Merkur-Interview

Hitzfeld: Rückkehr von Pep Guardiola zum FC Bayern möglich

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Ottmar Hitzfeld (rechts) kann sich eine Rückkehr von Pep Guardiola zum FC Bayern München vorstellen.

München - Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Ottmar Hitzfeld über die Zukunft des FC Bayern München, Hummels’ Nervenstärke und den richtigen Weg für Götze.

Ottmar Hitzfeld hat den DFB-Pokal in seiner Karriere mehrfach gewonnen: Drei Mal mit dem FC Bayern, aber nie mit Borussia Dortmund. Morgen Abend ist für den 67-Jährigen der Meister der Favorit – über das Spiel des Jahres spricht der ehemalige Trainer beider Mannschaften im Interview.

Herr Hitzfeld, haben Sie die Meisterfeierlichkeiten der Bayern verfolgt?

Ja, klar. Die Highlights habe ich mir angeschaut – wenn auch nicht die gesamte Live-Übertragung (lacht).

Die Bayern waren mit angezogener Handbremse unterwegs. Gab es das zu Ihrer Zeit auch – oder hieß es da: Feuer frei?

Mal so, mal so. Denn es ist ja normal, dass man nicht so ausgelassen feiert, wenn man noch eine wichtige Aufgabe hat. Da hat man eben gespürt, dass die Mannschaft im Hinterkopf das Pokalfinale hat. Erst wenn man die Saison abgeschlossen hat, dann kann man loslassen, dann fällt der ganze Druck ab – dann kann man richtig feiern.

Mochten Sie eigentlich Bierduschen, Autokorso etc.? Pep Guardiola scheint das alles nicht geheuer.

Ach, das gehört dazu. Obwohl Bierduschen für mich nicht unbedingt sein müssten. Da klebt alles am Körper. Aber ich habe mir immer gesagt: Man muss es genießen. Denn Bierdusche heißt ja auch immer: Titel.

Nehmen Sie dem Klub die Freude über die vierte Meisterschaft in Folge ab? Oder nervt das Champions League-Aus doch noch mehr, als man denkt?

Natürlich nagt das noch an den Bayern. Dieses unglückliche Aus wird man noch lange im Hinterkopf haben. Auf der anderen Seite aber muss man doch mal feiern können und sehen, dass die Deutsche Meisterschaft ein großartiger Erfolg ist. Auch wenn sich das Anspruchsdenken enorm gesteigert hat. Bayern gehört zu den besten drei Mannschaften der Welt, das haben sie sich hart erarbeitet. Deshalb wird man an der Champions League gemessen. Das ist ein Stück die Kehrseite des Erfolges, dass so eine Meisterschaft in der öffentlichen Meinung weniger wert, fast schon normal ist.

Was ist das für eine Saison für die Bayern? Entscheidet darüber erst das Pokalfinale?

Wenn man Meister wird, hat man beim FC Bayern die Aufgabe erfüllt. Das ist der wichtigste Titel, der, den man im Alltag bestätigen muss. Das hat Bayern hervorragend geschafft. Aber man kann diese Saison nun noch krönen.

Wie wichtig wäre dieser Titel für Guardiolas Abschlusszeugnis?

Es wäre zumindest noch mal eine Auszeichnung. Damit kann er Geschichte schreiben. Er hätte dann in drei Jahren sieben Titel mit Bayern gewonnen. Aber ich muss doch auch mal klarstellen: Für mich bleibt Guardiola unabhängig von diesem letzten Spiel – Double hin oder her – in bester Erinnerung. Denn er hat Unglaubliches geleistet in seinen drei Jahren in München. Die Art und Weise, in der Bayern gespielt hat, war einzigartig. Er ist der Baumeister, der Architekt dieses Erfolges. Dieser Hochgeschwindigkeitsfußball, das Pressing, die Spielintelligenz – das war beeindruckend. Da hat Guardiola mit Bayern Lehrstunden für den modernen Fußball geliefert. Immer und immer wieder.

Hitzfeld: Leistung von Pep Guardiola beim FC Bayern München wird nicht fair bewertet

Sie haben zuletzt gesagt, er werde nicht fair bewertet.

Ja – und dabei bleibe ich. Ich finde es ungerecht, wie da mit ihm als Trainer umgegangen wird. Er hat die Meisterschaft drei Mal gewonnen, stand drei Mal im Halbfinale der Champions League – und hat einen Fußball spielen lassen, den man so vielleicht noch nie gesehen hat. Er hat der Bundesliga enorm viel gebracht.

Gab es einen anderen Trainer, der den deutschen Fußball so geprägt hat?

Vergleiche sind schwer, weil jede Epoche von verschiedenen Trainern und Philosophien geprägt wird. Jupp Heynckes hat auch hervorragenden Fußball spielen lassen. Guardiola hat da ein schweres Erbe übernommen, die Mannschaft auf dem Zenit bekommen. Und er hat es geschafft, dass die Anspannung gehalten hat in den letzten Jahren.

Die Spieler sagen, Sie kennen den Privatmenschen Guardiola gar nicht. Wie war das bei Ihnen?

Jeder Trainer hat seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Philosophie und Eigenart. Der eine ist kommunikativ, der andere konzentriert sich mehr aufs Berufliche. Das hat man zu akzeptieren und zu respektieren, dass das bei Guardiola der Fall war. Das macht Guardiola so – und andere anders.

Bei Ihrem Abschied gab es Tränen, bei Guardiolas nicht. Er hat außerdem kategorisch ausgeschlossen, noch einmal zurückzukommen. Ist das Kapitel Bayern für ihn durch?

Ach, das sagt man meistens, wenn man gerade Abschied nimmt. Da kann man sich nicht vorstellen, in den nächsten Jahren zurückzukommen. Dann hätte man ja auch gleich bleiben können. Nun hat er ein neues Projekt bei Manchester City. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass Guardiolas Rückkehr bei Bayern mal wieder ein Thema wird. Irgendwann in ein paar Jahren – warum denn nicht?

Haben Sie auch nicht an eine Rückkehr gedacht?

Ich sage es ehrlich: Nein. Aber manchmal kommt es eben anders, als man denkt (lacht).

Seine Aussage „das wäre nicht gut für den FC Bayern“ ist also kein Zeichen dafür, dass es nicht gepasst hat zwischen ihm und dem Verein?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass Pep Guardiola mit viel Stolz auf seine Zeit in München zurückblicken kann und auch wird. Er wird in Erinnerung bleiben. Er hat viel Kraft investiert, sein ganzes Wissen, seine ganze Leidenschaft in dieses Projekt. Jetzt kommt für ihn ein neues Abenteuer. Ich sage Ihnen aber schon jetzt: Wenn er weg ist, werden seine Erfolge auch von der Öffentlichkeit mehr gewürdigt als bis jetzt. Man merkt oft erst, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat.

Hitzfeld: Ancelotti hat einen leichteren Start beim FC Bayern als Guardiola 

Tritt Carlo Ancelotti also ein schwereres Erbe an als Guardiola damals?

Nein. Für Guardiola waren die Voraussetzungen insofern schwieriger, weil er einen Triple-Gewinner übernehmen musste. Für Ancelotti ist es jetzt eine riesige Herausforderung, dieses Niveau zu halten.

Und den Titel zu holen, den Guardiola nicht geholt hat?

Umso besser: Da hat er noch ein Ziel mehr (lacht). Aber es wird auch für ihn um Kleinigkeiten gehen, wenn er mal im Halbfinale steht. Es kommt nicht immer die bessere Mannschaft weiter. Das haben wir gegen Atletico gesehen.

Haben Sie Angst, dass Guardiolas schöner Spielstil den Bayern verloren geht?

Nein. Ancelotti hat sicher seinen eigenen Stil. Aber im heutigen modernen Fußball. ist ja Ballbesitz-Fußball, Pressing, hohes Verteidigen das, was man zur Zeit macht. Das wird unter Ancelotti weitergeführt. Diese DNA haben alle großen Teams. Barcelona hat damit begonnen – und auch für Bayern ist das der richtige Weg.

Sie haben schon vor eineinhalb Jahren in unserem Interview gesagt: „Solche Bayern gab es noch nie.“ Was sagen Sie jetzt?

Dass sich das Niveau immer wieder neu bestätigt, wenn nicht sogar noch ein Stück gehoben hat. Man spielt konstant auf einem Top-Level. Das Rückspiel gegen Atletico war ja eine Schablone, die andere Teams anlegen können.

Wo steht der BVB im Vergleich?

Borussia Dortmund hat auch eine sensationelle Saison gespielt. Das sieht man an der Punkteausbeute, an der Konstanz. Auch im spielerischen Bereich haben sie Akzente gesetzt. Sie waren ein großer Konkurrent für Bayern. Und in einem Spiel, einem Endspiel, ist alles möglich. Die Tagesform ist entscheidend, dazu die Fragen: Wem gelingt die Führung? Wie verläuft das Spiel?

Thomas Tuchel hat Alarm geschlagen. Zurecht? Oder ist das ein Bluff?

Vollkommen zurecht. Thomas Tuchel wollte da noch mal ein berechtigtes Warnsignal senden. Weil Dortmund nachgelassen hat, an Konzentration verloren hat. In Frankfurt verlieren, gegen Köln 2:2 spielen – das ist unnötig. Das war der richtige Ansatz von Thomas Tuchel. Er hat gespürt, dass er es nicht so laufen lassen kann, dass er ein Zeichen setzen muss. Das kann für Berlin sehr wichtig gewesen sein.

Wie wichtig wäre der Titel für den BVB? Kriegen Spieler wie Henrich Mchitarjan oder Pierre-Emerick Aubameyang genug von zweiten Plätzen?

Es wäre schon einfacher für die Zukunft und die anstehenden Transfers, wenn man Pokalsieger wird, endlich mal wieder einen Titel holt, Bayern schlägt. Das wäre ein Zeichen, das man jetzt schon setzen kann. Dass man Bayern den Kampf ansagt. Das wäre auch wichtig für das eigene Selbstvertrauen, das Selbstverständnis.

Hitzfeld: Weggang von Hummels schwerer Verlust für Borussia Dortmund

Gerade jetzt, wo Mats Hummels geht. Wie sehr schmerzt dieser Abgang?

Das ist ein erheblicher Verlust, da braucht man nicht drumrum reden. Nicht nur dass der Spieler geht, sondern auch die Figur neben dem Platz. Man kann den Innenverteidiger Hummels durch einen Transfer ersetzen – aber man kann ihn nicht als Leader, Leistungsträger, Kapitän, ja Seele der Mannschaft ersetzen.

In München konnte er sich unter Ihnen nicht durchsetzen. Erzählen Sie vom jungen Mats!

Man hat schon damals gesehen, dass er Karriere machen wird. Aber mit 18, 19 Jahren hatte er bei Bayern einfach zu viel Konkurrenz. Der Sprung war zu groß, deshalb war es die richtige Entscheidung zu gehen. Er hat beim BVB Spielpraxis bekommen, größere Chancen gehabt, in jungen Jahren spielen zu können.

Bayern - Dortmund: So endeten die vergangenen Duelle

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War es auch für Bayern die richtige Entscheidung?

Es ist halt so gelaufen – und Bayern ist auch ohne ihn ein paar Mal Meister geworden und hat die Champions League gewonnen. Also hat man nicht viel falsch gemacht.

Wie sehr stärkt Hummels nun die Bayern?

Ancelotti setzt damit ein Zeichen. Er hat nun zwei richtig starke Innenverteidiger, ein Abwehrgerüst, das sehr, sehr stabil ist. Guardiola musste da viel improvisieren. Das war ja auch eine Kunst von ihm, die viel zu wenig anerkannt wurde. Fast die ganze Abwehr ist ausgefallen, er musste mehr als 20 Mal neue Innenverteidiger aufstellen, hat Joshua Kimmich zum EM-Spieler gemacht – das ist eine großartige Leistung. Das hat er perfekt hinbekommen. Mit Hummels hat man aber nun noch mehr Ruhe. Ancelotti hat da seinen Wunschtransfer bekommen.

Wie schwer wird dieses Pokalfinale für Hummels?

Gar nicht. Für ihn ist es wichtig, sich erfolgreich zu verabschieden. Er kann seine Zeit in Dortmund noch krönen, als Pokalsieger nach München kommen. Das ist doch auch für ihn eine Motivation für die nächste Saison. Und er wäre sogar nervenstark genug, auch einen Elfmeter zu schießen, wenn es so weit kommt. Da bin ich mir sicher.

Im Fokus steht am Samstag außerdem Mario Götze. Ancelotti scheint nicht auf ihn zu bauen. Wäre eine Rückkehr zum BVB zu empfehlen?

Ganz egal wohin: Mario Götze muss zu einem Verein gehen, bei dem der Trainer auf ihn setzt. Bei dem er sagt, du wirst die Chance haben zu spielen. Das ist die wichtigste Frage, die man klären muss. Wenn Thomas Tuchel sagt, ich will dich, du bist gesetzt, ist das das richtige. Wenn Jürgen Klopp das sagt, genau so. Das wäre beides gut für ihn.

Hitzfeld: Neuanfang wäre für Götze die richtige Lösung

Ein Verbleib in München scheint aber ausgeschlossen, oder?

Für Mario wäre ein Neuanfang bei einem neuen Klub vermutlich die richtige Lösung. Er hat mit Bayern Erfahrung sammeln können – aber er muss spielen, um glücklich zu sein.

War die Zeit in München vergeudet?

Nein. Es ist auch lehrreich, eine solche Erfahrung zu machen. Die andere Seite des Profidaseins zu sehen, um seinen Platz zu kämpfen, von der Bank aus zu kommen. Das kann ein Antrieb sein für noch bessere Leistungen – die er dann aber wohl bei einem anderen Klub bringt.

Nun kommt Renato Sanches, Mario Götze geht wohl. Ist die Sorge begründet, dass sich der FC Bayern von seinen bayerischen Wurzeln entfernt?

Man hat mit Renato Sanches einen hervorragenden Transfer machen können. Ein Perspektivspieler mit Riesentalent. Einer, den man lange begutachtet hat. Man hat ihn ja auch gegen Bayern spielen sehen, da hat er überzeugt – das ist ein Maßstab. Wenn er bei Bayern irgendwann Stammspieler ist, war er immer noch günstig.

Fehlen aber diesem Team nicht die Münchner Figuren?

Das wird doch immer schwieriger. Für einen deutschen Spieler, der seine Ausbildung bei Bayern genossen hat, ist der Sprung oft zu groß. Die erste Mannschaft von Bayern ist kein Ausbildungsteam, die können sich keine Punktverluste erlauben. Diese Zeiten sind vorbei.

Jugendarbeit lohnt sich nicht mehr?

Doch! Man muss immer zweigleisig fahren. Bayern wird auch im Nachwuchsbereich investieren, um großartige Spieler auszubilden. Vielleicht schafft es ja der ein oder andere. Es kann ja auch in Bayerns Jugend ein Juwel auftauchen wie Renato Sanches. Da ist Bayern auf dem richtigen Weg, diese Arbeit zu intensivieren. Für Uli Hoeneß ist das ja auch ein Ziel, er hat da viel Zeit und Kraft investiert.

Das war sein Wiedereinstieg. Wäre es gut, wenn er wieder Präsident wird?

Ich würde mir wünschen, Uli Hoeneß wieder in einer verantwortlichen Position bei Bayern zu sehen, in einem offiziellen Amt. Das muss der Vorstand nun mit ihm besprechen – und wenn Uli will, wird er totalen Rückhalt bei der Mitgliederversammlung haben. Schaden würde seine Rückkehr dem Klub nicht. Und es wäre noch spannender für die Bundesliga.

Interview: Hanna Schmalenbach

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