Fritz von Thurn und Taxis im Interview

So lief das Finale von 1974 zwischen Bayern und Atlético

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Ende gut, alles gut: Maier, Hoeneß, Schwarzenbeck, Roth und Hansen (v. l.) beim Jubel nach dem zweiten Spiel.

München - Sky-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis spricht im Interview über die Europapokal-Finals 1974, Müllers Ehrgeiz und Pep Guardiolas Gesten.

Fritz von Thurn und Taxis stand noch am Anfang seiner Journalistenkarriere, als er 1974 vom Europapokal-Finale zwischen dem FC Bayern und Atlético Madrid berichtete. Nicht nur deshalb war es für den jungen Reporter des Bayerischen Rundfunks ein Spiel, das er nie vergessen sollte. In der 120. Minute glich Katsche Schwarzenbeck zum 1:1 aus, das Wiederholungsspiel gewannen die Bayern 4:0 – der erste von drei Landesmeistererfolgen in Serie. Seit 1993 kommentiert von Thurn und Taxis bei Sky (früher Premiere). Das Halbfinale an diesem Mittwoch (ab 20.45 Uhr live im TV und Live-Streamalle News bei uns im Live-Ticker) wird er als Experte in der Studiorunde verfolgen.

Herr von Thurn und Taxis, welche Erinnerungen haben Sie an 1974?

Damals sind vier Bayern aufgebrochen nach Brüssel, vier bayerische Reporter. Eberhard Stanjek und Günther Wolfbauer für das Radio, Oskar Klose für das Fernsehen – und ich als sein Assistent. Ich war damals knapp 24 . . .

. . . und Sie erlebten Ihr erstes Europacup-Finale.

Das erste von dreien in Folge. Das war damals die Blütezeit der Bayern. Ich bin bis heute als Bayern-Fan verschrieen, weil ich die ganze Erfolgsstrecke mitgemacht habe. Was aus heutiger Sicht komisch scheint: Wir haben fünf Minuten vor Spielbeginn begonnen, es gab keinen Field-Reporter, keinen Moderator. Nichts. Fünf Minuten vorher ging’s los, fünf Minuten nach dem Ende war Schluss.

"Man wusste über den Gegner noch relativ wenig"

Und das bei so einem denkwürdigen Spiel.

Die Bayern spielten mit sechs Europameistern von 1972 an gleicher Stelle. Das Spiel war besser, als es das 0:0 nach 90 Minuten aussagt. Und man muss bedenken: Damals wusste man über den Gegner noch relativ wenig.

Es gab noch kein Scouting wie heute.

Erstens kein Scouting. Zweitens keine Videos. Auch ich als Assistent wusste ja nichts. Heute hast Du Opta Sportdaten, die dir auf 130 Seiten Zahlen und Fakten zum Spiel liefern. Damals war da nichts. „Kicker“ ein bisserl, „Merkur“ ein bisserl, Ende.

Auch die Bayern waren nicht so gut informiert wie heute.

Die waren überrascht, wie stark Atletico doch war. Mit ihren sechs Europameistern waren sie automatisch Favorit. Dann stand es lange 0:0, und nach 114 Minuten fällt dieses Tor. Da war das Spiel für uns vorbei. Und ich werde nie diesen Blick von Oskar Klose vergessen – damals einer der ganz Großen unserer Zunft –, als der Katsche dieses Ding gelang. Diesen Blick, den wir uns zugeworfen haben, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Ein Gibt’s-ja-gar-nicht-Blick?

Wir hatten abgeschlossen mit dem Spiel. Sie dürfen nicht vergessen: Schwarzenbeck war der Diener des Kaisers. Ein einziges Mal ist er aus dem Schatten herausgesprungen. Ich glaube, dass der Franz ihm auch signalisiert hat: Komm, Katsche, jetzt kannst du mal mit nach vorne gehen. Sonst durfte er ja nicht. Katsche hat in seinen knapp 70 Europacup-Spielen genau zwei Tore erzielt. Eines irgendwann im UEFA-Cup gegen Coventry. Und dieses im Finale.

Als er später sein Tor detailliert beschreiben sollte, soll er gesagt haben: Fragt’s halt den Franz!

Fest steht, dass er sehr schlecht gespielt hat, der Katsche. Aber gut, es gab keine andere Möglichkeit mehr. Alle anderen waren wie gelähmt. Wenn der Ball vorbei gegangen wäre, hätte der Schiedsrichter abgepfiffen. Es war ein bisschen wie 1999 im Finale von Barcelona (Anm. d. Red.: 1:2-Niederlage gegen Manchester United mit zwei Toren in der Nachspielzeit).

So ein Tor setzt eine besondere Energie frei. Heute spricht man von einem Momentum, das sich einem Team zuneigt.

Das Spiel war deshalb offen, weil die Bayern nicht ihre Form hatten. Sepp war okay, der Franz war wie immer – die Bayern waren ja in ihrer Blütezeit damals. Die waren schon Meister, zum dritten Mal in Folge. Das gab es bis dahin noch nie.

Es gab dann ein Wiederholungsspiel.

Wir sind noch zwei Tage länger in Brüssel geblieben. Das gab mir dann die Zeit, die ganzen herrlichen Confiserien zu besuchen. Eine meiner großen Leidenschaften. Im zweiten Spiel waren die Bayern in jeder Hinsicht im Vorteil. Sie waren jünger und hatten das besagte Momentum auf ihrer Seite. Die Spanier lagen ja nach dem ersten Spiel wie tot auf dem Rasen. Die haben geheult und waren vollkommen fertig.

Im Wiederholungsspiel gab es dann nicht mehr viel Gegenwehr.

Da hat man dann schon gesehen, welche Klasse die Bayern hatten. Gerd Müller ist einfach Gerd Müller, und Uli Hoeneß war einer der schnellsten Spieler, die es gab (Anm.: Müller und Hoeneß erzielten je zwei Treffer). Das Lustige war: Ich bin nach dem Spiel rausgefahren ins Bayern-Quartier, weit außerhalb der Stadt. Das war ein sehr schönes Hotel, und ich habe dort als einziger Fernsehjournalist Interviews geführt. Die Stimmung war ausgelassen, und einige Spieler sind überhaupt nicht ins Bett gekommen – und am nächsten Tag mussten sie am Bökelberg antreten . . . 34. und letzter Spieltag. Das zweite Finale war ja am Freitagabend, die Bundesliga dann schon am Samstagnachmittag.

Müller feierte wenig, weil er Torschützenkönig werden wollte

Geschlafen haben sie höchstens auf der Busfahrt von Brüssel zum Bökelberg.

Die waren platt. Und jetzt kommt’s: Gerd Müller hatte damals ganz wenig gefeiert, weil er noch Torschützenkönig werden wollte. Er hatte 30 Tore, Jupp Heynckes 28. Die Bayern sind in Gladbach mit einem Kader von 13, 14 Spielern eingelaufen. Udo Lattek konnte also kaum wechseln, und die Mannschaft konnte den Gerd nicht bedienen. Innerhalb einer Viertelstunde hat Gladbach vor der Pause vier Tore geschossen. Zwei Mal Heynckes! Und der Gerd war so sauer. Er war extrem ehrgeizig, den interessierten nur Tore. Da hat er in der Kabine gesagt: Wenn ihr mich im Stich lasst, gehe ich raus.

Und dann ging er raus.

Ja. Heynckes hat aber auch kein Tor mehr geschossen. Die beiden haben sich die Torjägerkanone geteilt. Gladbach gewann übrigens 5:0.

Schlimm für Atlético war, dass sich die Geschichte 40 Jahre später wiederholte. Da kassierte man in der Nachspielzeit den Ausgleich gegen Real.

90 plus drei, Sergio Ramos. Das war eine Duplizität.

Vielleicht haben sie das Gefühl, jetzt mal dran zu sein. Sowas kann ja auch einen Antrieb bedeuten.

Das kann man so nicht vergleichen. Aber irgendwie wäre es fast logisch, dass man sagt: Jetzt müssen wir das mal zu unseren Gunsten entscheiden.

Schließlich ist der Argentinier Diego Simeone der Typ Trainer, der alles, aber wirklich alles zur Motivation nutzt.

Bei beiden Mannschaften lohnt es sich schon, allein die Trainer zu beobachten. Es wird sehr interessant sein zu sehen, wie die beiden agieren. Beide sind ja ständig an der Seitenlinie unterwegs. Simeone arbeitet mit dem Stadion und mit den Fans. Und Pep therapiert sich irgendwie selbst. Ich habe bei der Übertragung des Lissabon-Spiels gesagt: Wenn die Mannschaft so agieren würde, wie er sich da draußen benimmt, dann gewinnt sie kein Spiel.

Simeone hat eine enorme Präsenz. Im Stadion Vicente Calderon kann es noch ungemütlicher werden als anderswo.

Vor dem Finale 1974 hat mich die ARD damals für die Sportschau nach Madrid geschickt. Da war ich das erste Mal in diesem Stadion. Das hat mich schon damals sehr beeindruckt. Die Stimmung dort ist besonders intensiv und könnte auch an den Bayern-Profis nicht spurlos vorübergehen.

Ist Atlético ein so widerborstiger, aggressiver Verein, weil er im Schatten des Weltklubs Real immer gezwungen ist, sich mit allen Mitteln zu wehren?

Ich glaube, diese Spielweise ist eine Möglichkeit gewesen, sich zu behaupten. Das hat Simeone schnell erkannt und umgesetzt.

Die Transfergerüchte rund um den FC Bayern

Die Frage ist ja: Spiegelt sich in dem unbequemen Auftreten der Charakter des ganzen Vereins oder eher der des Trainers?

Wahrscheinlich beides. Sie sind der Underdog und fühlen sich in dieser Rolle auch wohl. Und Simeone war ja auch als Spieler schon sehr unangenehm.

Wie zäh Atlético ist, hat Bayer Leverkusen letztes Jahr erfahren, als es im Elfmeterschießen ausschied. Oder diesmal im Achtelfinale Eindhoven: Zweimal 0:0 und 8:7 im Elfmeterschießen.

Ich denke, es werden nicht viele Tore fallen. Die haben in 34 Spielen nur 16 Gegentore kassiert. Das wird eher ein Verdrängungswettbewerb.

Spielt Atlético genau die Art Fußball, die Bayern weh tun kann?

Natürlich. Es ist sehr körperlich. Meine These ist aber: Viele Bayern-Spieler sind im Kopf erschöpft. Ich glaube, Guardiola verlangt so viel, dass einige mental ein wenig nachlassen.

Das Gespräch führte Marc Beyer

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