Ehemaliger Werder-Manager

Lemke im tz-Interview: "Das freut den FCB – den Rest der Liga aber nicht"

+
Willi Lemke 1994 mit Andreas Herzog.

München - Von 1981 bis 1999 war Willi Lemke Manager von Werder Bremen. Heute ist der 69-Jährige Sportfunktionär. Im Interview sprach er über das Halbfinale im DFB-Pokal, die Kommerzialisierung des Fußballs und seine Bedeutung für die Gesellschaft.

Sein Amt als Aufsichtsrats-Vorsitzender bei Werder Bremen legte Willi Lemke 2014 zwar nieder, Mitglied des Gremiums ist der Politiker aber immer noch. Doch nicht nur für die Grün-Weißen ist der 69-Jährige tätig, sondern seit 2008 auch für die Vereinten ­Nationen als Sonderberater für Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung. Vor dem Spiel seines ­Herzensvereins am Dienstag Abend in München sprach die tz mit Lemke nicht nur über das Pokalduell gegen den FC Bayern (bei uns im Live-Ticker) – sondern auch über den Fußball, seine ­immer stärker werdende Kommerzialisierung und ­seine Bedeutung für die Gesellschaft.

Herr Lemke, war die Erleichterung nach dem 3:2-Sieg gegen Wolfsburg groß, oder ist die Lage in Bremen unverändert, weil die Konkurrenz im Abstiegskampf auch gewonnen hat?

Willi Lemke: Von der Tabellenkonstellation hat sich nicht viel geändert, das stimmt. Aber die Art und Weise, wie unsere Mannschaft gegen ein sehr starkes Wolfsburger Team aufgetreten ist und an dem Wochenende von der ganzen Stadt unterstützt worden ist, das war schon etwas ganz besonderes. Deshalb gibt es wieder ganz viele Leute in Bremen, mich eingeschlossen, die fest daran glauben, dass wir in der Bundesliga bleiben.

Wie wichtig ist dieser Zusammenhalt im Umfeld? Den gibt es nicht bei allen Abstiegskandidaten…

Lemke: Der ist einmalig und macht mich stolz. Ich kenne kaum einen anderen Verein, bei dem nicht nur die Fans, sondern die ganze Stadt im Abstiegskampf so hinter der Mannschaft und dem Trainer stehen. Alle identifizieren sich hier total mit dem Klub, denn Werder ist für unsere Stadt etwas ganz Besonderes.

Welchen Stellenwert hat da mitten im Abstiegskampf der Pokal? Am Freitag geht es schon zum Derby nach Hamburg.

Lemke: Das ist gerade eine nicht ganz einfache Situation. Es gab in der Vergangenheit durchaus Mannschaften, die sich zu sehr auf den Pokal konzentriert haben und am Ende plötzlich in der Liga größte Schwierigkeiten hatten. Diese Erfahrung wollen wir nicht machen, daher ist der Pokal aktuell sicherlich ein kleines Problem. Ich sage Ihnen aber ganz ehrlich: Der Klassenerhalt ist für uns wesentlich wichtiger als die Teilnahme am Pokalfinale.

Lemke: Werder wird alles tun, um ins Finale zu kommen

Glauben Sie, dass Werder die Partie am Dienstagabend herschenkt?

Lemke: Nein auf keinen Fall, denn jetzt kommt das Aber: Jeder, der schon einmal im Pokalfinale stand, weiß, was für ein unglaubliches Erlebnis das ist. Da erinnere ich mich vor allem an unseren Triumph 1999, als wir die Bayern sensationell geschlagen haben. Aber jetzt sind wir im Jahr 2016 und haben nicht unbedingt die größten Chancen am Dienstagabend. Der FC Bayern ist der klare Favorit, nicht nur bei den Buchmachern. Ich bin mir sicher, dass unsere Mannschaft alles tun wird, um ins Finale zu kommen. Aber aus meiner persönlichen Sicht ist es viel wichtiger, am Freitag beim HSV zu punkten.

Der HSV steckt plötzlich ebenso wie Bremen im Abstiegskampf, mit Stuttgart und Frankfurt sind zwei weitere Traditionsvereine im Tabellenkeller. Muss sich die Liga Sorgen um ihre Vereine mit großer Fanbasis machen?

Lemke: Eins vorweg: Mit Bayern München haben wir eine unangefochtene Nummer eins im deutschen Fußball. Das freut die Bayern – den Rest der Liga aber nicht. Es ist schade, dass die Meisterschale schon an Weihnachten immer unter dem Baum liegt. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Bayern hat kein einziger der eben genannten Traditionsklubs. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, gebe ich Ihnen mal ein konkretes Beispiel: Ein großer Wettanbieter hat seine Verträge mit mehreren Bundesliga-Vereinen gekündigt, um sein ganzes Sponsoring in dieser Sparte auf den FCB zu konzentrieren. In München bekommen sie jetzt das doppelte Geld, uns fehlt durch den gestrichenen Sponsorenvertrag ein merklicher Batzen. Die Ausstrahlung von Bayern München ist so groß, dass Sponsoren ihr ganzes Geld lieber in diesen Verein buttern. Für die Bayern ist das wunderbar – ob das für den Wettbewerb in der Bundesliga förderlich ist, wage ich zu bezweifeln.

Sie bringen die Würze: Reizfiguren des Fußballs

Durch den gerade auszuhandelnden TV-Vertrag wird aber auch Werder künftig mehr Geld bekommen.

Lemke: Dazu sage ich Ihnen das, was ich schon seit Jahrzehnten sage. Natürlich bekommen wir dadurch mehr Einnahmen, aber die großen Vereine kriegen ja noch viel mehr. Wenn sich die Gewichtung der finanziellen Einnahmen weiter so entwickelt wie aktuell, dann wird die Bundesliga auf Dauer noch langweiliger.

Also ist die Milliardenmarke, die es mit dem künftigen TV-Vertrag zu knacken gilt, für Sie gar nicht so toll?

Lemke: Für die Liga ist es natürlich gut, dass sie mehr Geld einnimmt. Aber es kommt auf die Verteilung an. Wenn die Schere immer weiter auseinanderklafft, ist das aus meiner Sicht der falsche Weg. Denn auch der FC Bayern braucht die anderen Vereine in der Liga. Jeden einzelnen der 17 anderen Klubs braucht er – sonst könnte er nicht Jahr für Jahr Deutscher Meister werden.

Lemke: „Die Kinder interessiert nicht Geld, sondern Spaß.“

Es gibt aber auch Widerstände gegen die neuen Pläne der Liga, vor allem von den Fans gegen die geplanten Montagsspiele.

Lemke: Wenn ich in einer Sache zu 100 Prozent überzeugt bin, dann darin, dass Montagsspiele nicht gut für den Fußball sind. Wer bitte hat Lust am Montagabend ins Stadion zu gehen? Wer fährt am Montag für ein Abendspiel von München nach Bremen? Und es geht nicht nur um die Fans. Was meinen Sie, was die Wirte in Bremen von Montagsspielen halten? Die erzielen nicht mal annähernd die Umsätze, die sie am Freitag oder Samstag erzielen. Wir kennen doch die Bilder aus den Stadien bei den Bundesligaspielen dienstags und mittwochs. Unser anstehendes Spiel gegen Stuttgart fällt auf dringenden Wunsch der Sicherheitskräfte leider auch auf einen Montag. Das ist nicht gut für den Fußball, aber die Partie ist zu wichtig für Werder, die Unterstützung der Fans zu kostbar, als dass man die Abneigung der Montagsspiele für einen Boykott nutzen sollte. Der Adressat des Unmuts wäre der falsche. Eins ist klar: Es gibt gewisse Entwicklungen dieses großartigen Produkts Bundesliga, die bedenklich sind. Wir müssen ja auch gucken, wo das Geld hingeht. Müssen Spieler eines Tages 20 Millionen Euro im Jahr verdienen? Müssen wir die Spielerberater künftig mit insgesamt 250 Mio. Euro im Jahr entlohnen? Wird der Fußball dadurch besser? Sicher nicht.

Wie erklären Sie – wenn Sie in Ihrer Funktion als UN-Sonderberater unterwegs sind – den Menschen in ärmeren Regionen diese unglaublichen Gehaltsexplosionen im Fußball, während die Menschen dort Tag für Tag ums Überleben kämpfen?

Lemke: Bei den Millionen von Kindern, die ich in der ganzen Welt in ärmlichsten Verhältnissen bolzen sehe, spüre ich die Begeisterung für den Fußball. Die interessiert das Geld nicht, die träumen davon ein Superstar wie Samuel Eto’o oder Didier Drogba zu werden. Wenn man am Tag einen oder zwei Dollar zum Überleben hat, verschwendet man keinen Gedanken daran, irgendwann einmal 10 Mio. Euro im Jahr zu verdienen. Die große Masse ist fasziniert von dem großen Spektakel Fußball. Und genau das ist die große Stärke dieses Sports.

Lemke: "Die Gier zerstört den Fußball"

Macht man die denn nicht kaputt mit dem permanenten Streben nach immer mehr Geld?

Lemke: Das glaube ich nicht. Zumindest im Moment noch nicht. Ein Beispiel: Als ich in den Slums von Nairobi war, da habe ich einige kleine Hütten entdeckt, in denen die Premier League übertragen wurde. Die Menschen dort haben kaum Geld, aber geben ein paar Cents davon trotzdem aus, um Fußball gucken zu können. Denen ist es egal, wie viele Millionen Spieler und Trainer in England verdienen. Die leben von der Begeisterung für den Sport. Aber es ist bedenklich, wenn selbst der Papst bereits 2013 in einem Interview sinngemäß sagt, dass Sport Harmonie ist, aber wenn Geld und Erfolg die Oberhand gewinnen, diese Harmonie zerbröselt. Auch ich halte die Gefahr, dass die Gier nach mehr Geld und Macht alles überstrahlt, für gegeben. Diese Gier zerstört den Fußball. Weltweit geht es ja nur darum, mehr und mehr Geld zu generieren. Gehälter von Spielern, Trainern und Managern steigen in der Folge, bei den nächsten Verhandlungen muss also noch mehr Geld her. Solange der zahlende Zuschauer das mitmacht, ist alles in Ordnung. Wenn der aber die Nase voll hat und die Spiele vor halbleeren Rängen stattfinden, haben wir ein Problem.

Glauben Sie, dass sich der Fußball über kurz oder lang in diese Richtung entwickeln wird?

Lemke: In Deutschland herrscht nach wie vor Begeisterung. Die Fans in den Kurven sind immer schon weit mehr als eine Stunde vorher im Stadion und feuern die Spieler beim Warmmachen an. Natürlich hat sich das Publikum in den vergangenen zehn, 15 Jahren verändert, das habe ich damals auch mit angeschoben. Es sind mehr Frauen im Stadion, mehr Geschäftsleute. Es darf aber eben niemals so weit kommen, dass der Fußball zum Randaspekt gerät. Wenn die VIP-Plätze während des Spiels freibleiben, weil die Leute ihren Kaffee lieber in der Lounge trinken und vom Fernseher aus zuschauen, dann wäre das eine problematische Entwicklung. Davon sind wir zum Glück aber noch weit entfernt.

Interview: Sven Westerschulze

auch interessant

Meistgelesen

FC Bayern München: Die möglichen Gegner im Achtelfinale der Champions League
FC Bayern München: Die möglichen Gegner im Achtelfinale der Champions League
Boateng: Eine gute und eine weniger gute Nachricht
Boateng: Eine gute und eine weniger gute Nachricht
Bayerns Rückkehr zum 4-3-3: Darum ist Vidal der Schlüsselspieler
Bayerns Rückkehr zum 4-3-3: Darum ist Vidal der Schlüsselspieler
Gute Nachrichten von Boateng - schlechte von Hummels 
Gute Nachrichten von Boateng - schlechte von Hummels 

Kommentare