Uli Hoeneß ab heute wieder Bayern-Präsident

Boss für die Basis

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Leiden, jubeln, mitfiebern: Uli Hoeneß mit seiner Ehefrau Susi bei den Basketballern des FC Bayern. 

München - 987 Tage sind eine lange Zeit. Nicht nur Uli Hoeneß, 64, hat sich verändert, seitdem er als verurteilter Steuersünder 2014 von all seinen Ämtern zurückgetreten ist, sondern auch der FC Bayern. Heute wird er wieder Präsident seines Herzensklubs. Ein Schritt zurück, der beide Seiten nach vorne bringen wird.

In Röslau, in der Idylle des Fichtelgebirges, herrscht seit Wochen Ausnahmezustand. Und wenn man Michael Taucher fragt, welche Gemütslagen er in den letzten Tagen durchlebt hat, zählt er eine Liste auf, die kein Ende zu nehmen scheint. Schnappatmung, Zittern, alles war dabei, als die Nachricht aus München Anfang November im tiefsten Franken ankam. Seitdem versucht der FC Bayern Fanclub des 2000-Einwohner-Örtchens irgendwie mit seinem Losglück zurechtzukommen. Und sich darauf einzustellen, dass die erste Amtshandlung nach der offiziellen Wahl heute Abend auf der Jahreshauptversammlung den alten und neuen Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß, 64, zu ihnen führen wird.

Am Sonntag um die Mittagszeit wird er in der Fichtelgebirgshalle im benachbarten Wunsiedel erwartet, „je nach Verkehr etwas früher oder später“, sagt Taucher. Vollkommen egal. Man wird warten. Rund 450 Leute werden da sein, Hoeneß kann sich auf einen warmen Empfang einstellen. Zurück bei jenen Menschen, die auch in den vergangenen zweieinhalb Jahren auf seiner Seite waren.

„Wir alle stehen zu ihm“, versichert Michael Taucher, der Fanclub-Vorsitzende, „kritische Töne wird man nicht hören.“ Weißwürste soll es geben, ein schöner Frühschoppen ist geplant, „und natürlich“, sagte Taucher, „haben wir auch eine Überraschung für unseren Uli vorbereitet“. Bayerische Folklore pur, mia san mia bis zum Anschlag. So geht es nun mal zu, wenn Spieler und Funktionäre des FC Bayern für die traditionellen Fanclub-Besuche ausschwärmen.

Und wenn Hoeneß kommt: Dann ist noch mehr los.

In unserem Live-Ticker zur Jahreshauptversammlung halten wir Sie am Freitag auf dem Laufenden.

Der Mann, der nach verbüßter Haftstrafe und der Rückzahlung einer Steuerschuld von fast 50 Millionen Euro heute Abend auf seinen Thron zurückkehrt, kennt das Spiel. Hoeneß hat in seinem Leben als Manager und Präsident des größten Sportvereins Deutschlands schon zahlreiche solcher Besuche hinter sich gebracht, und er kann sicher sein: An der Basis hat sich in den vergangenen 987 Tagen, in denen der FC Bayern ohne seinen Macher auskommen musste, wenig geändert. Die 260 Kilometer nach Wunsiedel nimmt er am Sonntagvormittag daher gerne in Kauf. Wobei er sich noch lieber erst am zweiten oder dritten Advent ins Auto in Richtung Franken gesetzt hätte. Wenn die Weihnachtsstimmung ihren Höhepunkt erreicht, dieses wohlige Gefühl die Magengrube umgibt und im Fichtelgebirge auch noch die Flocken vom Himmel fallen – ja, dann wäre eigentlich die richtige Zeit für die Familie gewesen. Seine Familie, die den Namen FC Bayern trägt.

Termine wie Fanclub-Besuche zur Weihnachtszeit werden freilich vom Spielplan bestimmt. Einige Male war erst Zeit dafür, als Weihnachten lange rum war. Der Sonntag bietet sich heuer an, weil die nächste Partie der Bayern erst am Freitag in Mainz ansteht.

Die Basis ist für ihn beim Streben nach globalem Erfolg nach wie vor das Wichtigste. Die Rollenverteilung scheint klar: Ab sofort, mindestens für die kommenden drei Jahre, ist Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge ausschließlich für das Geld des FC Bayern zuständig – und Uli Hoeneß für das Herz.

Diese Aussage hat Hoeneß vor einigen Wochen selbst gemacht. Er hat sie nicht böse gemeint, der kritische Zungenschlag, der öffentlich hinzugereimt wurde, hat ihn später, bei der täglichen Zeitungslektüre in seinem Haus oberhalb von Bad Wiessee, genervt. Weil er nicht den Anschein erwecken wollte, dass der FC Bayern in den letzten zweieinhalb Jahren kein Herz gehabt hätte und dringend wieder einen Gegenpol zum nüchternen Westfalen Rummenigge brauche. Sondern weil er einfach nur sein eigenes Wirken, seine Entscheidung, es noch einmal zu tun, legitimieren wollte.

Es ist ja nicht so, dass Rummenigge und Hoeneß sich nicht verstehen, im Gegenteil. Die langjährigen Weggefährten wissen nur zu gut, dass die Zeit, in der der FC Bayern auf einen der beiden verzichten kann, noch nicht gekommen ist. Rummenigge hat den Platz an der Sonne in Hoeneß’ Abwesenheit zwar genossen, er wird sich ab sofort umstellen müssen. Denn Hoeneß schließt nicht aus, als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender anders als sein Stellvertreter Karl Hopfner auch mal ein Veto einzulegen. Da werden vielleicht Türen knallen, zum Wohle des Klubs werden sie aber auch schnell wieder geöffnet werden.

Emotionale, warmherzige Worte hat man vom Klubboss in den letzten Wochen in Richtung Hoeneß nicht gehört. „Ein Spektakel“ erwartet Rummenigge heute Abend bei der Versammlung im Audi Dome, mehr sagte er diese Woche nicht. Es heißt auch, dass die Distanz zwischen Rummenigge und Hoeneß seit dem Sommer etwas größer geworden sei. Der Personenkult schmeckt dem derzeit Führenden nicht. Dabei hat dieser Klub genug Raum für beide. Weil sie komplett unterschiedliche Nischen bedienen. Was schon mal funktioniert hat, wird wieder funktionieren. Beide Seiten haben sich weiterentwickelt. Aber der Schritt zurück wird alle nach vorne bringen.

Uli Hoeneß hat sich verändert. Mit Willi Lemke, dem ehemaligen Bremen-Manager, hat er jahrzehntelang eine offene Feindschaft gepflegt. Seit seiner Haftentlassung haben sie sich drei Mal getroffen, zuletzt an Lemkes Geburtstag im August, als Hoeneß als Überraschungsgast einflog. Lemke hat dort einen Mann kennengelernt, der „nicht der alte Uli Hoeneß ist. Er ist gereift, ein Stück weit demütig, kein Poltergeist mehr“, sagt der 70-Jährige gegenüber unserer Zeitung. „Deshalb haben wir das Kriegsbeil begraben.“ Den Kontakt hat Hoeneß gesucht, und aus tiefster Feindschaft ist inzwischen fruchtbare Zusammenarbeit geworden. Hoeneß hat Lemke zuletzt einen geschäftlichen Kontakt in Afrika vermittelt, und Lemke zählt vor allem mit Blick auf das Wohl der Bundesliga auf ihn. „Uli ist einer, der differenziert denkt. So wird er auch Skeptiker schneller wieder auf seine Seite bringen.“

Außerhalb der Festung des FC Bayern gibt es viele von ihnen. Lemke spricht von einem „Makel, den Uli nun hat“, weiß aber um die „Kraft, mit der er seine Rückkehr angeht“. Er wünscht ihm, dass diese reicht. Er habe diese zweite Chance verdient.

Hoeneß wird nicht so vorgehen wie früher: Hochroter Kopf, öffentliche Streitgespräche, das muss nicht mehr sein. Er will intern wirken. Auch hat er seine Präsenzzeiten an der Säbener Straße auf drei Tage beschränkt. Lemke findet das gut, er rät Hoeneß, „den Anker, also seine Familie, nicht loszulassen. Denn allzu viel Zeit bleibt uns im Leben ja nicht mehr.“

Auch Hoeneß denkt so. Seine Frau Susi, die Kinder Florian und Sabine, seine drei Enkel haben ihm nach der Zeit hinter Gittern neuen Lebensmut eingeflößt, sich stets für das Familienoberhaupt stark- gemacht. Hoeneß will die Geborgenheit seiner Liebsten nicht vernachlässigen, wird sich aber weiterhin auch dafür einsetzen, dass es allen beim und rund um seinen FC Bayern gut geht. Nachwuchs wie Profis, Praktikanten wie alteingesessenen Mitarbeitern.

Als Bastian Schweinsteiger im Sommer bei Manchester United aus der Mannschaft verbannt wurde, stellte Hoeneß sich vor ihn. Und auch Franck Ribéry betont im Gespräch, wie sehr er sich gefreut hat, „als Uli wieder hier bei uns war“. Es ist nicht selten vorgekommen, dass der Franzose zu Hoeneß’ Haftzeit schon fast auf dem Weg in die oberste Etage der Klubzentrale an der Säbener Straße war. Aus der Gewohnheit, den Vereinspatron bei einem Espresso um Rat zu fragen. Das Büro von Hoeneß war zwar eingerichtet, aber leer. Das Fehlen von Hoeneß, meint Ribéry, merkte man überall. In der täglichen Arbeit genauso wie beim Feiern auf dem Rathausbalkon.

Den Basketballern des Vereins ist es nicht anders ergangen. Kaum einer kann das so gut einschätzen wie Svetislav Pesic. Der Serbe, Vater von Sportchef Marco, wurde einst von Hoeneß persönlich verpflichtet, führte die Bayern 2014 zur Meisterschaft, erlebte dann aber mit, wie die Sparte ohne Hoeneß intern an Stellenwert verlor. Hoeneß ist einer, sagt Pesic, „der sich für alle Sportarten begeistert“. FC Bayern ist für ihn FC Bayern.

Seine Besuche im Audi Dome, stets in den vordersten Reihen, dicht am Parkett, waren von Ausgelassenheit geprägt. Hoeneß, wie er mitgeht, Hoeneß, wie er jubelt, Hoeneß, wie er leidet. Interviews hat er in den letzten Wochen nur gegeben, wenn sie sich auch um das Thema Basketball drehten. Er weiß, dass die Abteilung gepusht werden muss, dass er hier gefragt ist.

Vor allem die „menschliche Nähe“ hat den im Sommer zurückgetretenen Coach Pesic, 67, stets beeindruckt. „Hoeneß gibt den Leuten Sicherheit“, sagt er: „Auch die Spieler wissen sehr genau, dass hinter ihnen nicht nur eine Geschäftsstelle steht, sondern ein Präsident, der den Sport weiterbringen will. Der an das glaubt, was er aufgebaut hat.“

Der Mensch Uli Hoeneß.

Dieses Argument hat auch den Aufsichtsrat überzeugt.

Willi Lemke freut sich schon auf den nächsten Anruf. Vielleicht am Sonntag, auf dem Weg nach Wunsiedel hätte Hoeneß ja Zeit. „Mit unterdrückter Nummer“, sagt Lemke, „rufen immer nur Uli oder meine Frau an.“

Einmal hat er sich mit „Hallo Uli“ gemeldet. Am Apparat war Heide Lemke.

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