Elber im tz-Interview

"Hoeneß sagte: 'Lass es mit den jungen Spielern sein'"

Giovane Elber
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Giovane Elber.

München - Im tz-Interview spricht Giovane Elber über das Thema Heimat, über die fatale Anziehungskraft Europas für südamerikanische Kinder und seine kurze Tätigkeit als Südamerika-Scout für Bayern.

Herr Elber, in Ihrer Heimat Brasilien hat es schon immer viele junge Kicker nach Europa gezogen. Ihre Meinung?

Elber: Heutzutage ist es schon extrem. In Südamerika, speziell in Brasilien, verfolgen die Menschen die Champions League und wissen, wie viel die Fußballer in Europa verdienen. Deswegen wollen die meisten Familien, dass ihre Söhne so früh wie möglich nach Europa gehen, um mit dem Geld ihre Familien zu ernähren. Ich bekomme immer wieder Anfragen, ob ich für die Kids Vereine in Europa suchen könnte. Einen europäischen Pass haben die meisten schon, meist den portugiesischen oder spanischen. Die Kinder sind gerade mal 13, 14 Jahre alt, das ist nicht normal. Karriere hin oder her, in diesem Alter müssen diese Kinder bei ihren Familien bleiben. Da sind sie gut aufgehoben.

Die meisten können dem Lockruf der Millionen aber nicht widerstehen.

Elber: Es geht nur ums Geld. Sie wollen keine neue Kultur oder Sprache kennenlernen. Das Erste, woran sie denken, ist das Geld. Die Sportsendungen hier zeigen tagtäglich, wie viel Neymar, Messi und Cristiano Ronaldo verdienen. Klar, die Leute meinen, ihre Kinder könnten das auch, vergessen dabei aber, dass das Leben in Europa nicht einfach ist. Oft gehen die Kinder dann und kommen ein paar Wochen später wieder zurück, weil sie es nicht durchstehen können. Mit 17, 18 ist es etwas anderes, aber bei 13-Jährigen kann das nicht gut gehen.

Wie kann man die Kinder, die den Sprung nach Europa dennoch wagen, unterstützen?

Elber: Vor allem die Vereine müssen da helfen und Leute einstellen, die 24 Stunden am Tag an der Seite solcher Jungs sind, sie überwachen und ihnen helfen. Allein mit dem Sport geht das nicht. Da muss alles passen, vor allem das Umfeld. Dazu gehört auch, dass man lernt, wie man in Europa lebt und sich verhält.

Ist die Sprache wichtig?

Elber: Auf jeden Fall! Hier in Brasilien gibt es Vereine, die ihren Spielern bereits in der A-Jugend Sprachunterricht geben, Englisch und Spanisch. Warum? Weil es viele Vereine gibt, die nur darauf aus sind, die Jungs hochzuziehen und dann teuer zu verkaufen. Diese Art von Klubs halten sich nur anhand solcher Transfers über Wasser, durch Zuschauereinnahmen allein kann hier kein Klub überleben. Deswegen ist es wichtig, pro Saison mindestens zwei, drei Spieler zu verkaufen. Besonders angesehen ist in Südamerika im Moment der chinesische Markt. Nach einer guten Saison wechseln viele nach China, weil sie dort gutes Geld zahlen.

Auch bei den Topklubs geht der Trend dahin, die Talente immer jünger zu kaufen. Verschärft das die Problematik?

Elber: Hier versuchen die Vereine sogar, ihre Top-Talente vor anderen Vereinen zu verstecken. Das geht manchmal sogar so weit, dass die Jungs nur zusammen mit Bodyguards auf den Platz dürfen, damit kein anderer Klub in ihre Nähe kommen und sie abwerben kann.

Beispiel Martin Ödegaard: Der 16-Jährige ist von Norwegen zu Real gewechselt. Hat er es leichter als ein gleichaltriger Junge aus Brasilien?

Elber: Ohne Zweifel! In der Bundesliga gab es schon viele Fälle, wo junge Brasilianer nach wenigen Wochen wieder die Rückreise in ihre Heimat angetreten sind. Ich war ja kurzzeitig für den FC Bayern als Südamerika-Scout tätig, bis Uli Hoeneß mir irgendwann einmal gesagt hat: „Giovane, lass es mit den jungen Spielern sein! Bevor wir einen Spieler aus Brasilien verpflichten, soll er davor mindestens schon ein, zwei Jahre in Europa gespielt haben. Aus Brasilien direkt nach Europa zum FC Bayern, das ist nicht leicht für die Jungs.“ Da hat er auch recht.

Siehe Breno…

Elber: Genau. Er war zwar schon 17, 18, aber viele Spieler schaffen es eben nicht, sich in so einem weltbekannten Klub zurechtzufinden und diesen Sprung zu schaffen. Breno war die meiste Zeit über alleine und hat – Lucio war zwar damals noch da – auch von seinen Mitspielern wenig Unterstützung bekommen. Natürlich kann man sich auch fragen, ob der Junge auch offen gegenüber seinen Mitspielern war, aber dafür ist es jetzt zu spät. Es ist nun mal passiert. Aber der FC Bayern hat ihn bis zum Schluss unterstützt, jetzt ist er wieder bei São Paulo, zwar verletzt, aber vielleicht schafft er es doch noch, Fußball zu spielen.

Was kann man aus diesem Fall lernen?

Elber: Viel, aber die Klubs in Brasilien werden reichlich wenig unternehmen. Für sie wird der Verkauf weiterhin oberste Priorität sein. Wichtig ist, dass die Kohle in die Kasse kommt. Was mit dem Spieler ist, interessiert nicht. Ein anderer Ansatz wäre, dass die europäischen Klubs den Spieler kaufen, ihn noch drei, vier Jahre in Brasilien kicken lassen und erst dann zu sich nach Europa holen. So kann er sich mental auf das neue Ziel einstellen.

Ähnlich wie bei Neymar.

Elber: Wir haben uns hier alle gefragt, was der noch hier in Brasilien will. Aber er hat es richtig gemacht: Angebot von Barça erhalten, trotzdem noch zwei Saisons hier gespielt, sehr gut sogar, und dann erst nach Barcelona gegangen. So hat er den Sprung auch geschafft.

Wie sah dieser Sprung bei Ihnen aus? Auch Sie gingen früh nach Europa, mit gerade mal 18 Jahre heuerten Sie 1990 beim AC Mailand an.

Elber: Auch ich wollte nach den ersten beiden Monaten schon wieder zurück. Damals gab es kein Internet, keine Handys, wenn überhaupt einen Festnetzanschluss. Ich habe Tag und Nacht geweint, weil ich meine Familie vermisst habe. Mein Bruder war zwar da und hat mich unterstützt, wo er nur konnte, aber im Grunde war ich allein. Ich musste alles lernen. Kochen. Wie ich vom Bus zum Trainingsplatz komme, einen Führerschein hatte ich ja nicht. Und dann kam der Winter. Ich habe meiner Mutter dann am Telefon gesagt, dass ich es nicht schaffe, dass es hier so anders ist als bei uns in Brasilien, dass ich zurückkomme. Aber meine Mama blieb hart und hat mir nur gesagt: „Nein. Du wolltest immer Fußballer werden, hast dafür deinen guten Job hier bei der Bank aufgegeben. Und jetzt sagst du, du schaffst es nicht? Nein! Ich will nicht, dass du zurückkommst. Du bleibst jetzt erst mal bis zur Winterpause und dann sprechen wir wieder.“ Nach sechs Monaten bin ich dann nach Brasilien und wollte nicht mehr zurück in die Schweiz. Aber ich wollte nicht in diesen Flieger steigen. Am Ende hat mich meine Mama aber wieder überredet und ich bin 15 Jahre lang in Europa geblieben.

Mailand, Zürich, Stuttgart, München, Lyon – wo war es denn am schönsten?

Elber: In Deutschland! In Frankreich zum Beispiel war es nicht schön, dort habe ich in den anderthalb Jahren bei Lyon fürs Leben gelernt. Richtig wohlgefühlt habe ich mich in Deutschland.

Und wo ist Ihre Heimat jetzt? Wieder in Brasilien?

Elber: Heimat ist für mich dort, wo ich mich wohlfühle. Sehen Sie mal: Ich schlafe mit meiner Familie in Londrina, mein Geschäft habe ich in Nordbrasilien, in Mato Grosso, und in Deutschland bin ich auch oft. Wenn ich wieder in Deutschland bin, habe ich den Eindruck, als wäre ich nie weg gewesen. Ganz egal ob München, Hamburg, Stuttgart oder Köln – das ist nach wie vor ein Teil meiner Heimat! Vor allem natürlich München. In Stuttgart war ich nur kurz, in München hingegen sechs Jahre. Die Menschen, die Straßen – all das ist heute ein Teil von mir. Interview:

José Carlos Menzel Lopez

José Carlos Menzel López

José Carlos Menzel López

E-Mail:carlos.menzel-lopez@tz.de

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