FCI-Sportchef im Interview

Thomas Linke: Wollen Bayern-Meisterfeier verhindern 

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Thomas Linke, Sportchef des FC Ingolstadt.

Ingolstadt - Thomas Linke feierte mit dem FC Bayern 2001 den Champions-League-Titel. Mittlerweile ist er Sportchef beim FC Ingolstadt. Im Interview spricht er über Meisterfeiern und Ralph Hasenhüttl.

Ingolstadt – Thomas Linke (46) gewann mit dem FC Bayern 2001 die Champions League, seit 2011 ist er Sportchef des FC Ingolstadt 04, mit dem er heuer den Klassenerhalt feierte. Vor dem Duell mit seinem Ex-Klub (hier geht's zum Live-Ticker!) zieht er ein Fazit – und blickt voraus.

Herr Linke, ist das Bier schon kalt gestellt? 

Thomas Linke: Welches?

Es wird so oder so eine Party geben: Entweder feiern die Bayern den Meistertitel, oder Ingolstadt gelingt die Überraschung: Woran glauben Sie eher?

Linke: Schwer zu sagen. Gegen Bayern in der Liga zu gewinnen, ist außergewöhnlich schwer. Ich weiß nicht, ich bin jetzt kein Wahrscheinlichkeitsrechner. Wie hoch wird die sein, die Wahrscheinlichkeit?

Journalisten sind ganz schlechte Rechner.

Linke:Von daher muss der neutrale Zuschauer davon ausgehen, dass die Bayern hier wahrscheinlich Meister werden.

Jetzt sind Sie aber kein neutraler Zuschauer.

Linke:Ich bin auch noch nicht zu Ende mit meiner Ausführung. Wir werden alles tun, um die Bayern hier nicht feiern sehen zu müssen. Wir haben sie im Hinspiel sehr lange geärgert und nur unglücklich 0:2 verloren. Wenn wir in Führung gehen, wird es für sie schwer.

Was ist schöner: Den Klassenerhalt schaffen mit Ingolstadt – oder die Champions League zu gewinnen?

Linke:Das kann man so nicht vergleichen. Als Sportdirektor hat man glaube ich auch sehr, sehr viel richtig gemacht, wenn man mit dem FCI die Klasse hält. Die Freude ist am Ende mit Sicherheit genauso groß. Für mich ist das beides in etwa im gleichen Regal.

Und was ist schwerer: Der Aufstieg – oder den Klassenerhalt zu schaffen?

Linke:Gute Frage. Beides ist ja nicht einfach. Ich glaube, vor der Saison hätten viele gedacht, dass es deutlich schwerer sein wird, die Klasse zu halten als aufzusteigen, gerade wenn man die Aufsteiger der letzten Jahre gesehen hat. Im Nachhinein muss man sagen: Wir hatten beim FC Ingolstadt 04 noch nie eine Saison, wo so früh feststand, in welcher Liga wir im nächsten Jahr spielen. Daher mag es von außen betrachtet etwas leichter erscheinen, die Klasse zu halten, aber ist es definitiv nicht.

Die anderen Aufsteiger – Paderborn, Fürth, Braunschweig –, alle gingen nach einem Jahr wieder runter. Was hat denn der FC Ingolstadt besser oder anders gemacht?

Linke:Das ist im Vergleich schwierig zu sagen, weil ich das andere nicht so einschätzen kann. Ich glaube, für uns war das Besondere, dass wir mutig geblieben sind. Dass wir versucht haben, unseren Fußball auch in der Bundesliga zu spielen. Wir haben eine funktionierende Achse, einige sind als Persönlichkeit gereift.

Beim FC Bayern heißt es: „Mia san Mia“. Was ist der Slogan bei Ihnen?

Linke:Das „Mia san Mia“ ist von einem gewachsenen Selbstvertrauen getragen. Der FC Bayern hat so viele Erfolge gefeiert, dass das ansteckend ist, wenn neue Spieler kommen. Sie werden automatisch mitgenommen von dem Gefühl, dass man schier unschlagbar ist. Bei uns ist auch was entstanden, was ein wenig in die Richtung geht. Die Jungs wissen genau, wenn sie an ihre Leistungsgrenze kommen, ist es schwer, uns zu schlagen.

Also ein bisschen „Mia san Mia in light-Version“?

Linke:(lacht) Sozusagen. Da haben wir die Überschrift, oder?

Die funktionierende Achse haben Sie auf die Mannschaft bezogen. Aber die gibt es auch hinter den Kulissen – mit Ihnen und Ralph Hasenhüttl, der nun geht. Um die Trainer-Personalie kommen wir natürlich nicht herum.

Linke:(lächelt) Ehrlich? Ich hatte es gehofft.

Wie groß ist der Schock, dass er geht?

Linke:Zum einen ist da im ersten Moment ein Stück weit Enttäuschung, dass der Weg zu Ende geht, den man gemeinsam die letzten Jahre gegangenen ist, weil das wirklich ein funktionierendes Gebilde war. Zum anderen ist es absolut legitim, dass jemand, der einen guten Job gemacht hat – ob das ein Spieler ist oder auch ein Trainer – für sich selber seine Karriereplanungen vorantreibt. Von daher kann ich das nachvollziehen. Wir wissen ja, dass wir als Verein nicht der Nabel der Welt sind.

Auch die Bayern verlieren im Sommer ihren Trainer. Wen trifft es härter?

Linke:Die Bayern wissen schon länger, dass sie einen Trainer brauchen, haben auf der Position schon Planungssicherheit. Von daher sind wir sicher in einer Position, die im Moment nicht so komfortabel ist wie die von den Bayern.

Nun geht es mit Markus Kauczinski als neuem Trainer weiter...

Linke:Veränderung kann grundsätzlich auch eine große Chance mit sich bringen. Schließlich gibt es keine Garantie, dass es erfolgreich weiterläuft. Egal, mit welchem Personal.

Trübt der Frust darüber, dass man als Ingolstadt immer noch am Ende der Nahrungskette steht, den sportlichen Erfolg?

Linke:Für mich ist das nicht frustrierend. Das Einzige, was ich sehr schade finde, ist die öffentliche Trainerdiskussion. Das lenkt ab von der großartigen Leistung der Mannschaft. Dass das im Moment nicht gebührend gewürdigt wird, ist für uns das Enttäuschende. Ziel muss sein, einen Weg zu finden, bei dem alle Parteien auseinandergehen und sich als Sieger fühlen können.

Was bedeutet der Klassenerhalt für Ihre Arbeit? Letztes Jahr sagte man bei Claudio Pizarro Nein. Ist nun die Zeit auch mal für namhaftere Profis?

Linke:Wir sind ein Verein, der ganz genau weiß, wo er herkommt, und auch für sich einen Weg gefunden hat, der für uns erfolgreich ist. Den wollen wir nicht verlassen. Claudio hat in der Rückrunde gezeigt, was für ein fantastischer Spieler er ist. Trotzdem ist das ein Spieler in einer Kategorie, die für uns auf Sicht nicht bezahlbar ist. Von daher brauchen wir darüber nicht nachzudenken. Wir werden weiter versuchen, auf junge Spieler zu setzen, die ihre Entwicklung eher noch vor sich haben, die uns als Chance verstehen, die Eigenmotivation mitbringen. Wir freuen uns, aber die wirtschaftliche Seite verändert sich für uns nicht wesentlich.

Aber einen Tick höher im Regal kann man jetzt ja theoretisch schon greifen.

Linke:Wir sind immer noch gefühlt wirtschaftlich sehr weit weg von allen anderen Bundesligisten. Von daher müssen wir uns unseren Markt suchen, der für uns sinnvoll ist, und den haben wir für uns definiert. Wir haben aber jetzt vielleicht aufgrund des Erstliga-Verbleibs die Möglichkeit, den einen oder anderen jungen Spieler anzulocken, der die Qualität des Kaders nochmal einen Tick erhöhen kann.

Der Verein ist ein Sprungbrett für Spieler, offensichtlich auch für Trainer. Wie sieht es denn für Sportdirektoren aus? Was ist denn an Ingolstadt reizvoller als an Schalke, wo Sie sechs Jahre spielten?

Linke:Ich schätze die Ruhe, die man hier bei der tagtäglichen Arbeit hat. Man kann den Verein mit vorantreiben und man weiß, dass alle im Prinzip an einem Strang ziehen. Von daher ist das, glaube ich, ein Privileg, das es beispielsweise auf Schalke in der Form nicht gibt. Da ist viel mehr Unruhe und Hektik vorhanden.

Sie haben mal gesagt: Bayern ist ein Haifischbecken, auch hinter den Kulissen. Was ist dann der FC Ingolstadt? Wellnessoase, Nichtschwimmerbereich?

Linke:(lacht) Weiß ich nicht, ob man da einen Vergleich finden kann. Ich sage ja, es ist angenehm, hier zu arbeiten, mit allen beteiligten Verantwortlichen. Bei Bayern gibt es viele Alphatiere, die alle sehr lange im Fußball gespielt haben und eine Meinung haben. Und bei uns ist das doch ein bisschen angenehmer. Man tauscht sich intern permanent aus, spricht eine Sprache.

Ingolstadt als Nabel der Welt haben wir vorher schon thematisiert. Haben Sie das Gefühl, dass man nach dieser Saison ein bisschen näher herangerückt, vielleicht in einen Vorort?

Linke:(grinst) Das sind ja Fragen. Ich glaube, uns hilft das Jahr Bundesliga auf jeden Fall für die Entwicklung im Verein, weil du in der Außendarstellung, in der Außenwirkung von vielen anders gesehen wirst. Wir sind eher ein regionaler Verein gewesen in der Vergangenheit. Folglich konnte der Rest von Deutschland wahrscheinlich nicht so viel mit uns anfangen. Und durch das Jahr in der Bundesliga haben wir doch in ganz Deutschland für ein positives Image auch gesorgt. Von daher hat uns das Jahr natürlich ein Stück weitergebracht.

Gab es in dem Jahr Zuspruch aus der Szene, zum Beispiel auch aus, sagen wir, erlesenen Kreisen?

Linke:Natürlich. Da sind wir auch wieder beim aktuellen Kontrahenten, den Bayern. Dort verfolgt man schon, was wir machen. Und natürlich kommen Glückwünsche. Oder auch ein Pep Guardiola, der in der Pressekonferenz sagt, dass wir der beste Gegner in der Allianz Arena waren. Ich habe den Eindruck, wir werden deutschlandweit größtenteils sehr sympathisch wahrgenommen.

Der Eindruck täuscht nicht, kann man sagen.

Linke:Wir als Oberbayern beziehungsweise Schanzer können das ja mal sagen – also auch ich als Zugereister (lacht).

Interview: Sina Ojo und Andreas Werner

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