Zwei ehrenwerte Familien

Darum ist Chicago der passende Ort für das Spiel gegen Mailand

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Nächtlicher Ausflug mit bestem Ausblick: Martinez, Vidal, Rafinha und Alonso in Chicago – Bayerns erster Station.

Chicago - Das erste Spiel in den USA geht - ausgerechnet - gegen den AC Mailand. Der ehemalige Top-Verein aus Italien ist die "geistige Heimat" von Carlo Ancelotti. Nun kommt es zum Duell.

Carlo Ancelotti ist ja ein gemütlicher Mensch, sein ehemaliger Weggefährte Paolo Maldini beim AC Mailand bezeichnete ihn einst als „Teddybären“ – aber der Bayern-Trainer hat schon öfter durchklingen lassen, dass er „Den Paten“ im gleichnamigen Mafia-Epos schätzt. So gesehen dürfte sich der Italiener in Chicago wohlfühlen. Al Capone hat hier Mitte der 30er Jahre den „Paten“ ja ganz real aufgeführt.

Nächtlicher Ausflug mit bestem Ausblick: Martinez, Vidal, Rafinha und Alonso in Chicago – Bayerns erster Station.

Die Bewohner der Stadt haben ein diffuses Verhältnis zu dem Kriminellen. An der Clarks Street, Ecke Dickens Avenue erinnern noch heute sieben extra gepflanzte Büsche an das sogenannte „Valentine’s Day Massacre“, als Al Capone 1929 sieben Konkurrenten niederschießen ließ. Im Museum verkaufen sie aber auch Tassen mit seinem Konterfei. Ancelotti ist also nicht alleine mit diesem Hin und Her zwischen Verurteilung und Verehrung, wobei er schon oft betont hat, er schätze am „Paten“, der ja auch immer noch nur eine fiktive Figur ist, nicht seine dunkle Seite, sondern, wie er die Werte von Respekt und Familiensinn vermittelt.

Chicago die passende Bühne für FCB - AC Milan

Chicago, diese Stadt, die widersprüchliche Gefühle beherbergt, bietet heute eine standesgemäße Bühne für ein besonderes Schauspiel: Ancelotti trifft mit seinem neuen Klub FC Bayern auf seine alte Liebe, den AC Mailand. Nur ein Testspiel freilich, und es ist auch lange her, dass der 57-Jährige die Lombarden verließ. Aber er ist ein Mann der tiefen Gefühle, und Milan ist seine Heimat. Der Coach, für den der Begriff Familie ein unbezahlbares Gut ist, trifft heute auf seine Angehörigen.

Für den AC Milan hat Ancelotti sogar schon seine Ideale verraten. Als er 2001 bereits per Handschlag beim AC Parma im Wort stand, klingelte auf dem Weg zur Vertragsunterschrift sein Handy. Adriano Galliani, Geschäftsführer der Lombarden: „Ich habe mit Silvio Berlusconi gesprochen, du musst bei uns Trainer werden.“ Ancelotti schaltete sein Handy ab, fuhr zu Galliani, unterschrieb, erst danach rief er Parmas Präsidenten Calisto Tanzi an: „Es tut mir Leid - aber Mailand ist meine Familie. Ich hoffe, Sie verstehen das.“ Tanzi verstand es.

Ancelotti hatte von 1987 bis 1991 zu dem Milan-Teamgehört, das in zwei Jahren sechs Titel gewann, darunter zwei Mal in Serie den Europapokal der Landesmeister. In Italien spricht man noch heute von „Gli Immortali“, den Unsterblichen, und Ancelotti fühlte sich nach seiner Rückkehr, diesmal als Trainer, im November 2001 sofort, als wäre er zuhause. Zuvor bei Juventus Turin hatte es nicht gepasst, es war wie ein Angestellter, aber er bevorzugt Klubs, die eine familiäre Atmosphäre erzeugen. „Nichts ist so wichtig wie die Familie“, sagt er, „und der Verein ist eine Familie.“

AC Mailand die "geistige Heimat" von Carletto

Beim AC Mailand, sagen die Menschen aus seinem Umfeld, hat Ancelotti seine geistige Heimat gefunden. In gewisser Weise suche er nun nach etwas Ähnlichem – und gleichzeitig Neuem. Er habe sich auch deshalb für den FC Bayern entschieden, diesen Klub, der sich auch gerne als Familie inszeniert. Für jemanden wie ihn, meint der Coach, ist dieses Modell eines Klubs „besser geeignet“. Er halte es da mit dem US-Ökonomen Peter Drucker, der sagte: „Die Kultur verspeist die Strategie zum Frühstück.“ Die Atmosphäre ist unentbehrliche Grundlage für Leistung. Ancelotti blieb acht Jahre Coach des AC Milan, er holte unter anderem erneut zwei Mal den Pokal der Landesmeister.

Die Bayern erhoffen sich von dem neuen Coach ähnliche Großtaten, und sollte sich bei ihm ein Gefühl wie beim AC Mailand einstellen, könnte er sich sogar eine Ära über die drei Jahre Vertragslaufzeit hinaus vorstellen. „Manchmal finden ein Verein und ein Trainer zu einer perfekten Familie zusammen“, sagt er. Man erinnert sich an Fälle wie Walerij Lobanowski bei Dynamo Kiew, Sir Alex Ferguson bei Manchester United und Arsene Wenger bei Arsenal London. „Wenn ein Trainer seine ,natürliche Heimat’ findet und der Klub das ebenso sieht“, sagt Ancelotti, „wer weiß, wo das dann hinführen kann?“ Auch das ist eine Frage, die beim Spiel gegen Milan angestoßen wird. Beim Treffen der ehrenwerten Familien. Mitten in Chicago.

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