Im tz-Interview

So schätzt Matthäus die Chancen der Bayern in der CL ein

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Lothar Matthäus.

München - Vor dem Champions-League-Start spricht Lothar Matthäus über die oft fehlende Spannung in der Gruppenphase, Titelkandidaten und seinen ehemaligen Verein, den FC Bayern. Im tz-Interview erklärt er, warum die Münchner die größten Chancen auf den Henkelpott haben.

Herr Matthäus, freuen Sie sich jetzt schon auf die Champions League oder setzt dieses Gefühl erst mit Beginn der K.o.-Phase ein? 

Lothar Matthäus: Es verhält sich ähnlich wie bei Welt- oder Europameisterschaften. Die Vorrunde ist häufig ein Geplänkel, eine Art Warm-up. So richtig beginnt die Champions League für mich erst später, allerdings gibt es auch in der Gruppenphase schon einige spannende Spiele – allein wenn ich an die Gruppe von Borussia Mönchengladbach denke mit dem FC Barcelona und Manchester City. Einigen Gruppen schenke ich mehr Aufmerksamkeit als anderen. 

Ihre Aufmerksamkeit gilt auch oft Ihrem Ex-Verein: Wie gefallen Ihnen die Bayern unter Carlo Ancelotti? 

Matthäus: Ein generelles Fazit kann man da noch nicht ziehen. In der Bundesliga gab es einen leichten und einen schwierigeren Sieg. Richtig vergleichen lässt sich das mit den Bayern aus den vergangenen Jahren noch nicht. Grundsätzlich glaube ich, dass die neuen Spieler und die Impulse des neuen Trainers dem Verein gut tun werden und es eine positive Saison für den FC Bayern wird. 

Wie definieren Sie denn eine positive Saison?

Matthäus: Sie wird nur dann positiv sein, wenn man die Champions League gewinnt. Die anderen Wettbewerbe sind ja praktisch schon zu Pflichtaufgaben geworden, obwohl natürlich gerade im Pokal immer etwas passieren kann. In den vergangenen drei Jahren hat die Mannschaft unter Guardiola erfolgreich gespielt. Der Stil wird sich jetzt unter Ancelotti ein wenig ändern. Dennoch sind die Münchner in Deutschland übermächtig. 

Und wie sehen Sie den FCB in der CL? 

Matthäus: Auch da sucht die Klasse des Kaders ihresgleichen. Im Sommer wurde auf dem Transfermarkt nicht groß, aber gezielt zugeschlagen. Mit Mats Hummels hat man neben Jerome Boateng den Stabilisator gefunden, den man in den vergangenen Jahren vermisst hat. Wenn die Bayern von größerem Verletzungspech verschont bleiben, sind mit Boateng, Hummels und auch Javi Martinez drei Innenverteidiger auf höchstem Niveau da. Ich glaube, dass sie noch stärker einzuschätzen sind als in der letzten Saison. 

Also sind die Bayern Top-Favorit auf den CL-Titel? 

Matthäus: Ich sehe sie leicht favorisiert gegenüber den anderen Titelkandidaten. Neben dem FC Bayern zähle ich Real Madrid, den FC Barcelona und auch Manchester City zu meinen Top Vier. Guardiola hat einen guten Einstand gehabt, man muss City auf der Rechnung haben. Aber wenn ich die Defensive mit der des FC Bayern vergleiche, dann sehe ich doch deutliche Unterschiede. Da können auch Real und Barça nicht mithalten. Der Kader ist so aufgestellt, dass mit ein bisschen Glück der CL-Sieg gelingen kann. 

Glauben Sie, dass die CL mit der Reform ab der Saison 2018/2019, wenn Europas Top-Ligen vier feste Startplätze bekommen, spannender wird? Oder geht dadurch ein wenig Reiz verloren? 

Matthäus: Dabei geht es allein um wirtschaftliche Aspekte. Mit dem derzeitigen Playoff-System kegeln sich die Dritt- oder Viertplatzierten der großen Ligen ja in der Qualifikation gegenseitig raus, während die Meister aus den kleinen Ländern untereinander um weitere Plätze in der Gruppenphase kämpfen. Aber das war früher anders, da hatten es die Underdogs auch schon schwerer. Mit der aktuellen Regelung stehen sie besser da, und bald ist es wieder so, dass die größeren Länder bevorzugt werden. Die, die dem Wettbewerb allein schon durch ihre TV-Vermarktung deutlich mehr Einnahmen garantieren. Aber aus Sicht der großen Fußball-Länder ist diese Forderung verständlich. Sie wollen ihre Top-Teams dabeihaben. 

Thema Wirtschaftlichkeit: Manchester United hat im Sommer 105 Mio. Euro für Paul Pogba ausgegeben. Wie lange bleibt Javi Martinez mit seiner Ablöse von 40 Mio. Euro noch der Rekordtransfer des FCB?

Matthäus: Bis die Bayern einen Spieler finden, der sie verstärken kann und noch ein paar Millionen mehr kostet. Obergrenzen gibt es inzwischen nicht mehr. Wenn die Verantwortlichen einen Spieler unbedingt haben wollen, werden sie nicht zögern und auch mehr als 40 Mio. Euro ausgeben.

So denken auf der anderen Seite aber auch Vereine, die sich für Robert Lewandowski interessieren.

Matthäus: Das mag sein. Aber wenn der FC Bayern einen Spieler nicht gehen lassen will, dann geht er auch nicht. Aus wirtschaftlicher Sicht halte ich das nicht für möglich. Für die Bayern zählen einzig sportliche Erfolge, nicht der Kontostand. Der ist zwar auch wichtig, aber nicht auf Kosten des Erfolges. Da wird der FC Bayern gegenüber anderen Vereinen – auch den englischen – immer seine Stärke demonstrieren. Und wenn Lewandowskis Vertrag 2019 ausläuft, ist er 30 Jahre alt. Dann bin ich mal gespannt, ob ihn Real Madrid zum Beispiel immer noch um jeden Preis haben will. Aber keine Frage: Robert ist für mich der beste Mittelstürmer der Welt. Und das weiß auch der FCB. 

Das Interview führte Sven Westerschulze.

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Video: FC Bayern vs. FK Rostov: Abschlusstraining mit Arjen Robben und Jerome Boateng

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