Jugendverein des Bayern-Kapitäns

Chef von FT Gern: "Der Lahm‘sche Geist schwebt über uns"

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Der doppelte Michael: Als Vorsitzender der Freien Turnerschaft Gern ist Michael Franke Politiker und Fußballfan in einem. Von der Stadt wünscht er sich mehr Platz für den Breitensport.

München - Die FT Gern war der erste Verein von Philipp Lahm. Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht der Chef Michael Franke über den Bayern-Kapitän und unangenehme Eltern.

Michael Franke ist seit 15 Jahren Vorsitzender der Freien Turnerschaft (FT) Gern. Jener Verein, bei dem Philipp Lahm erstmals die Fußballstiefel geschnürt hat. Wohl in keinem gesellschaftlichen Bereich wird Integration im Alltag mehr gelebt als im Sport. Teamsport ist für den Diplom-Kaufmann der soziale Kitt in Ballungsräumen wie München. Doch dafür braucht es Raum zur Entfaltung und Betreuer. Und Platz ist knapp in München. Im Gespräch mit unserer Zeitung macht der 50-Jährige eine kritische Bestandsaufnahme und wagt einen Blick in die Zukunft.

Herr Franke, auf dieser Anlage hat Philipp Lahm mit dem Fußballspielen begonnen. Werden Sie noch oft darauf angesprochen?

Michael Franke, Chef der FT Gern: Ja, klar. Aber ich habe da ein lachendes und ein weinendes Auge. Ein lachendes, weil man natürlich stolz ist, wenn ein Spieler, der aus deinem Verein kommt, in Rio den WM-Pokal in den Himmel hievt. Ein weinendes Auge, weil es etwas Neid gibt und immer wieder das Gerücht kursiert, wir hätten wahnsinnig viel Geld, würden am Tropf von Philipp hängen und er hätte unseren Kunstrasenplatz bezahlt...

Was nicht der Fall ist?

Franke: Überhaupt nicht. Das hat mit Philipp gar nichts zu tun. Das Wichtigste, was wir von ihm haben, ist seine Mutter, die sich sehr im Verein engagiert – und sein Vater natürlich (lacht), ich will keinen hintanstellen. Schade, dass solche Dinge wie mit dem Kunstrasen unterstellt werden. Die FT Gern funktioniert als Verein. Das ist das Zentrale, die Erfolgsgeschichte von Philipp nehmen wir gerne wahr. Wenn Lahm mal in die Funktionärstätigkeit wechselt, bin ich nicht traurig drüber. Dann wird‘s auch für uns ruhiger.

Lahms Familie ist ja bei der FT Gern noch sehr aktiv.

Franke: Lahms Mutter ist seit langer Zeit Jugendleiterin. Philipps Schwester unterstützt uns bei der Sponsorenbetreuung, sein Vater ist im Seniorenbereich aktiv – und sein Onkel ist zweiter Vorsitzender. Also es gibt eine starke Vernetzung.

Haben Sie Lahm als Bub spielen sehen?

Franke:Ja, zwangsläufig hab ich ihn auch gesehen. Aber ich war damals Spieler bei den Herren, und da schaut man nicht immer F- oder E-Junioren. Als sich dann sein außerordentliches Talent herumsprach, hab ich mir das schon mal angeschaut. Wir haben ja viele talentierte Spieler im Verein, aber dass es dann diesen Weg nimmt wie bei Philipp Lahm, ist schon außergewöhnlich und eine tolle Geschichte.

Lahm war Kapitän einer Nationalelf, deren Spieler Wurzeln in verschiedenen Ländern haben. Stehen die WM-Helden für die integrative Kraft des Sports, wie ihn die Basis vorlebt?

Franke:Definitiv, die Nationalmannschaft kann ja gar nicht anders aufgestellt sein als die Basis. Alles andere wäre eigenartig. Ich glaube, wir haben 20 oder 25 Nationalitäten hier im Verein. Wir sind traditionell bunt aufgestellt. Lange Zeit waren es viele türkische Mitspieler, die den Jugendfußball überhaupt noch ermöglicht haben. Nun ist es internationaler geworden. Es gibt einen schönen Satz: Dem Ball ist es egal, wer auf ihn draufhaut. Das ist bei der Nationalmannschaft nicht anders als bei der E1-Jugend.

Angesichts des Zustroms von Flüchtlingen wird mehr denn je über Integration gesprochen. Welchen Beitrag kann der Teamsport hier leisten?

Franke:Aus meiner Sicht ist Teamsport ein zentraler Baustein, eine Integrationsmaschine, er kann der Kitt sein, der unsere auseinanderdriftende Gesellschaft noch beinander hält. Wir können hier von der Basis aus Impulse geben. Wir bringen Eltern aus den verschiedensten Kulturen zusammen, arm und reich, schlau und weniger schlau. Da ist es wurscht, ob einer ein Kopftuch trägt oder schwarze Hautfarbe hat. Es geht um die Sache Fußball, alles andere spielt in dem Moment keine Rolle. Das ist die Chance, die wir haben. Sie wird aber meiner Ansicht nach noch nicht genutzt.

Weshalb nicht? Tut die Stadt zu wenig?

Franke:Ich will nicht auf der Stadt herumhacken. Natürlich haben wir nun aufgrund des Zuzugs Probleme bei der Infrastruktur. Aber das war lange nicht absehbar. Es geht hier nicht nur um Flüchtlinge, sondern es ziehen prinzipiell wahnsinnig viele Menschen nach München, weil die Stadt eine große Anziehungskraft hat. Wir stoßen hier an Grenzen, wir können gar nicht mehr alle Kinder aufnehmen, die wir aufnehmen müssten. Und wenn man solche Kinder abweist, ist das ein Debakel, ein Desaster.

Wie viele Mitglieder haben Sie denn aktuell, und was wäre denkbar?

Franke:In unserem Bezirk Neuhausen leben etwa 100.000 Einwohner, aber es gibt ein absolutes Defizit an Sportflächen. Wir haben jetzt 730 Mitglieder. Hätten wir entsprechende Platzkapazitäten, wären wir sofort bei einer vierstelligen Mitgliederzahl. Speziell im Jugendbereich ist es eine Katastrophe, wenn man Mitglieder nicht aufnehmen kann.

Was benötigen Sie?

Franke:Flächen kann man nicht aus dem Hut zaubern. Man muss die Flächen, die es gibt, einer optimalen Nutzung zuführen. Wir haben zwei Plätze, einen Kunstrasen und einen klassischen Rasenplatz. Aber ein Rasenplatz in innerstädtischer Lage ist ein Anachronismus, weil man ihn aufgrund der Witterungsbedingungen nur sieben von zwölf Monaten nutzen kann. Also wünsche ich mir einen zweiten Kunstrasen – dann hätten wir mehr Kapazitäten. Die Tage, an denen Kunstrasen nicht nutzbar ist, kann man aufgrund unserer klimatischen Entwicklung an einer Hand abzählen. Oder die Beleuchtung: Um 21.15 Uhr schaltet sich das Flutlicht automatisch aus – viel zu früh. Oder fehlende Hallenkapazitäten: Wir haben im Kleinfeldbereich eine Stunde pro Woche pro Team zur Verfügung, das ist indiskutabel. Man muss das ganze Paket sehen und Konzepte entwickeln. Und da denke ich vereinsübergreifend. Es hilft nichts, wenn jemand nur sein eigenes Problem durch die Vereinsbrille sieht. Das Problem ist, uns bleibt wenig Zeit, um nicht den Zug zu verpassen.

Haben Sie auch Flüchtlingskinder im Verein?

Franke:Ja, wir haben das Waisenhaus in der Nähe. Da gibt es eine größere Gruppe unbegleiteter Flüchtlinge. Was ich eher kritisch sehe, sind reine Flüchtlingsmannschaften. Das ist eher plakativ, das sind schöne Vorzeigemodelle.

Sie meinen den ESV Neuaubing?

Franke:Neuaubing, oder auch aktuell den SV Laim. Ich will das nicht verurteilen. Da passiert schon was. Aber wenn ich die Leute zusammenlasse, wenn sie unter sich bleiben, hat das mit Integration nichts zu tun. Besser, man integriert sie in bestehende Mannschaften. Es geht ja auch darum, neue Freundschaften zu knüpfen.

Man hört oft, die Vereine hätten Nachwuchsprobleme, weil junge Leute das Smartphone oder den PC dem Sport vorziehen. Offenbar ist alles nicht ganz so dramatisch.

Franke:Es gibt zwei Welten. Zum einen die Ballungsräume wie München, Nürnberg oder Augsburg. Da herrscht großer Druck von außen mit immer mehr Kindern und immer weniger Flächen. Woanders gibt es vielleicht tolle Sportanlagen, aber zu wenig Nachwuchs. Insgesamt möchte ich einen Trend zur Trägheit nicht ausschließen. Gesundheit und Bewegung ist ein wichtiges Thema. Man kann nicht nur drinsitzen, das ist auch der kognitiven Entwicklung nicht förderlich. Hier ist Teamsport gut, man besitzt den Zug durchs Team, man muss nicht den inneren Schweinehund überwinden. Das ist das Schöne an der Geschichte.

Spielt Gewalt am Fußballplatz eine Rolle?

Franke:Jeder Fall ist ein Fall zu viel. Die Subkultur Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn es dort Verrohungstendenzen gibt, wird sich das auch am Fußballplatz widerspiegeln. Aber das ist im Moment ein untergeordnetes Problem. Wir schaffen hier sehr viel mit Prävention. Erfahrene Leute leiten komplizierte Spiele. Früher war es im Jugendbereich aus meiner Sicht wesentlich problematischer.

Ist der Druck der Eltern größer geworden?

Franke:Die Rolle der Eltern sehe ich nach wie vor sehr kritisch. Der Druck auf die Kinder ist häufig hoch. Das ist primär ein Väterproblem. Väter wollen, dass die Kinder das schaffen, was ihnen selbst nicht vergönnt war...

Die Mutter ist die angenehmere Zuschauerin?

Franke:(lacht) So pauschal würde ich das nicht stehen lassen. Auch da gibt es Ausreißer. Im Großen und Ganzen sind Mütter aber die angenehmeren Zuschauer. Es hängt irgendwie bei jedem kleinen Fußballer der Traum vom Profi mit dran – und die Eltern befördern nicht selten den Druck. Manchmal würde ich mir Eltern woanders wünschen als auf dem Fußballplatz.

Wird der Konflikt zwischen Wohnbau-, Kultur- und Sportflächen größer?

Franke:Das ist ja nichts Neues. Gleich hier ums Eck gibt es ein gutes Beispiel: Die Stadtwerke wollen auf dem Tennisgelände an der Postillonstraße Wohnungen bauen. Das heißt, der Tennisverein der SV Stadtwerke wird platt gemacht. Es gibt auch keine Ausweichmöglichkeit. Man kann abwarten, bis irgendwann ein Fußballverein über den Jordan geschickt wird, weil der Bebauungsdruck zu hoch wird. Kultur hat schon noch eine gute Lobby in der Stadt, finde ich auch richtig. Aber Freiflächen sind ebenso wichtig.

Zieht der Sport im Vergleich zur Kultur den Kürzeren?

Franke:Wenn man zwei Stäbchen nehmen würde, würde man das Sportstäbchen kaum sehen. Sport läuft unterm Radar aus meiner Sicht, auch wenn es oft anders dargestellt wird.

Müssten sich die Vereine im Verbund auf die Hinterbeine stellen?

Franke:Richtig. Ich bin der Meinung, wir müssten uns besser organisieren – jenseits des Konkurrenzdenkens. Wir entscheiden jetzt, wie sich das soziale Gefüge in der Stadt entwickeln wird, ob wir die Leute an einen Tisch bringen oder ob sich – ich nehm das Wort ungern in den Mund – eine Parallelgesellschaft entwickeln wird. Wir haben jetzt schon ein soziales Gefälle, das sich immer mehr beschleunigt. Ob diese Tendenz allein mit Teamsport aufzuhalten ist, weiß ich nicht. Aber wir können zumindest die Leute zusammenbringen. Es war bei uns schon immer so, dass der Müllmann zusammen mit dem Arzt gespielt hat. Das schafft auch gegenseitigen Respekt. Am Ende sind wir alle die Gleichen.

Glauben Sie, dass die Stadt die Zeichen der Zeit in der Sportpolitik erkennt?

Franke:Ich habe da große Hoffnung. Die neue Sportreferentin Beatrix Zurek hat ein offenes Ohr, auch der neue Sportamtschef Günter Schwarz ist vom Fach. Es müssen halt Überzeugungsarbeit geleistet und Mittel vom Stadtrat bewegt werden. Was ich nicht will, ist, die Bildung dagegen zu setzen. Wir sind im gleichen Boot.

Taugen denn Superstars in der heutigen Zeit überhaupt noch als Vorbilder – angesichts horrender Gehälter und manch abgehobenem Auftreten?

Franke:Das sehe ich ganz kritisch. Gut, Philipp Lahm ist sicher eine rühmliche Ausnahme. So ein Sportler taugt als Vorbild in seinem Verhalten auf und neben dem Platz. Aber 20 Millionen Euro Gehalt versteht kein Mensch mehr. Und die Leute realisieren nicht mal, dass sie das mitbezahlen.

Schaut denn Lahm noch manchmal vorbei?

Franke:Der Lahm‘sche Geist schwebt natürlich immer über uns. Der Philipp selbst kommt eher selten, er wohnt ja nun am Tegernsee. Er ist ab und zu mal hier, aber dann eher zu ruhigeren Zeiten. Weil sonst ist es immer problematisch mit dem Rummel. Es ist auch nicht einfach, ein Star zu sein. Ich beneide ihn nicht.

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