Verehrt, verfolgt – und nicht vergessen

NS-Gedenktag: Der FC Bayern erinnert

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Neun Biographien, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die Wanderausstellung, die ab Mittwoch im KZ Dachau zu sehen ist, beschreibt das Leben der verfolgten Vereinsmitglieder – bis zur Flucht oder dem traurigen Ende im KZ.

München - Fußball und Nationalsozialismus: Eine Wanderausstellung über die Opfer der NS-Zeit beim FC Bayern wird morgen in der KZ-Gedenkstätte in Dachau eröffnet. Wir stellen vorab einige verfolgte Mitglieder vor.

„Verehrt“ wurden sie alle, ob zu Lebzeiten oder danach. Sie wurden „verfolgt“, denn die Nationalsozialisten machten vor keinem Juden halt. Leider aber wurden sie auch „vergessen“, für eine lange, ja zu lange Zeit.

Ab morgen nun sind ihre Biographien öffentlich und zugänglich: Der FC Bayern nimmt den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zum Anlass, in einer neu gestalteten Wanderausstellung mit dem Namen „verehrt – verfolgt – vergessen“ an die 56 Vereinsmitglieder zu erinnern, die aus religiösen oder politischen Gründen fliehen mussten oder deportiert wurden. An der ersten Station, der Evangelischen Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau, wird sie bis zum 1. Mai zu sehen sein. Danach können interessierte Häuser und Fanklubs die Sonderausstellung ausleihen. Gemeinsam gegen das Vergessen – so lautet die Botschaft, die der Verein aussenden will.

Der FC Bayern, der sich stolz selbst als „Judenklub“ bezeichnet, ist immer dabei, jedes Jahr. Wenn die Initiative „Nie wieder“ traditionell am 27. Januar zum Erinnerungstag im deutschen Fußball aufruft, finden seit Jahren besondere Aktionen statt. Heuer wurde die Ausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden“, die im Vorjahr in der FC Bayern Erlebniswelt zu sehen war, weiterentwickelt und vertieft. „Verehrt – verfolgt – vergessen“, vom Team der Erlebniswelt in Zusammenarbeit mit dem KZ Dachau gestaltet, zeigt neun besondere Biographien von Vereinsmitgliedern, deren Schicksal maßgeblich vom NS-Regime bestimmt wurde. Angefangen bei den beiden Ehrenpräsidenten Kurt Landauer und Siegfried Herrmann, die zu den beeindruckendsten Funktionärs-Persönlichkeiten in der Geschichte des heutigen Rekordmeisters zählen, bis hin zu Spielern, Jugendtrainern, Organisatoren und anderen Mitgliedern, deren Lebensgeschichte bis heute noch nicht sehr oft erzählt worden ist.

Ein prägendes Beispiel: Die Reitlingers. Eine solide Familie, Vater Leo Oberamtsrichter, Sohn Anton aktiv beim FC Bayern. Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, wechselt er ständig den Wohnsitz, versteckte sich auf Bauernhöfen – und wurde trotzdem 1944 entdeckt. Die Nummer 131301, die Anton im KZ Dachau erhielt, stand für seinen grausamen Tod im Jahr 1945. Der bestärkte seinen Bruder Alfred, 1933 vom jüdischen zum katholischen Glauben übergetreten und dem Holocaust entgangen, sich beim FC Bayern zu engagieren. Der Plan ging auf: Von 1955 bis 1958 stand Alfred Reitlinger dem Verein als Präsident vor und vollzog seinen beruflichen Aufstieg zum Ministerialdirigenten im bayerischen Innenministerium.

Gerettet hingegen wurde Harry Engel, ein begnadeter Kicker, der von 1911 bis 1919 104 Spiele für den FC Bayern bestritten hatte. Weil ihm im ersten Weltkrieg der König-Ludwig-Orden verliehen worden war, wurde er im Jahr 1938 nach 34 Tagen aus dem KZ Dachau entlassen. Ihm gelang 1940 nach vier Jahren langen Wartens die Flucht über Genua in die USA.

Eine bewegte Biographie beschreibt das Leben des damaligen „Vergnügungswarts“ Wilhelm Buisson. Das SPD-Mitglied stand kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten an der Spitze der Verteidiger des Gewerkschaftshauses in München. Die Gegenwehr wurde von Polizei und NSDAP-Sturmabteilung niedergeprügelt, Buisson floh nach Tschechien, wo er aber keineswegs aufhörte, Widerstand zu leisten. Er errichtete einen Schwarzsender, plante sogar ein Attentat auf Adolf Hitler. Sein Vorhaben wurden verhindert, als er 1938 in Linz verhaftet, im Gefängnis München-Stadelheim inhaftiert und schließlich wegen Landesverrat und Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode verurteilt wurde.

22 Mitglieder des FC Bayern wurden von Nationalsozialisten umgebracht, vier nahmen sich selbst das Leben. „Man kann nicht häufig genug dazu beitragen, dass dieses Kapitel der Geschichte nicht in Vergessenheit gerät“, sagt Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Man will also, dass die Leidtragenden, die „verehrt“ und „verfolgt“ wurden, „nicht vergessen“ werden.

Hanna Schmalenbach

Hanna Schmalenbach

E-Mail:hanna.schmalenbach@merkur.de

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