Weltmeisterin über Bayerns Meisterschaft und den Umbruch beim DFB

Künzer: "Sara Däbritz ist die Zukunft"

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Nia Künzer sieht in Sara Däbritz eine Kandidatin als tragende Säule der Nationalmannschaft.

FC Bayern München (Frauen) - Nia Künzer (36) schoss Deutschland 2003 mit ihrem Golden Goal zum WM-Titel. Heute ist sie als TV-Expertin und für die Laureus-Stiftung aktiv. In unserem Interview erklärt sie, welche Spielerinnen der Bayern für die DFB-Auswahl in nächster Zeit immer wichtiger werden.

Frau Künzer, wie bewerten Sie die Bayern-Frauen, die kurz vor ihrer Titelverteidigung stehen?

Diese Konstanz ist einfach bewundernswert. Kompliment, so wird man verdient Meister. Sie haben eine gute Truppe und in Thomas Wörle einen sehr guten Trainer. Chapeau! Leider haben sie in der Champions League – ist es zu hart, wenn ich sage: versagt? Es ist leider so. Das war schon bitter. Da lautet der Auftrag für die Zukunft: Bitte mehr die deutsche Fahne hochhalten! Sie gehören zu den Top-Teams, sie gehören zumindest ins Halbfinale. Das traue ich ihnen zu.

Ein ambitionierter FC Bayern würde der Branche als Zugpferd nicht schaden – der Name hat Strahlkraft.

Auf jeden Fall. Die Entwicklung geht sowieso dahin, dass die Männervereine ihre Frauen-Abteilungen aufwerten. Wenn der FC Bayern in der Champions League ankommt, hat das natürlich eine besondere Strahlkraft. Das ist Werbung. Paris St. Germain macht ja auch mehr her als Montpellier oder Rosengård, ohne denen jetzt wehtun zu wollen. Es war immer klar, wenn Bayern mal richtig will – eine zeitlang wollte man glaube ich nicht so –, würde das der Szene gut tun.

Wörle wird von allen, auch von Ihnen, gelobt – ist er mal einer für den DFB?

Steffi Jones hat ihr Team jetzt fürs Erste zusammen, wenn sie nach den Olympischen Spielen Silvia Neid als Bundestrainerin beerbt. Ich denke, er weiß, dass er in München ein spannendes Projekt und ein tolles Umfeld hat. Da muss man sich schon gut überlegen, ob man sich da verändert. Auch der Männerbereich wäre da in meinen Augen nicht so reizvoll.

Stichwort Olympia in Rio de Janeiro: Wie sehen Sie die deutsche Gruppe?

Grundsätzlich muss der Anspruch sein, Gruppenerster zu werden. Kanada und Australien sind im Gegensatz zu Simbabwe sicherlich keine leichten Gegner, aber die nächste Runde ist ja wirklich das Minimalziel. Olympia hatte im Frauen-Fußball bis vor kurzem den höchsten Stellenwert, erst jetzt ist die WM vorbeigezogen. Aber Olympia ist für jeden Sportler noch immer das große Highlight. Bei den Fußballern gibt es eine Extra-Motivation, weil man erst ab dem Viertel- oder Halbfinale ins Olympische Dorf zieht. Und erst ab dann wird es ja zu diesem großen Erlebnis, von dem alle Athleten immer so schwärmen.

Wie sind Ihre Prognosen – im deutschen Frauen-Fußball ist der Anspruch immer: Triumph. Ist Gold drin?

Die Erwartungshaltung ist immer immens. Aber im Moment sind die USA Favorit. Sie haben beim WM-Sieg überzeugt, spielen vielleicht nicht immer den besten Fußball, sind aber physisch und mental ungemein fit. Die Französinnen sind individuell sicher besser besetzt, aber vor ihnen habe ich insgesamt weniger Angst...

... Dabei sah es bei der WM im letzten Jahr doch so aus, als habe Frankreich – trotz der unglücklichen Niederlage im Viertelfinale – Deutschland überrundet.

Von der Anlage ist das Sahne. Aber im Fußball geht es letztlich darum, Erfolg zu haben. Meiner Meinung nach hatten sie bei der WM in Kanada die vielleicht einmalige Chance, sich mal einen Titel zu sichern. Das haben sie mal wieder nicht geschafft, und ich weiß nicht, ob sie es noch einmal so weit bringen. Ich will jetzt nicht sagen, der Zenit dieser Mannschaft ist überschritten. Aber das war eine Goldene Generation, und jetzt bin ich gespannt, wie der Umbruch läuft.

Auch bei der DFB-Auswahl findet schon länger ein Umbruch statt. Die WM verlief enttäuschend. Wie bewerten Sie den Kader?

Es stimmt, nach der WM, da muss man ganz objektiv sein, ist kein Hurra ausgebrochen. Spielerisch war das nicht überzeugend. Beim „SheBelieves-Cup“ jetzt im Februar in den USA haben sie sich gegen die wirklich großen Nationen gut geschlagen. Wir haben nicht den Anschluss verloren, davon kann keine Rede sein. Es geht aber im Frauen-Fußball immer darum, bei großen Turnieren gegen die drei, vier Top-Nationen auf den Punkt da zu sein. Und da sehe ich unser Team im Moment nicht so ganz weit vorne, wenn es um was geht.

Woran hapert’s genau?

Mir gefällt zurzeit, dass aktuell die eine oder andere Spätberufene ihre Chance bekommt. Das war früher oft zu festgefahren. Jetzt stößt eine Mandy Islacker, eine Isabel Kerschowski schnell mal dazu und bringt frischen Wind rein. Was noch immer schwierig ist, ist das spielerische Moment, gerade gegen starke Gegner. Das fängt beim Aufbau in der eigenen Verteidigung an, da würde ich mir mehr Spielstärke wünschen. Annike Krahn, Saskia Bartusiak und Babett Peter werden nicht jünger. Da sollte man vielleicht mal den Blick auf die U 20 werfen. Es wird die große Aufgabe von Steffi Jones, die Mannschaft spielerisch weiterzuentwickeln. Fußballerisch muss wieder mehr vorangehen.

Wer werden die tragenden Säulen der Zukunft?

Sara Däbritz wächst immer mehr in die Rolle einer Leistungsträgerin. Wobei es dann noch immer ein Sprung zu einer Führungsspielerin ist. Ich finde sie in zentraler Rolle am stärksten. Solange sie auf dem Teppich und gesund bleibt, ist sie die Zukunft. Leonie Maier ist eine sehr konstante Spielerin. Das Problem: Sie ist hinten rechts nicht so mittendrin im Geschehen. Dzsenifer Marozsan ist sicher eine begnadete Spielerin – aber leider kein Leaderin, die vorangeht.

Wäre Münchens Melanie Leupolz eine Kandidatin? Sie hat sich entwickelt und spielt im Zentrum.

Sie hatte schon sehr gute Phasen, muss sich aber jetzt erstmal endgültig festspielen. Lena Lotzen fehlt mir, ihre ganzen Verletzungen, das ist ja ein Trauerspiel. Plötzlich fehlen dir zwei, drei Jahre in deiner Entwicklung – diese ganzen Spiele, egal ob Bundesliga, Champions League oder mit der Nationalelf kannst du ja nicht in der Theorie nachholen. Wenn ich so drüber nachdenke, wird es wirklich spannend, wer sich zum neuen Kopf der Mannschaft entwickelt. Vielleicht wirklich Melanie Leupolz. Sie ist ein guter Typ, ihr traue ich es zu. Neben fußballerischen Qualitäten braucht es dazu ja noch ein bisschen mehr. Tabea Kemme und Pauline Bremer traue ich da auch einiges zu. Also, ich bin sehr gespannt, wer diesen neuen Kern des DFB-Teams bildet.

Text: Andreas Werner

Quelle: fussball-vorort.de

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