Nach 35 Jahren ist Schluss beim FCB

Junioren-Betreuer Harbich: Alaba ist ihm ans Herz gewachsen

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Talentförderer aus Leidenschaft: Harbich betreute auch heutige FCB-Stars wie Philipp Lahm, Thomas Müller oder David Alaba während ihrer Zeit bei den A-Junioren.

München - Herbert Harbich betreut seit 1980 ehrenamtlich die A-Junioren des FC Bayern – nun geht er in den verdienten Ruhestand. Wir stellen Ihnen den 72-Jährigen mal genauer vor.

Es war nach dem Champions League-Finale 2013. Herbert Harbich lehnt als Zuschauer bei der U17 gemütlich am Zaun, der das Spielfeld der B-Junioren vom Beachvolleyballplatz der Profis trennt. Plötzlich tippt man ihm von hinten auf die Schulter, Harbich dreht sich um und sieht in junge, strahlende Gesichter: „Hallo, Herr Harbich“, schallt es ihm entgegen. Da stehen sie nun, die Champions League-Sieger: Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, David Alaba und strecken ihm durch das Drahtgitter die Hände entgegen. „Das“, sagt Harbich, „sind die Momente, in denen du spürst: Es hat sich gelohnt. Das ist mehr wert als 1000 Euro.“

Harbich ist 72, nach knapp 35 Jahren als ehrenamtlicher Betreuer der A-Junioren beim FC Bayern zieht er sich nun zurück. Er hat Sterne aufgehen und Talente verschwinden sehen, hat junge Karrieren begleitet in den großen, den Profifußball. Und hat Jungs getröstet, deren Hoffnungen wie Sand im Wind einfach zerstoben. Harbich hat Buch geführt, alle Namen notiert und auch die Wege derer weiter verfolgt, die die Säbener Straße bald verlassen haben. Und wenn er sie wiedersieht, ist die Freude stets riesig.

Thomas Müller lernte im Mannschaftsbus fürs Abitur

Wo Harbich auch hinkommt, überall trifft er frühere Schützlinge. „An die allermeisten habe ich gute Erinnerungen. Das waren alles anständige Burschen.“ Und gerade die, die noch ein bisschen anständiger waren, haben dann auch einen guten Weg genommen. Harbich zählt auf: Manni Schwabl, Christian Nerlinger, Markus Babbel, Didi Hamann, Thomas Hitzlsperger, Owen Hargreaves, später Schweinsteiger, Lahm, Müller und Alaba. Harbich könnte noch viele nennen. Gerade David Alaba ist ihm ans Herz gewachsen: „Ein toller Kerl. Sympathisch, immer auf dem Boden geblieben.“ Harbich erzählt vom Gastspiel der A-Jugend in Hoffenheim, als Alaba gerade dorthin verliehen war. „Als ich aus der Kabine kam, stand er da, wollte seine alten Kumpels begrüßen, traute sich aber nicht rein. Dabei spielte er damals schon in der Bundesliga.“

Als Betreuer hat Harbich meistens schnell erkannt, wer es mal zu was bringen könnte. Das sind zum einen die Zielstrebigen, die nicht nur Fußball im Kopf haben: „Der Thomas Müller saß bei Auswärtsfahrten immer hinten im Bus und hat für sein Abitur gelernt.“ Müller hat auch immer mit angepackt, wenn es was zu tun gab: „Andere gingen lässig an den Koffern vorbei, statt sie mit zum Bus zu tragen. Aber auch das gehört zu einem Teamplayer.“

Das aber waren sie nicht alle. Harbich erinnert sich an Jungstars mit Allüren. „Berkant Göktan wurde nicht nur von seinem Vater früh als Superstar gesehen, das hat ihm unglaublich geschadet.“ Beim Namen Göktan fällt Harbich das Finale um die Deutsche Meisterschaft 1998 ein. Nach einer Stunde lagen die Bayern in Dortmund 2:1 in Führung, ein Strafstoß hätte die endgültige Entscheidung, den ersten deutschen Jugendtitel für die Bayern bringen können. Michael Fischer war als Schütze vorgesehen, „doch Berkant, der schon das ganze Spiel neben sich stand, nahm sich den Ball - und verschoss.“ In der Nachspielzeit traf die Borussia zum Ausgleich, nach der Verlängerung ging es ins Elfmeterschießen. „Göktan trat noch einmal an - und scheiterte wieder.“ Bayern verlor, „so etwas“, sagt Harbich, „vergisst man nie.“ Mit Wehmut hat er verfolgt, was aus Göktan geworden ist. „Manche treten ihr Talent mit Füßen.“

Göktan trat sein Talent mit Füßen

Nie hat Harbich seine Aufgabe allein darin gesehen, Trikots einzupacken, Spielberichtsbögen auszufüllen und für Verpflegung bei Auswärtsfahrten zu sorgen. Seine Tätigkeitsbeschreibung füllt zwei DIN A4-Seiten, ein Punkt ist „die persönliche Betreuung und Beratung einzelner Spieler, wenn gewünscht und erforderlich“. Immer habe er dann gesagt, „du hast Talent, aber hör’ nicht auf Leute, die dir sagen, du bist schon wer. Vor dir liegt noch ein langer, langer Weg.“

Von Reinhard Saftig über Hermann Gerland, Gerd Müller, Björn Andersson bis Heiko Vogel, mit zwölf Trainern hat Harbich zusammengearbeitet, am prägendsten waren die zwölf Jahre mit Kurt Niedermayer. Dreimal sind die Bayern in dieser Ära Meister geworden, es war die erfolgreichste Zeit der A- Junioren. Aus der Meistermannschaft von 2002 spielen heute Schweinsteiger und Lahm noch bei den Bayern, Harbich erzählt von der Meisterfeier im Ostpark, als Philipp Lahm nachts um zwei zu ihm kam, ihn umarmte, sich bedankte und alles Gute wünschte. „Das zeigt auch, aus welchem Elternhaus einer kommt.“

Harbich hat große Veränderungen miterlebt, anfangs war die Bayernliga die höchste Spielklasse für A-Junioren, man reiste nach Nürnberg, Würzburg, Memmingen und Rosenheim, heute wird vor Bundesligaspielen oft auch schon übernachtet, in Freiburg, Kaiserslautern oder Frankfurt. „Der Aufwand ist viel größer geworden“, zumal es zuletzt während der Woche sogar bis nach Manchester ging, nach Moskau, nach Rom, Champions League der A-Junioren. „Heute ist alles viel professioneller.“

Harbich könnte stundenlang erzählen, es sind Erlebnisse und Erfahrungen, von denen er ewig zehren wird. Keine Sekunde der fast 35 Jahre bereut er, auch wenn er, respektive seine Frau, auf vieles verzichten musste. „Gemeinsamen Urlaub gab es für uns nicht“, daran musste sich die Gattin gewöhnen. Harbich opferte jede freie Minute dem FC Bayern. Schuld daran ist Simon Hasch, einst Jugendleiter der Bayern und Vorgesetzter Harbichs bei der Bundeswehr. Der hatte ihn 1973 überredet, als Trainer einzusteigen. 1980 übernahm Harbich die Betreuung der A-Junioren. Und blieb dort bis heute. Ehrenamtlich.

Mit der U19 hat er die halbe Welt bereist, war in Brasilien, Mexiko, Venezuela, Saudi-Arabien, Australien und Malaysia, seine Wohnung im Münchner Fasangarten ist voll von Erinnerungen, Meisterwimpeln, Mannschaftsfotos, Widmungen und Dankschreiben. Vor fünf Jahren bekam er das Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten. Genauso viel wert ist ihm aber der Brief des Bürgermeisters von Friesoythe in Niedersachsen, wo die Bayern bei einem Turnier angetreten sind. Der Bürgermeister hat an Karl-Heinz Rummenigge geschrieben und das Auftreten der Münchner Delegation gelobt, besonders Harbich hervorgehoben, den er als „Seele der Mannschaft“ bezeichnete, der „mit unendlich viel Herzblut seinem FC Bayern und dem Fußball verbunden“ sei.

Es sind Momente, die ihn rühren, ihn jetzt, mit 72, mit großem Stolz auf seine Zeit beim FC Bayern zurückblicken lassen. Er wird sie weiter verfolgen, seine Jungs, Wochenende für Wochenende, viele von ihnen auch in der Champions League oder bei den großen Turnieren. Wie im Sommer, als fünf von ihnen in Brasilien Weltmeister wurden. Da sind bei ihm ein paar Tränen geflossen, Tränen der Freude. Schließlich war er zumindest ein klein wenig beteiligt an ihrer Entwicklung.

Und wenn nun ein bisschen vom Glanz auch auf ihn abfällt, wäre es nur gerecht. Das aber würde Herbert Harbich gar nicht wollen, dafür ist er viel zu bescheiden.

Reinhard Hübner

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