Rassismus-Debatte in Frankreich

Sagnol-Aussagen sorgen weiter für Wirbel

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Willy Sagnol.

Bordeaux - Willy Sagnol hat seine Äußerungen über dunkelhäutige Fußballer "klargestellt" und sich für etwaige Missverständnisse entschuldigt. Dennoch werden Rassismus-Erinnerungen in Frankreichs Fußball geweckt.

Eine neue Rassismus-Debatte hat Frankreichs Fußball erfasst. Ausgerechnet der ehemalige Münchner Bayern-Profi Willy Sagnol hat mit höchst ungeschickten Aussagen das brisante Thema befeuert.

Zwar ist der 37-Jährige inzwischen verbal zurückgerudert und hat sich am Donnerstag in aller Form entschuldigt, aber als ehemaliger Sportdirektor des französischen Verbandes FFF und Ex-U21-Coach sowie aktuellem Trainer von Erstligist Girondins Bordeaux wird seinen Einschätzungen in der Grande Nation eben doch etwas mehr Bedeutung beigemessen. Die Debatte um latenten Rassismus in Frankreichs Fußball wurde jedenfalls wieder befeuert.

Der frühere Bayern-Spieler (2000 - 2009) hatte sich in einem Gespräch mit Lesern der Regionalzeitung Sud Ouest über die Vorzüge „typischer afrikanischer Spieler“ ausgelassen: „Sie sind billig, kampfbereit und kräftig.“ Das sei im Fußball aber nicht alles, man benötige auch „Technik, Intelligenz und Disziplin“.

Sagnol betonte nun in einer abgelesenen Erklärung, um „erneute Missverständnisse“ zu vermeiden, nur im Zusammenhang mit Fußball von „Intelligenz“ gesprochen zu haben und nicht im politischen oder sozialen Kontext.

Erinnerungen werden nun in Frankreich an eine Affäre wach, in deren Mittelpunkt der damalige Nationaltrainer Laurent Blanc (heute Paris St. Germain) stand. Der soll, wie Ende April 2011 enthüllt wurde, auf einer offiziellen Sitzung der Verbandsspitze am 8. November 2010 gesagt haben: „Wer ist denn heute groß, kräftig, stark? Die Schwarzen. Wir müssen vor allem bei den 12 - 14jährigen wieder andere Kriterien anlegen, uns auf unsere Kultur konzentrieren. Die Spanier haben mir gesagt, sie hätten kein Problem, sie hätten keine Schwarzen.“

Danach soll eines der Kommissionsmitglieder das Wort „Quotenregelung“ für die Aufnahme in Nachwuchszentren in den Mund genommen haben, die müsse aber geheim bleiben. Ein anderer sprach von 30 Prozent. Blanc räumte später vor einem Untersuchungsausschuss des Verbandes ein, seine Sätze gesagt zu haben, wollte aber das Wort „Quotenregelung“ nicht gehört haben.

Die Äußerungen von Sagnol haben vor seiner öffentlichen „Klarstellung“ vor allem in den sozialen Medien zu einem Sturm der Entrüstung, aber auch zum Aufruf zur Mäßigung geführt. Die Internationale Liga gegen Rassismus und Antisemitismus hat die Zusammenarbeit mit den Girondins inzwischen eingestellt. Der Herausforderer von Joseph S. Blatter um das Amt des FIFA-Präsidenten, Jerome Champagne, twitterte: „Völlig inakzeptabel, weil es Vorurteile schürt und die Grundlage für Rassismus gegen Afrika schürt.“ Pape Diouf, früherer Präsident von Olympique Marseille, rief die afrikanischen Akteure in Frankreichs 1. Liga sogar zum Boykott des nächsten Spieltages auf.

Bernard Tapie, gleichfalls Ex-Präsident von Marseille, hingegen meint, die technische Analyse Sagnols sei veraltet. Es handle sich eher um Nichtwissen als um Rassismus. Für den Ex-Stuttgarter Didier Six waren die Äußerungen von Sagnol „voll daneben“, aber: „Man soll ihn jetzt auch nicht an den Pranger stellen.“ Verbandschef Noel Le Graet ergänzte: „In seiner Zeit bei der FFF habe ich ihn nie deplatzierte Bemerkungen über irgend jemanden machen hören.“

Nationaltrainer Didier Deschamps verweigerte bei der Bekanntgabe der Aufgebote für die beiden nächsten Länderspiele jeden Kommentar: „Ich will nicht zu der Meute gehören, die ihren Senf dazu gibt.“

Ex-Nationalspieler Sagnol wird sich indes vielleicht an eine schöne deutsche Redensart erinnert haben: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold! Er belegt mit Girondins Bordeaux nach zwölf von 38 Spielen den vierten Platz in der Ligue 1. In seinem Kader stehen sechs dunkelhäutige Spieler, bei denen er sich auch schon entschuldigt hat. Er ist nach Gernot Rohr (mit Unterbrechungen 1989 - 2002 in verschiedenen Positionen) der zweite Ex-Bayern-Spieler, der die Mannschaft aus Südwest-Frankreich betreut.

sid

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