC Bayern kann so eine Häufung an immerzu den gleichen Verletzungen einfach nicht sein": Sportarzt Dr. Werner Klingelhöffer über Bayerns fehlende Balance, falsches Training und sture Trainer.

Verletzungen gehören zum Profisport, sie können passieren. Aber es gibt eine Regel, bei der die medizinische Branche aufzuhorchen beginnt. Wenn sich die gleiche Art einer Blessur häuft, ist etwas faul im Staate. In unserem Interview erläutert Dr. Werner Klingelhöffer die vielen Muskelverletzungen beim FC Bayern. Der Orthopäde aus Bad Tölz gilt als deutsche Kapazität für Sportkinesiologie, einem alternativmedizinischen Verfahren, das gesundheitliche Störungen als Schwäche von Muskelgruppen interpretiert.

Herr Dr. Klingelhöffer, 14 Muskelverletzungen bei den Bayern seit August – ist das nun Zufall, Pech? Was sagt ein Experte dazu?

Dr. Werner Klingelhöffer: Ich will ja keinem Chefcoach oder Athletik-Trainer prinzipiell ins Wort reden. Aber das geht einem schon im Bauch rum, was bei so einem Weltverein wie dem FC Bayern im Bereich der Muskelverletzungen nun bereits seit einiger Zeit passiert. Das hat mit Pech und Zufall nichts mehr zu tun, sondern das ist ein hausgemachtes Problem. Da muss sich auch ein Trainer wie Pep Guardiola hinterfragen: Was läuft bei meinem Training falsch?

Ferndiagnosen sind immer heikel. Aber was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

Dr. Werner Klingelhöffer: Ich spreche mal aus sportkinesiologischem Ansatz: Wir müssen die Muskeln so behandeln, dass wir den energetischen Umlauf im Körper gleichmäßig balanciert halten. Das erreiche ich im Vorfeld einer Einheit oder eines Spiels etwa durch spezielles dynamisches Stretchen und im Nachhinein mit sportkinesiologischen Massagen . . .

Aber Dehnen und Massagen, das machen sie beim FC Bayern doch auch.

Sportarzt Dr. Werner Klingelhöffer.

Dr. Werner Klingelhöffer: Aber viele machen es eben nicht ganz richtig. Wenn Sie heute einem Fußballer beim Dehnen zuschauen, zieht er zum Beispiel seine Ferse zum Gesäß hoch. Falsch. Das ist ein zweigelenkiger Muskel, da muss auch die Hüfte gedehnt werden. Die Ferse hat am Hintern nichts verloren. Das muss man den Spielern aber auch sagen und zeigen. Im Profibereich – auch hier in meinem Umfeld beim EC Bad Tölz im Eishockey übrigens – schaut da keiner mehr drauf. Die Spieler denken: Dehnen, das kann ich schon, das mache ich seit Jahren so. Aber wenn Sie das richtig machen, erhöhen Sie auch den ergetischen Fluss und verhindern Verletzungen. Das ersetzt nicht die Physiotherapie. Aber es unterstützt den Körper. Übungen dauern da bloß zwei bis drei Minuten.

Jürgen Klinsmann hat die Kinesiologie einst beim DFB angestoßen. Doch so richtig angekommen ist diese Trainingslehre nie.

Dr. Werner Klingelhöffer: Klinsmann war ein Vorreiter, das stimmt. Aber er hat, glaube ich, nicht so ganz gewusst, was er da macht. Auch Joachim Löw integriert Aspekte in sein Training, bei Bayern lassen sie sich ebenfalls finden. Aber sie trainieren alle nur nach dem Prinzip: „Hüpf’ über die Stange, dann sag’ mir was 10 mal 10 ist!“ Das ist Kinesiologie, die im mentalen Bereich stattfindet. Sprechen wir aber über Sportkinesiologie, muss sie auch im körperlichen Bereich wurzeln.

Unter Medizinern gibt es den Witz: Der Internist weiß alles, der Chirurg kann alles, der Pathologe hat beides, aber zu spät – ist Pep Guardiola der Pathologie zuzuordnen?

Dr. Werner Klingelhöffer: Um ehrlich zu sein: Ja. Er scheint tatsächlich nichts anzunehmen, nach dem Motto: Er weiß alles und kann alles. Für mich ist das ein knallharter Typ, für den Anstöße eine Majestätsbeleidigung sind. Ich will nicht das „Gscheidhaferl“ spielen – aber bei einem Verein wie dem FC Bayern kann so eine Häufung an immerzu den gleichen Verletzungen einfach nicht sein. Da darf man eben auch mal einen Pep Guardiola zu sich zitieren, um ihn zu fragen: Was machst du da eigentlich? Jede Firma holt sich in Spezialfragen zum Beispiel externe Berater. Es scheitert leider oft an der Arroganz und Ignoranz der Trainer. Das sind Alphatiere, die lassen sich nichts sagen. Sogar ein Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist ja an Pep Guardiola gescheitert. Er hatte keine Lust mehr, das kann wohl jeder nachvollziehen, wenn da einer ist, der dir ständig Vorschriften macht. Dabei hat doch jeder seine Kompetenzen. Sehen Sie: Ich kann keinem das Fußballspielen beibringen. Oder Eishockey. Ich kann selbst nicht mal Schlittschuhlaufen. Aber ich kann die Sportler so trainieren, dass sie gesünder das umsetzen, was sie können.

Jerome Boateng musste in der Vorrunde ab und an mit Knieproblemen passen – ist es möglich, dass sich bei ihm in Hamburg an den Adduktoren daraus eine Folgeverletzung ergab?

Dr. Werner Klingelhöffer: Wenn ich höre, dass sich ein Boateng einen Muskelbündelriss in den Adduktoren zugezogen hat, gehen bei mir Antennen hoch. Da hat er auf jeden Fall nicht Pech gehabt. Bei einem Profisportler, der super austrainiert ist, muss da schlicht etwas falsch gelaufen sein. Schambeinentzündungen sind ein weiteres Beispiel – die müssen bei Fußballern echt nicht sein, das sind häufig hausgemachte Probleme. Und wenn ein Holger Badstuber mehrfach operiert wird und danach auf der Gegenseite sich den Muskel reißt, tut mir Leid, da stimmt etwas nicht in der Balancierung. Wenn Sie mit dem Sprunggelenk umknicken, humpeln Sie auch. Das wirkt sich auf den ganzen Körper aus.

Sie sind als Schulmediziner eine Rarität in der Sportkinesiologie.

Dr. Werner Klingelhöffer: Ja, und mit Esoterik hat das alles nichts zu tun. Wir haben keine Klangschalen, sondern der Schweiß fließt. Wir nehmen den Geist mit, aber das Wesentliche geht über den Körper. Sportler definieren sich über ihren Körper. Die Profivereine lassen sich noch immer zu schmale Zeitfenster für Innovationen. Dortmund hat sich für Kinesiologie mal einen halben Dienstagvormittag freigehalten. Dabei sind wir inzwischen so weit, die Lehre auch direkt ins Training einbringen zu können. Wir haben das bei der SpVgg Unterhaching eine Weile gemacht, nur scheiterte es dann am vormaligen Trainer, der sagte, in der Kabine haben wir nichts verloren. Da müssen wir aber für die Regeneration ran, so war es sinnlos.

Haben Sie andere Beispiele aus der Praxis?

Dr. Werner Klingelhöffer: Bei TuS Geretsried stiegen die Jugendlichen in die Landesliga auf, als wir unter anderem das dynamische Stretchen vor dem Spiel eingeführt hatten. Das sieht fast wie Ballett aus, die Burschen waren mit Spaß bei der Sache und gewannen ein Spiel nach dem anderen. Der Trainer hat zusätzlich sportkinesiologische Grundsätze in sein Training übernommen. Es gibt sogar ein Beispiel von einer Migrationsmannschaft in Bad Tölz. Sehr problematisch von der Psyche her. Sie stiegen mit unserem Training von der A-Klasse auf, mit 111 Toren, ohne ein Spiel zu verlieren – und plötzlich haben sich die unterschiedlichsten Nationalitäten auch verstanden.

Im Profifußball heißt es, der FC Barcelona sei unter anderem für die Sportkinesiologie offen.

FC Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Dr. Werner Klingelhöffer: Ja, denen sieht man an, dass sie mit der Methode spielen: Wer im Voraus denkt, weil er zuvor nachdenkt, wird Meister. Wenn man das beim One-Touch-Fußball komplett beherrscht, wird es dem Gegner ganz einfach zu schnell. Barcelona macht nur manchmal den Fehler, dass sie denken, sie müssten den Ball ins Tor tragen. Wenn Sie gute Tore anschauen, im Fußball wie im Eishockey, merken Sie: Da ging es immer schnell. Weil der Torwart den Ball oder Puck gar nicht mehr sieht. Dafür muss ich aber mental wie körperlich in der Balance sein. Das funktioniert beim B-Klassisten, bei Kinderteams, bei einer Nationalelf. Wenn du das umsetzt, bist du auf der Gewinnerseite.

Andreas Werner

Andreas Werner

E-Mail:andreas.werner@merkur.de

Google+

auch interessant

Meistgelesen

Auftrag ausgeführt: Neuer Rasen in Arena verlegt
Auftrag ausgeführt: Neuer Rasen in Arena verlegt
Gründe für Bayern-Pleite: "Ideenlos, zu wenig Einsatz"
Gründe für Bayern-Pleite: "Ideenlos, zu wenig Einsatz"
FC Bayern missglückt Revanche bei Atlético
FC Bayern missglückt Revanche bei Atlético
Hoeneß bewundert Lahm: "Parallelen zu meinen Anfängen"
Hoeneß bewundert Lahm: "Parallelen zu meinen Anfängen"

Kommentare