Mitleid auf andere Art

Holger Badstuber: Vom Dauer-Patienten zum Abwehrboss

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Kommunikator, Motivator: Badstuber ist in der dezimierten Bayern-Abwehr derzeit der wichtigste Mann.

München - Holger Badstuber ist vom Dauer-Patienten zum Abwehrboss geworden – und bildet nebenher Joshua Kimmich aus.

Holger Badstuber hat es so gewollt, das kann er nicht leugnen. Der Innenverteidiger des FC Bayern hatte für die Rückrunde ein klares Ziel. Er war es leid, als Dauer-Patient gesehen zu werden, wollte nicht mehr der junge Mann sein, den man ob seiner unzähligen Verletzungen aufbauen muss. Diese mitleidigen Blicke, die ihm in den letzten dreieinhalb Jahren von allen Seiten entgegengebracht wurden, waren meist gut gemeint. Aber Badstuber, seit Ende 2012 insgesamt mehr als 850 Tage verletzt, kann sie nicht mehr sehen.

Er wollte wieder dazugehören. Als vollwertiger Spieler. Als Leistungsträger. Jetzt ist er Bayerns Abwehrboss.

Natürlich gibt er es selbst nicht gerne zu, es ist aber eindeutig kommuniziert, dass der 26-Jährige in der von Ausfällen geplagten Defensivreihe des FC Bayern derzeit für die Kommandos zuständig ist. Er fühle sich „nicht als Chef“, sagte er in Leverkusen und beschrieb seine Aufgaben als „der Mannschaft helfen, Impulse setzen, mein Spiel aufziehen“. Allein sein Nebenmann aber sieht die Angelegenheit anders. Joshua Kimmich, seit Montag 21 Jahre alt, ist auf Badstuber angewiesen. Denn der gebürtige Memminger ist nach den Ausfällen von Jerome Boateng und Javi Martinez im Moment (neben Neuzugang Serdar Tasci, der sich nach einer Gehirnerschütterung auf dem Weg der Besserung befindet) der einzige etatmäßige Innenverteidiger im Kader von Pep Guardiola. Er macht seine Sache gut: Das neue Defensiv-Duo Badstuber/Kimmich hat in seinen ersten beiden Spielen keinen Gegentreffer zugelassen. Zu null gegen Hoffenheim, zu null in Leverkusen.

Badstuber will Kimmich zu vollwertigem Partner werden lassen

„Im Training und im Spiel gibt er oft und lautstark Kommandos und sagt, was ihm auffällt. Das hilft mir natürlich“, sagt Kimmich über seinen prominenten Mentor. Die Umschulung des Talents zum Innenverteidiger ist sicher noch nicht abgeschlossen. Er lernt aber schnell, weil er einen Fachmann neben sich hat. Badstuber, von Kindesbeinen an ein akribischer Arbeiter, der die moderne Innenverteidiger-Rolle wie kaum ein Zweiter verinnerlichte, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kimmich zu einem vollwertigen Partner werden zu lassen. Viel Zeit hat er in den seit Samstag laufenden englischen Wochen in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League nicht. Bisher besteht aber kein Anlass, am Erfolgsmodell zu zweifeln. „Joshua macht das ordentlich“, sagte der (Ex-)Nationalspieler in Leverkusen, und fügte schnell – und in Lehrer-Manier – hinzu: „Jetzt müssen wir dran bleiben. Es kommen große Gegner, da müssen wir definitiv gut spielen.“

Man merkt Badstuber an, dass er Gespräche mit Medienvertretern nach wie vor eher scheut. Zu viel, zu oft, zu lange musste er immer und immer wieder über seine Verletzungen sprechen, über den jeweils langen Weg zurück, die dunklen Stunden in der Reha. Auch in Leverkusen war er schon auf halbem Weg zum Bus, als er zurückgepfiffen wurde. Er konnte sich aber schnell sicher sein, dass es neue Themen gibt. Badstuber als Hoffnungsträger – das gefällt ihm.

Einfach mal spielen und Vertrauen spüren

„Es kommt von Spiel zu Spiel“, sagte er über seinen Fitnesszustand, den er allerdings von sich aus ansprach. Der hohe Rhythmus in drei Wettbewerben tue ihm gut, „ich spüre, dass es kommt“. Natürlich hat man intern Bedenken, Badstubers so lange gebeutelten Körper alle drei Tage Höchstbelastungen auszusetzen. Vielleicht ist aber gerade das die Herausforderung, die er gebraucht hat. Einfach mal spielen, Vertrauen spüren, zu alter Form zurückkehren, sich womöglich sogar für die EM im Sommer ins Gespräch bringen. Mitleid haben die Menschen in naher Zukunft wohl nur noch mit ihm, weil er arg gefordert sein wird.

Am Mittwoch im Pokal zu Gast in Bochum, in der Liga in Augsburg und gegen Darmstadt – dann wartet Juventus Turin. Badstuber wird der Mann sein, auf den es hinten ankommt. Wenn er da so steht und ins Plaudern kommt, merkt man: Er freut sich drauf.

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