Lange vergessener Präsident

Landauer: "Der Mann, der den FC Bayern erfand"

+
Im ARD-Film "Landauer - Der Präsident" wird Kurt Landauer von Schauspieler Josef Bierbichler dargestellt.

München - Kurt Landauer war vor und nach dem Zweiten Weltkrieg insgesamt viermal Präsident von Bayern München. Lange vergessen, ist Landauer inzwischen dank der Bemühungen einiger Fans wieder ins Gedächtnis gerückt.

Der Name Kurt Landauer war lange Zeit selbst Karl-Heinz Rummenigge kein Begriff. „Mir ist der Name von 1974 bis 1984, als ich Spieler beim FC Bayern war, nicht einmal über den Weg gelaufen. Der war irgendwie aus den Geschichtsbüchern verschwunden“, gesteht der heutige Vorstandsboss von Bayern München im BR-Interview offen ein. Dabei würde es den FC Bayern in der heutigen Form ohne die Aufbauarbeit seines früheren Präsidenten wohl gar nicht geben.

Schickeria bringt Landauer ins Gedächtnis zurück

Dennoch war Landauer beim deutschen Rekordmeister in Vergessenheit geraten, bis ein harter Kern von Bayern-Ultras recherchierte und die Geschichte wiederbelebte. Am Mittwoch ab 20. 15 Uhr widmet nun sogar die ARD „dem Mann, der den FC Bayern erfand“, einen Themenabend inklusive eines 90-minütigen Spielfilms. Der Fanklub Schickeria, der Landauers Lebensweg zurück ans Licht geholt hatte, erhielt für seine Arbeit gegen Rechts am Dienstag zudem den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Landauer, geboren 1884 als Sohn jüdischer Kaufleute, lenkte die Geschicke des FC Bayern von 1913 bis 1914, von 1919 bis 1921, von 1922 bis 1933 und von 1947 bis 1951. Der Höhepunkt seines Wirkens war die erste deutsche Meisterschaft der Münchner 1932.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten galt der Verein jedoch als „Juden-Club“, Landauer musste abtreten und emigrierte nach einer 33-tägigen Inhaftierung im KZ Dachau 1939 in die Schweiz. Seine Geschwister Paul, Franz, Leo und Gabriele wurden von den Nazis ermordet. Nur er und seine Schwester Henny überlebten.

Posthum zum Ehrenpräsidenten ernannt

Im Juni 1947 kehrte Landauer ins zerbombte München zurück, baute den damals insolventen Verein aus den Trümmern wieder auf und legte so als Präsident den Grundstein jenes FC Bayern, der heute einer der größten, finanzstärksten und bekanntesten Fußballklubs der Welt ist. „Er war ein Macher. Er hat zum Wohle des FC Bayern große Leistungen vollbracht“, betont Rummenigge. Landauer habe für eine „Kulturveränderung bei diesem Verein gesorgt“.

Landauer galt als Patriarch. Er habe den Verein „autokratisch“ geführt, erinnert sich sein Neffe Uri Siegel (91), „für meinen Onkel gab es nur den FC Bayern. Er war besessen von diesem Verein“. In der Tat. Landauer selbst formulierte seine Leidenschaft einst so: „Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen - und sind untrennbar voneinander.“ Posthum wurde der 1961 in München verstorbene Landauer zum dritten Ehrenpräsidenten des Vereins neben Franz Beckenbauer und Wilhelm Neudecker ernannt.

„Er ist ein unglaubliches Vorbild für alle Jugendlichen“, lobt der ehemalige Bayern-Präsident Uli Hoeneß einen seiner Vorgänger. Landauer nehme „als Funktionär und Mensch einen herausragenden Stellenwert“ in der Geschichte des Vereins ein.

Landauer interessierte nur der FC Bayern - und Frauen

Landauer war es auch, der beim FC Bayern schon in den 1930er-Jahren erste professionelle Strukturen einführte - und genaue Vorstellungen vom Verhalten seiner Fußballer hatte. „Er hat bestimmte Sachen verboten, da hat er die Spieler wie Söhne behandelt: nicht rauchen, nicht trinken, kein Sex vor den Spielen“, berichtet Siegel im kicker-Interview. Zu ihm habe er einmal gesagt, so der Neffe weiter: „Weißt du, mich haben im Leben nur zwei Dinge interessiert: Frauen und Fußball.“

Dass die Fans und der Verein das Andenken von Landauer inzwischen auf besondere Weise bewahren, findet auch bei Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Anerkennung. Sie würde sich wünschen, „dass sich auch die anderen Klubs in Deutschland so der Vergangenheit widmen wie der FC Bayern“.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hofft ebenfalls auf Nachahmer. Die „Schickeria“ habe mit ihren Kurven-Choreografien, mit Lesungen und Fußballturnieren „ein deutlich sichtbares Zeichen gegen jede Art der Diskriminierung gesetzt“, würdigte er die Fans. Niersbach will auch andere Ultragruppen ermutigen, „mehr Verantwortung in diesem Bereich zu übernehmen“. Wie es Landauer zeitlebens getan hat - zum Wohle seines FC Bayern.

sid

auch interessant

Meistgelesen

"Boateng hat die Kontrolle verloren"
"Boateng hat die Kontrolle verloren"
Gründe für Bayern-Pleite: "Ideenlos, zu wenig Einsatz"
Gründe für Bayern-Pleite: "Ideenlos, zu wenig Einsatz"
FC Bayern missglückt Revanche bei Atlético
FC Bayern missglückt Revanche bei Atlético
Hoeneß bewundert Lahm: "Parallelen zu meinen Anfängen"
Hoeneß bewundert Lahm: "Parallelen zu meinen Anfängen"

Kommentare