Finale für Fritz

Thurn und Taxis: "Wie sich Guardiola verhalten hat – das geht nicht"

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Fritz von Thurn und Taxis hört Ende der Saison als Kommentator auf.

München - Sky-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis, der Mann mit dem Einstecktuch und der illustren Urururoma, macht Schluss. Die tz sprach mit ihm im Interview über den ungesprächigen Pep, eine Taxi-Fahrt zu den Löwen und sein Highlight als Reporter.

Der Mann mit dem Einstecktuch geht nach Hause. Kommentatoren-Legende Fritz von Thurn und Taxis (Branchenname „TT“) hört am Saisonende, im nächsten Mai, bei Sky auf. Mit 66 Jahren ist eben doch mal Schluss. Das verriet der Mann mit der illustren Verwandtschaft – seine Urururgroßmutter Marie-Louise von Österreich war mit Napoleon verheiratet – der tz in seinem großen Abschiedsinterview zur neuen Saison.

Grüß Sie, Herr von Thurn und Taxis. Warum ist denn nun Schluss? Sie sind doch noch überaus rüstig.

Fritz von Thurn und Taxis: Wissen Sie, es war immer mein Ziel, den richtigen Moment zu erwischen. Den Punkt zu treffen, wo es noch ein bisserl wehtut, und an dem noch ein paar Leute sagen: Schade, dass er geht. Und ich glaube, diesen Punkt habe ich erwischt. Wir haben tolle junge Leute bei Sky, und die wollen jetzt auch mal ran, wo Marcel weg ist, wo ich aufhöre. Ich habe es doch beim BR selbst erlebt, mit Sammy Drechsel, mit Oskar Klose, mit all diesen großen Kollegen, mit diesen Fernsehgöttern. Irgendwann willst du dich nicht mehr hinten anstellen.

Schade ist es trotzdem. Was planen Sie für die Zeit danach?

Thurn und Taxis: Ganz vom Bildschirm und aus der Öffentlichkeit verschwinden will ich nicht. Es tut sich in dem Bereich so viel, wie man an den Bundesligarechten ab 2017 sieht. Wenn eine interessante Geschichte kommt, die mir Spaß macht, würde ich mir das gut überlegen. Meine liebe Frau Bea macht sich ja ein bisserl Sorgen, dass ich zu viel daheim bin. Ganz in Rente gehen darf ich also nicht.

Sie sind seit 1971 beim Fernsehen. Was hat sich verändert in all den Jahren?

Thurn und Taxis: Fragen Sie mich lieber, was sich nicht verändert hat. Vor allem die Vorbereitung aufs Spiel ist nicht mehr zu vergleichen. Ich mache das ja noch auf die alte Art. Ich bin kein Laptop-Kommentator, ich schreibe mir alles mit der Hand auf. Wissen Sie, wie viele Seiten Material diese Opta-Datenbank heute vor jedem Spiel ausspuckt?

10, 20 Seiten?

Thurn und Taxis: Es sind 100 bis 120 Seiten, das muss man sich mal vorstellen. Über ein einziges Fußballspiel! Ich hole mir da nur die allerwichtigsten Fakten raus. Es macht die Zuschauer eh bloß narrisch, wenn du ständig Geschichten erzählst, die nichts damit zu tun haben, was gerade auf dem Rasen passiert. Und außerdem sitzt seit Jahren mein treuer Assistent Florian Meigen neben mir und schaut darauf, dass ich nichts verpasse.

Vor dem Spiel mit den Trainern zu sprechen, hat lange zu Ihrer Vorbereitung gehört.

Thurn und Taxis: Solange die Trainer noch mit uns geredet haben. Bei einigen geht das bis heute. Aber der eine oder andere Laptoptrainer ist ja viel zu beschäftigt, um sich für Reporter Zeit zu nehmen.

Thurn und Taxis: "Guardiola hat sich nicht um die Fans gekümmert"

Wie war es bei Guardiola?

Thurn und Taxis: Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage. Für mich war der Mann eine absolute Sphinx, ich habe in drei Jahren nicht einen einzigen Satz mit ihm gesprochen. Wir alle, Marcel, Wolff Fuss, ich, wir haben beim FC Bayern gebittet und gebettelt: Lasst uns mit Pep sprechen, so wie das bei allen anderen Trainern auch funktioniert hat, bei Klinsmann, Hitzfeld, van Gaal oder Heynckes. Bei Guardiola: null Chance.

Sogar van Gaal war unkomplizierter?

Thurn und Taxis: Der wollte zuerst auch nicht. Aber ich habe ihm gesagt: Herr van Gaal, ich spreche über Sie, da ist es doch wichtig, dass ich verstehe, was Sie denken. Und dann hat das funktioniert. Wie sich Guardiola in München verhalten hat – das geht einfach nicht. Er hat sich nicht um die Fans gekümmert, er hat den Verein nicht wirklich repräsentiert, und seine Pressekonferenzen waren Märchenstunden.

Und sein Fußball?

Thurn und Taxis: Mein Schlüsselerlebnis war das erste Champions-League-Auswärtsspiel unter Pep bei Manchester City. Ich sehe dieses Spiel, und denke mir: Was ist mit den Engländern los, warum kommen die nicht in die Zweikämpfe? Bis mir klar geworden ist: Die kommen nicht ran an die Bayern, das war wie Quecksilber. Die Münchner mit ihrem Positionsspiel waren für den Gegner nicht greifbar. Das war schon exzellent, was Pep spielen ließ. Wobei ich immer noch großer Fan von Arrigo Sacchi bin. Sein Milan der 80er und 90er, das war die beste Mannschaft, die ich je gesehen habe. Er hat damals schon Pep-Fußball gespielt.

Mit den Holländern …

Thurn und Taxis: … und mit einem gewissen Carlo Ancelotti. Ancelotti war ein wesentlicher Punkt. Ich erinnere mich ans Finale 1990 in Wien gegen Benfica. Ancelotti war körperlich nicht mehr am absoluten Höhepunkt. Aber er war Sacchis wichtigster Mann, er war der Stratege. Er hatte Sacchis Fußball quasi inhaliert. Und deshalb bin ich überzeugt: Ancelotti ist taktisch mindestens so gut wie Guardiola, er weiß alles. Und er verpackt es auch noch menschlich. Er wird ein Aushängeschild für den FC Bayern sein wie einst ein Hitzfeld, ein Heynckes. Und wenn wir jetzt zusammen hier sitzen würden, hätte er sein zweites Vierterl, und würde nach einem köstlichen Essen fragen. Die Bayern-Fans haben Carlo noch gar nicht richtig kennengelernt. Das ist ein großer, großer Trainer und ein wunderbarer Mensch. Ich bin überzeugt, dass Bayern ganz klar den Titel holt.

Sie bringen die Würze: Reizfiguren des Fußballs

Von der Zukunftsmusik noch mal zurück zu den Anfängen. 1971 sind Sie beim BR gelandet.

Thurn und Taxis: Damals, nach meinem Abitur, hat mich der Kollege Ulf von Malberg zum ersten Mal zum Eisschnelllauf nach Inzell mitgenommen. Später habe ich so gut wie alles kommentiert – Fußball, Eishockey, Skirennen und vor allem auch Basketball. Und zwar immer frei. Ich habe mir nie Texte aufgeschrieben, ich habe immer frei gesprochen. Dabei kommt zwar auch mal Unsinn raus, aber die Zuschauer spüren, dass der Kommentator brennt, mit dem Herzen dabei ist.

Ihre Passion war Basketball.

Thurn und Taxis: Absolut. Ich war ja selber bayerischer Juniorenauswahlspieler. Als Jugendlicher war mein Plan: Wenn du zwei Meter groß wirst, wirst du Basketballprofi. Leider war bei 1,90 Meter Schluss. Mein Highlight als Reporter war der deutsche EM-Titel 1993 in München. Am Abend vor dem Finale gegen die Russen bin ich bis drei Uhr früh mit Bundestrainer Svetislav Pesic im Hotel gesessen, und wir haben die Taktik ausgetüftelt. Ich habe heute noch den Zettel.

Warum dann im gleichen Jahr der Wechsel zu Premiere?

Thurn und Taxis: Sportchef Michael Pfad wollte mich unbedingt, und ich wollte mehr Live-Fußball kommentieren Und mit 43 war es vielleicht meine letzte Chance, noch einmal durchzustarten. Bloß: Bei einem Spiel in der Sportschau haben mir zehn Millionen Menschen zugehört, und Premiere hatte 500.000 Abonnenten. Diese Entscheidung hat mich einige lange Waldspaziergänge gekostet. Eitel durfte man da nicht sein. Denn mir war klar: Damit verschwindest du erst mal aus der Öffentlichkeit. Aber es war eine spannende Zeit. 22 Jahre in der ARD, 24 Jahre bei Premiere und Sky – macht 46 Jahre Fernsehen, fast ein halbes Jahrhundert. Und es ist vergangen wie im Flug.

Thurn und Taxis: "Klar haben mich die Löwen geprägt"

Gewissensfrage: 60 oder Bayern? Bei vielen gelten Sie ja als der „blaue Fritz“.

Thurn und Taxis: Ach, der alte Schmarrn. Ich habe ja mit den Löwen nichts zu tun, ich gebe auch keine Interviews mehr zu 60. Klar haben mich die Löwen geprägt, meine Mutter hat mich 1959 zum ersten Mal mit dem Taxi ins Grünwalder gefahren. Später bin ich hinter dem Tor vom Radi gestanden, das war atemberaubend. Heute freue ich mich, wenn sie gewinnen. Auch wenn ich den Verein nicht verstehe.

Ihr Berufsleben hat der FC Bayern geprägt.

Thurn und Taxis: Ja klar. Man muss sich das überlegen: Als ich beim BR angefangen habe, waren die Bayern genau zweimal Deutscher Meister. Heute sind es 26 Titel. Ich habe also 24 Meisterschaften miterlebt, jedes zweite Jahr meines Berufslebens. Und wenn du das alles begleitest, ist es doch ganz normal: Wenn die gut spielen, freust du dich, dann bist du Bayern-Fan.

Was war das größte Spiel, an das Sie sich erinnern können?

Thurn und Taxis: Oh mei, das waren ja über 1000 Liveübertragungen. Wenn ich mich entscheiden müsste – dann waren es diese vier Minuten im Mai, das Bundesliga-Finale 2001. Ich habe in Gelsenkirchen das Schalke-Spiel kommentiert, Marcel in Hamburg die Bayern. Aus dem Parkstadion haben wir bei Premiere schon gemeldet, „Schalke ist Meister“, ich habe live gefragt, „Schalke Meister, ist das so?“ Dann macht Andersson in Hamburg das 1:1. Nach dem Spiel war ich wie erschlagen, da kamen alte Männer weinend auf mich zu. Ich bin wie in Trance zum Flughafen gefahren.

Fast ein halbes Jahrhundert Sport – wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Thurn und Taxis: Beim Fußball natürlich Franz Beckenbauer, den ich zum ersten Mal erlebt habe, als er 18 war. Am Anfang bei Premiere hat er ja mit mir Bayernspiele kommentiert. Und er war so bös. Mein Gott, war er bös! „Die würd’ ich kilometerweise durch den Wald jagen. Diese Schülermannschaft!“ Irgendwann hat ihm dann der FC Bayern verboten, die eigenen Spiele zu kommentieren. Die anderen drei: Wayne Gretzky beim Eishockey, Magic Johnson beim Basketball, und beim Skifahren Franz Klammer.

Heute sehen sich Kommentatoren oft einem gewaltigen Shitstorm ausgesetzt.

Thurn und Taxis: Ich bin weder bei Twitter noch bei Facebook, deshalb trifft mich das nicht direkt. Aber ich weiß natürlich, dass das viele Kollegen enorm belastet. Das kränkt, und das tut weh. Als Marcel, den ich bis heute für den besten deutschen Kommentator halte, fast körperlich angegriffen wurde, haben wir alle gesehen, wie weit das eskalieren kann.

Warum kommen Sie relativ ungeschoren davon?

Thurn und Taxis: Vielleicht bin ich nicht der Typ, auf den die Leute mit solchen Aggressionen reagieren. Auf jeden Fall bin ich heilfroh, dass ich offenbar ein bisserl außen vor bin, denn das ist ein schwieriger Job geworden. Es geht ja bis dahin, dass die Leute sagen: Ich weiß, wo du wohnst.

Das bleibt Ihnen hoffentlich auch in der letzten Saison erspart. Auf was freuen Sie sich besonders?

Thurn und Taxis: Auf eine wunderbare Abschiedstournee durch die Stadien. Und auf das Highlight am Schluss. Als mein letztes Livespiel kommentiere ich das Pokalfinale in Berlin.

Interview: Jörg Heinrich

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