Nach Champions League-Aus

Pep Guardiola wirkt erlöst: Ging es ihm nie um den Titel?

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Pep Guardiola krämt sich nicht. Erfolg hängt nicht von Titeln ab, sagt er. 

München - Der FC Bayern-Trainer Pep Guardiola wirkt nach dem Scheitern gegen Atlético Madrid beinahe erlöst. Dabei gab es für ihn in seiner Münchner Zeit null Championsleague-Trophäen.

Es ist 0.37 Uhr, als Pep Guardiolas letztes Champions League-Spiel mit dem FC Bayern endgültig vorbei ist. Der Trainer verlässt das Stadion in Begleitung seiner Frau und der siebenjährigen Tochter, und man fragt sich unwillkürlich: Muss das Kind am Morgen nicht in die Schule?

Wahrscheinlich ist das schon wieder viel zu deutsch gedacht. Spanier sind nun mal Nachtmenschen, und so ein Champions League-Halbfinale findet ja auch nicht jeden Abend statt. Ungefähr so hätte Guardiola vielleicht argumentiert, wenn man ihn darauf angesprochen hätte. Oder er hätte gar nicht reagiert, weil es schon spät ist und sein Familienleben niemanden etwas angeht. Unverständnis wäre wohl die naheliegendste Reaktion gewesen. So richtig verstanden haben sich Guardiola und die Deutschen ja die ganzen drei Jahre nicht.

Drei Spiele bestreiten Trainer und Mannschaft noch gemeinsam in Liga und DFB-Pokal. Zwei Titel können die Bayern gewinnen, doch gefühlt war der Dienstag ein Schlusspunkt. Es geht nach dem Spiel bereits um Bilanzen, um Hoffnungen, die sich erfüllt haben oder eben nicht. Und ohne dass es ausgesprochen wird, geht es auch immer um die Frage, wie diese zwei unterschiedlichen Welten zueinander gefunden haben: Peps Welt und die des deutschen Fußballs, wo es nicht nur um die ausgeklügeltsten taktischen Kniffe geht, sondern auch um den einen oder anderen Titel.

Pep: Das Urteil über meine Arbeit hängt nicht von einem Titel mehr oder weniger ab

Drei Meisterschaften und ein bis zwei DFB-Pokale wird Guardiola am Ende seiner Münchner Periode, wie er sie nennt, gewonnen haben. Und null Champions League-Trophäen. Der Wettbewerb, nach dem die Bayern am meisten streben, ist unerreichbar geblieben. Aber, sagt Guardiola: „Ich ändere meine Meinung nicht.“ Wie man über seine Arbeit urteilt, „hängt nicht von einem Titel mehr oder weniger ab“. Das ist sehr kokett und auch ein bisschen weltfremd. Fußball ist ein Ergebnissport, und Guardiolas glänzender Ruf – sowie sein immenser Marktwert – hängen untrennbar zusammen mit seinen zählbaren Erfolgen.

Es ist kein Trost für ihn, dass es am Dienstag keinen Spielraum für Vorwürfe gibt wie in den letzten Jahren. Er hat die Mannschaft wuchtig angreifen lassen, aber nicht blindwütig. Hat Xabi Alonso als zusätzliche Absicherung gebracht anstelle von Thiago, der genial sein kann mit seiner Feinfüßigkeit, aber manchmal auch ein Risikofaktor. Prompt war der Senior einer der Besten. Guardiola hat sogar Thomas Müller aufgestellt, dessen Fehlen in Madrid ihm schwer angekreidet wurde. Dass ausgerechnet Müller dann den vorentscheidenden Elfmeter verschießt, ist weder ein Grund zur Anklage noch eine nachträgliche Bestätigung Guardiolas. Es ist einfach Pech.

Natürlich klingt das aus dem Mund des Trainers anders. Größer. An Pathos hat es ihm nie gefehlt. In einem Fernseh-Interview ziemlich bald nach dem Spiel sagt Guardiola, er habe „sein Leben für die Mannschaft gegeben“. Später spricht er von der „Ehre“, dass er bei den Bayern arbeiten durfte, denen er eine „perfekte Zukunft“ vorhersagt, und überhaupt: Er sei stolz auf sein Team und, ja, „so glücklich“. Trotzdem kommt dann bald die Frage, ob es nicht so sei, dass er seine Mission in München nicht erfüllt habe. Und Guardiola sagt: „Eure Meinung ist Eure Sache.“

Bayern-Training nach dem CL-Aus: Zeit für Zärtlichkeit

So ähnlich ist die Kommunikation seit Monaten verlaufen. Guardiola war sichtlich genervt von den ständigen Fragen nach Titeln, von der unausgesprochenen These, dass alles unterhalb des Triples – zumindest aber des Champions League-Sieges – nicht genug sei. Bei aller Enttäuschung über das Ausscheiden und die bitteren Umstände wirkt er am Dienstag deshalb beinahe befreit. Es herrscht nun Klarheit in der T-Frage, und Guardiola ist froh, dass er diese Meinungen und diesen Maßstab nicht mehr lange ertragen muss. Bald geht es in den Urlaub und dann weiter nach Manchester. Auch dort wird man Titel von ihm erwarten, aber in der Vereinsspitze sitzen lauter Verbündete, die ihm jeden Wunsch erfüllen werden, anders als die Bayern.

Mit seiner Unnahbarkeit hat Guardiola in diesem Verein, der sich trotz seiner globalen Berühmtheit als große Familie versteht, von Anfang an irritiert. Er versteht diese Mentalität nicht. Wenn er auf seine Bilanz blickt, sieht er die Verdienste, nicht die Versäumnisse. Irgendwann landet er bei Joshua Kimmich. „Wir haben heute für Joshua gespielt“, das sagt er wirklich. Er korrigiert sich dann etwas: „Natürlich für alle, aber vor allem für ihn.“ Was er eigentlich ausdrücken will: Monatelang haben die Bayern ohne die etatmäßige Innenverteidigung gespielt. Und es war seine Idee, den jungen Kimmich ins Zentrum zu versetzen.

Man merkt die Distanz, die von ihm ausgeht, nicht nur an seinen Antworten, sondern an der ganzen Körpersprache. Fragen aus Deutschland lassen ihn verkrampfen. Guardiola bewegt sich auf seinem Stuhl vor und zurück, manchmal schaut er den Reporter an, dann wieder fixiert er ausdauernd einen Punkt auf der Tischplatte vor sich. Ganz anders bei den Spaniern. Mit ihnen hält er den Blickkontakt, er wirkt verbindlich, fast schon freundlich. Sofern das möglich ist in diesem schwierigen Verhältnis zwischen ihm und den Medien, denen er regelmäßig einen Mangel an Respekt vorgehalten hat, die er umgekehrt aber immer auf größtmögliche Distanz hält.

Am Ende geht Pep Guardiola in dieser Nacht die Stufen vom Podium hinunter, er schaut nicht mehr nach rechts und links, nur noch auf die Tür, hinter der, geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit, Peps Welt beginnt. Seine Schritte federn.

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