Einblicke in Pep

tz-Interview: Biograf erklärt Guardiolas Innenleben

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"Pep Guardiola kommt jetzt an den Punkt, wo er Mauern aufstellt."

München - Zu wenige Fragen über Fußball, zu viele über Manchester City. Pep Guardiola machte seinem Ärger zuletzt Luft – ob das aus purer Emotion oder aus Kalkül geschah, und wie es in ihm aussieht, verrät Biograf Guillem Balagué. Das tz-Interview.

Señor Balagué, wie haben Sie die Pressekonferenzen von Guardiola aufgefasst?

Guillem Balagué: Pep weiß, dass die Presse zu seinem Job dazugehört. Marcelo Bielsa hat ihm damals dazu geraten, keine Einzelinterviews zu geben, sondern die Presse im Kollektiv zu bedienen. Das birgt ein Problem: Man steckt alle in einen Sack, was möglicherweise nicht fair ist. So leidenschaftlich er aber auch ist, glaube ich nicht, dass er improvisiert, wenn er sich mit der Presse anlegt. Aktuell ist er der Meinung, dass er an Terrain gewinnen und daher auf Angriff schalten muss. In Barcelona war das nicht anders. Mal hat er mehr gesprochen, mal weniger, mal hat er sich auch verteidigt. Als er José Mourinho angegangen ist, war das so, und jetzt ist es so. Es ist ihm einfach danach, seinen Beruf und seinen Freiraum zu verteidigen sowie nach den Störfeuern wieder Terrain für sich zu gewinnen.

Was überwiegt bei ihm: Leidenschaft oder Kalkül?

Guillem Balagué: Privat hat Pep bestimmt harte Meinungen über alles, die er aber vor Publikum natürlich in etwas abgeschwächter Form wiedergibt. Was er im Gegensatz zu anderen nicht macht, ist, die Presse zum Gewinnen zu benutzen. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem er Mauern aufstellen muss. Mein Gefühl sagt mir, dass sich all das gerade ereignet, weil er geht. Niemand sonst verlässt Bayern und niemand Deutschland – jetzt ist es so, und ich könnte mir vorstellen, dass es Bayern keine sonderliche Freude bereitet, dass jemand, den sie geholt haben und der obendrein Spanier ist, den Verein aus freien Stücken verlässt. Das ist nicht Usus, daher gibt es jetzt die Reaktion eines Publikums, das wohl nicht ganz damit einverstanden ist, wie sich das Ende des Pep-Spektakels ereignet hat.

Es wird ihm vorgeworfen, die Bayern zu lange im Dunkeln gelassen zu haben.

Guillem Balagué: Pep ist eben der einzige Trainer der Welt, der sich seine Stationen frei auswählen kann. Und die Bayern waren sich ja bewusst, wen sie da holen. Ich bin mir sicher, dass Pep, würde er noch mal zu Barcelona gehen, nur drei anstatt vier Jahre bleiben würde. Es gibt viele Gründe – für die Trainer und für die Klubs –, warum drei Jahre perfekt sind. Bayern hätte es in meinen Augen lieber auf ihre Weise beendet, nicht auf Peps. So ist es aber nun mal. Sie hatten den besten Trainer der Welt, und er hat seinen Weg gewählt.

Übt die Champions League nicht auch ein Druck auf ihn aus?

Guillem Balagué: So denkt er nicht. Er ist nicht besessen davon, die Champions League zu gewinnen, bevor er die Bayern verlässt. Seine Arbeit liegt in der Tagesroutine, und solange er damit zufrieden ist, wie er die Mannschaft verbessert und ihr seine Ideen eingeflößt hat, ist er im Reinen mit sich. Über Titel entscheiden letzten Endes Fehler oder geniale Einzelleistungen, aber seine Selbsteinschätzung geht über die Arbeit, die er in die Mannschaft gesteckt hat – und die ist sehr gut. Wenn man die Bayern zu seinen Anfängen spielen sieht und jetzt, dann sind das schon zwei verschiedene Paar Stiefel.

Andere sind der Meinung, dass er als Gott kam und als Mensch wieder geht.

Guillem Balagué(lacht): Ich bin einverstanden, aber nur aus einem Grund: Als er aus Barcelona kam, dachte man, da kommt Gott mit dem Zauberstab. Jetzt, wo man aus der Nähe beobachten konnte, dass Pep gar keinen Zauberstab hat, sondern wie ein Verrückter arbeitet, sieht man doch den Mensch in ihm. Zumal er so hart rackert, dass er dabei ist, den Fußball auf seine Art zu revolutionieren – und das ist ihm nicht in den Schoß gefallen. Er hat keine übermenschlichen Kräfte, sondern hat sehr hart arbeiten müssen. Und das macht aus ihm einen Menschen.

Was hat Deutschland aus ihm gemacht?

Guillem Balagué: Den perfekten Ort gibt es nicht. Und ich weiß nicht, ob er für sich gerne ein anderes Ende bevorzugt hätte. Aber jetzt ist er jedenfalls der noch bessere Trainer. Er ist jetzt nicht nur der Coach, der bei Barcelona erfolgreich war, sondern auch bei Bayern – und ist sich dabei treu geblieben. Die Bundesliga, die mehr von der Leidenschaft gesteuert wird als die Primera Division, wird ihm auch beim Sprung in die Premier League helfen, die so gut wie ausschließlich von Leidenschaft gesteuert wird.

Und warum City?

Guillem Balagué: Hier in England sagt man sich, dass er keinen geschichtsträchtigen Verein gewählt hat. Nein, er ist zu einen Klub gewechselt, der gerade dabei ist, Geschichte zu schreiben. Somit steht er auch nicht im Schatten eines Sir Alex Ferguson oder eines Arrigo Sacchi. Nein, er wird zum Ferguson, Sacchi oder van Gaal von Manchester City werden. Der Klub schöpft schon seit Langem sein Potenzial nicht aus, und hier kommt Pep ins Spiel: Mit seinem Stil wird er eine Art des Gewinnens einführen und damit die Grundpfeiler des Erfolgs stellen. Manchester City ist in meinen Augen das größte Fußballprojekt der Geschichte, wie soll man da nein sagen?

Interview: José Carlos Menzel López

José Carlos Menzel López

José Carlos Menzel López

E-Mail:carlos.menzel-lopez@tz.de

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