Talentschmied Hrubesch im Interview

„Kimmich hat mich schon mit 17 fasziniert“

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„Ein Spieler, wie man ihn sich wünscht“: Der langjährige DFB-Juniorencoach Hrubesch über Kimmich.

Hamburg/Hannover - DFB-Talentschmied Hrubesch über die Bayern-Tauglichkeit von Gnabry und Brandt, Bayerns Nachwuchsleistungszentrum, Cristiano Ronaldo und Usain Bolt 

Am Samstag wurde Horst Hrubesch nach 16 Jahren Trainertätigkeit beim DFB in seinem „Wohnzimmer“ Volksparkstadion verabschiedet. Tags darauf saß der 65-Jährige schon im Auto nach München. Dort ein Zwischenstopp, dann ging es weiter zum Spiel der U 21 in St. Pölten. Vom Ruhestand ist der Mann, der die DFB-Junioren gerade in Rio zu Olympia-Silber führte, weit entfernt.

- Herr Hrubesch, wie hat Ihnen das 3:0 gegen Tschechien gefallen, Sie waren ja live im Stadion dabei?

Man hätte das Spiel schneller entscheiden können, das ist aber der einzige Kritikpunkt. Ansonsten war es ein Auftritt, an dem es nichts zu bekritteln gab. Es wurde auch gezielt auf den Abschluss hingespielt, was zuletzt kritisiert wurde.

-Wie sehen Sie als früherer Stürmer die Debatte um die deutsche Offensive?

Ich finde sie völlig überzogen. Man hat jetzt gegen Tschechien gesehen, wie viele Chancen herausgespielt wurden. An einem guten Tag gewinnst du da 4:0, 5:0. Ab und zu denke ich, die Leute diskutieren einfach gerne rund um die Nationalelf. Fakt ist, dass Joachim Löw sich Gedanken macht – und Varianten hat: Er kann Mario Gomez als klassische „Neun“ aufbieten, er hat Mario Götze, und da ist ja auch noch immer Thomas Müller, der zentral eine Option ist. Da sollen die Leute mal auf die anderen Nationen schauen. Wer hat denn solche Möglichkeiten wie wir? Man kann sich auch vieles einreden. Das ist Jammern auf hohem, höchstem Niveau.

-Erleben wir eine Renaissance des echten Stürmers – so einer wird krampfhaft gesucht. Bis vor kurzem wurde gemutmaßt, für diesen Typus sei im modernen Fußball kein Platz mehr.

Ich muss da immer schmunzeln: Was heißt modern? Es kommt doch immer darauf an, welche Spieler du hast, welche Idee du umsetzt. Wir hatten jetzt eine Phase, da dachten die Leute, es sei hochmodern, ohne echten Stürmer zu spielen – aber der Fußball ist so dynamisch, es gibt immer wieder neue Situationen, da stirbt kein Fußballer aus. Entscheidend ist, dass einer was kann. Für Talent findet jeder kluge Trainer einen Platz im Team.

-Geht Ihnen bei Thomas Müller das Herz auf?

Das haben Sie genau richtig ausgedrückt: Da geht mir das Herz auf. Aber auch bei einem Götze in der Form vom Samstag, wie er da zwischen den Linien seine Räume sucht. Dem fehlt nur ein Tor, dann ist er wieder ganz der Alte.

-Wann kommt denn ein junger Stürmer, der das Zeug zum Großen hat?

Die sind schon da, sie brauchen nur noch etwas Spielpraxis, und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, ehe sie Löw einlädt. Serge Gnabry bringt alles mit, er muss jetzt in Bremen spielen, spielen, spielen. Kontinuierlich, dass er mal körperlich in eine Top-Verfassung kommt. Er hat es jetzt ja bei Olympia bewiesen, dass er es draufhat. Wenn er bei Bremen langsam Fuß fasst und dann im Winter eine ordentliche Vorbereitung hinter sich hat, wird man im Frühjahr den besten Gnabry sehen. Das ist ein Spieler, der alles mitbringt: beidbeinig, schnell, Kopfballspiel, Spielintelligenz, alles.

-Es gab Gerüchte, dass er beim FC Bayern unterschreibt – Bremen war die bessere Wahl, um Spielpraxis zu bekommen, oder?

Ja, schon. Ein Gnabry in Top-Verfassung würde beim FC Bayern auch auf seine Spielzeiten kommen, da bin ich sicher. Das wäre wie bei Joshua Kimmich, der auch regelmäßig randarf. Aber so, wie es jetzt gerade ist, war Bremen die ideale Entscheidung. Da kann er Verantwortung übernehmen, da muss er Entscheidungen herbeiführen, da ist er gefordert. Bei Bayern wäre das nicht so, weil er bei der Konkurrenz natürlich weniger Einsätze hätte.

-Wie steht es um die weiteren Sturm-Talente? David Selkie, Timo Werner, Mark Uth – ist die WM 2018 für sie realistisch?

Man sollte jetzt keine einzelnen Namen durchgehen. Das sind alles gute Jungen, sie benötigen Zeit, man muss abwarten. Der eine oder andere ist sicher in der Lage, noch auf den Zug aufzuspringen, aber Basis ist, im jeweiligen Verein zu spielen und Leistung zu bringen. Ich sage Ihnen: Es sind einige da, die heranwachsen. Aber genauso sage ich den Spielern: Sie müssen es nachweisen, dass sie es draufhaben. Die Jungs wissen, Talent zu haben ist schön – aber sie wissen, dass sie dennoch arbeiten müssen. Generell mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft des deutschen Fußballs.

-Julian Brandt wurde nun schon wieder gegen Tschechien eingewechselt. Ist er von all den Offensivkandidaten am weitesten?

Bei ihm geht ja noch mehr, noch viel mehr! Das Umschaltverhalten kann er verbessern, er muss klarer spielen, klarer in seinen Entscheidungen werden. Er hat aber eine stetige Entwicklung gemacht.

-Er sagt, er sei froh, sich gegen ein Angebot des FC Bayern entschieden zu haben. Stichwort Spielpraxis.

Die Qualität für den FC Bayern hat er aber auf alle Fälle. Leroy Sané ist auch sehr weit, bei den beiden ist alles vorhanden. Leroy wird bei Manchester City sicher etwas Zeit brauchen, um zu wissen, wie da gespielt wird. Er hat mit Pep Guardiola einen Trainer, der ihn sehr fordert, aber der hat ihn nicht umsonst zu sich geholt, das sagt schon viel aus, wenn Leroy diesen hohen Maßstäben eines Pep Guardiolas genügt. Es wird auch mal Rückschläge geben, aber da darf er den Kopf nicht in den Sand stecken.

-Sané ist als 20-Jähriger mit 50 Millionen Euro der teuerste Fußballer der deutschen Geschichte. Ist es nicht schwer, so jung mit solchen Summen umzugehen – und dem verbundenen Druck?

Die Jungs sind mit diesem Geschäft aufgewachsen. Sie wissen, dass das der Markt ist und sie nicht die Preise machen. Damit können sie umgehen. Ohne dass sie abheben. Beim Thema Geld muss ich immer an Cristiano Ronaldo denken. Wissen Sie, warum?

-Warum?

Weil der Junge so viel Geld verdient – aber jeden Tag rennt er, arbeitet, lebt für seinen Job. Da geht es nicht nur um Geld. Sonst würde er doch schon seit Jahren keinen Meter mehr laufen. Stattdessen geht er immer bis zum letzten Schritt – und darüber hinaus. Im EM-Finale hätte er doch am liebsten trotz seiner Verletzung einfach weitergemacht, so besessen ist er.

-Kimmich ist bei Bayern und der Nationalelf durchgestartet. Sie kennen ihn bestens von der U 21. Was zeichnet den Jungen aus?

Er hat das Herz am rechten Fleck. Joshua hatte schon mit 17 seine Meinung – und hat die ehrlich vertreten. So spielt er auch: Ehrlich, ausdrucksstark, mit Geist. Er hat schon mit 17 auch den Blick auf die anderen gehabt, hat geschaut: Wie nehme ich die Kollegen mit? Das hat mich fasziniert. Er kommt auf den Platz, fährt am Hof vor, und lacht immer. Ich meine nicht, dass er rumalbert, sondern dass er ungeheuer weit ist: Macht mal einen Flachs, weiß aber auch genau, wann er wieder seriös sein muss. Ein Spieler, wie man ihn sich wünscht. Man sieht ihm an, dass er sich in dieser Welt, in die er reinwächst, rundum wohlfühlt. Er verzeiht sich Fehler, wenn er sie analysiert hat, denn er ist selbstkritisch, aber eben auch sehr vorwärts gerichtet. Und er fragt nach beim Trainer. Weil er Fußball begreifen möchte.

-Sie geraten ja richtig ins Schwärmen . . .

Ja, muss ich auch. Haben Sie gegen Tschechien gesehen, die eine Szene, als er unter einem weiten Ball durchgesprungen ist? Dann landet er, lächelt sogar kurz, und hat sofort wieder seinen Körper im Zweikampf drin. Er hält sich nicht groß damit auf, über einem Fehler zu lamentieren, sondern geht gleich hinterher. Nach dem Spiel analysiert er die Szene – und das nächste Mal springt er nicht mehr unterm Ball durch. Dann löst er das anders.

-Wie sehen Sie die Pläne des FC Bayern, ein Nachwuchsleistungszentrum zu bauen? Seit Müller und Holger Badstuber kam aus München nichts mehr.

Dass die Bayern dieses Projekt angegangen sind, finde ich super. Entscheidend wird sein, welche Trainer sie holen. Nur in Steine investieren reicht natürlich nicht. Ich habe gehört, dass die Basketballer und die Frauen auf dem Gelände auch untergebracht werden, das finde ich gut, denn erst hatte ich Bauchschmerzen: Da draußen bei der Arena ist nicht viel los. Die jungen Burschen brauchen auch mal Abwechslung.

-Abgelegen ist es schon – der Gedanke war, dass die Talente aufs Stadion schauen können. Zur Motivation: Da spiele ich mal!

Naja, wenn man Usain Bolt anschaut, selbst wenn man ihn 100 Mal anschaut, wird man trotzdem nicht so schnell wie er (lacht). Nur alleine der Stadionblick wird nicht reichen.

-Stimmt es, dass Sie Mesut Özil einst übers Tischtennis integriert haben?

Nein, erstens übers Tischfußball, und zweitens habe ich ihn damit nicht integriert. Ich habe aber über Tischfußball Zugang zu ihm bekommen. Da haben wir im Doppel alles zusammen gewonnen. Diese Geschichte ist wichtig, weil ich damit zeigen wollte, dass es elementar ist, die Jungen irgendwie zu erreichen. Du kannst als Trainer nicht nur vor ihnen stehen und Vorgaben machen. Da müssen Sie mal Hermann Gerland fragen, der erzählt ihnen das Gleiche. Nur den bösen Onkel spielen, so kriegst du kein Talent auf Linie. Und er hat sie alle geformt: Lahm, Schweinsteiger, Müller, Badstuber, Kroos. Das geht nicht mit Peitsche.

-Was planen Sie denn für Ihre Zukunft?

Zuhause sitzen und Däumchen drehen kommt nicht infrage. Ich bin mit Hansi Flick (Sportchef des DFB/d. Red.) so verblieben, dass wir uns in Ruhe zusammensetzen und schauen, was noch infrage kommt. Ich fühle mich fit und bin zuversichtlich, dass wir was für mich finden. Und wenn nicht, gehe ich fischen. Aber soweit bin ich noch nicht.

-Was ist Ihre Prognose nun gegen Nordirland?

Da sind ein paar Talente, gegen die meine Jungs schon gespielt haben. Ich kann Ihnen sagen, ich habe noch keine britische Mannschaft erlebt, die nicht alles gegeben hat. Freiwillig verlieren die nicht. Sie werden dagegenhalten. Die Frage wird einfach sein, ob sie das Tempo und die Ordnung behalten können. Läuft alles normal, sind es drei Punkte für Jogi.

Interview: Andreas Werner

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