Ancelotti im Genuss-Interview

tz-Interview: "Carlo, lassen Sie uns über Rotwein reden!

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Carlo Ancelotti mit tz-Reporter Menzel-Lopez.

New York - Carlo Ancelotti hat sicherlich viele Qualitäten. Eine davon dürfte der Öffentlichkeit allerdings weniger bekannt sein: Er ist ein wahrer Connaisseur. Ein etwas anderes Interview mit dem Bayern-Trainer. 

Genussmensch – der Ruf eilt Carlo Ancelotti voraus. Höchste Zeit, den 57-Jährigen zu befragen, was dran ist am Bild des barocken Bauernsohns, der seine Kindheit in der Provinz Reggio Emilia verbrachte und dessen Sozialisierung zu der Erkenntnis führte: „Landwirtschaft hat viel mit dem Fußball gemeinsam. Man braucht Ruhe, Geduld und Planung.“

Signore Ancelotti, es gab mal einen Bayern-Trainer, der gerne Rioja getrunken hat. Sie auch?

Ancelotti: Ich trinke gerne Wein, aber es muss nicht immer Rioja sein. Es gibt großartige Weine auf der ganzen Welt, da bin ich nicht wählerisch.

Sie haben also keinen bevorzugten Tropfen?

Ancelotti: Na ja doch. Der Toscano Italiano. Ein Roter. Vorzüglich.

Lösen sich Probleme einfacher bei einem guten Glas?

Ancelotti: Kommt drauf an. Feststeht, dass ein gutes Glas Wein entspannt und die Gemüter etwas herunterfährt. Gerade dann, wenn man mal etwas Heikles zu besprechen hat, ist das die perfekte ­Basis.

Es heißt, sie hätten auch in der Küche ein gutes Händchen.

Ancelotti: Ein gutes Händchen? Es gefällt mir, soviel steht fest. Das Ergebnis davon, nämlich das Essen, übrigens auch (lacht). Aber gerade in meiner Freizeit genieße ich es, wenn ich mich in die Küche stellen und etwas Leckeres zubereiten kann. Im vergangenen Jahr stand ich daher verstärkt hinter dem Herd, aber auch jetzt entspanne ich dabei. Mindestens genauso wie bei einem Fußballspiel oder einem Film.

Ihr Paradegericht?

Ancelotti: Pasta. In allen Variationen. Da habe ich in der Tat ein gutes Händchen, zumindest habe ich mir das so sagen lassen.

Mit Parmesan?

Ancelotti: Mein Vater war ein Milch- und Käsebauer, Pasta in Verbindung mit Parmesan war quasi Grundnahrungsmittel bei uns. Außer wenn Fisch dabei war, das passt eher weniger.

Wie waren denn Ihre ersten Berührungspunkte mit der deutschen Küche?

Ancelotti: Wunderbar. Geht man von der klassischen italienischen Küche aus, unterscheidet sich die deutsche natürlich stark davon. Die Küche im Norden Italiens ähnelt der deutschen hingegen sehr, und zwar insofern, dass viel Schweinefleisch verwendet wird. Ich bin in einer Familie groß geworden, bei der es jeden Tag Schwein gab. Insofern kann man sagen, dass ich bereits während meiner Kindheit die ersten Erfahrungen mit der Essenz der deutschen Küche gemacht ­habe.

Sie wuchsen in Reggiolo auf. Wie haben Sie diese Zeit, Ihre Kindheit, in Erinnerung behalten?

Ancelotti: Eine wunderschöne Zeit war das. Wir waren eine Familie. Meine Mutter, mein Vater, meine Oma, mein Opa, meine Schwester und ich. Wir haben immer zusammengehalten, egal was war. Und das hat schon beim Essen angefangen. Die Mahlzeiten haben stets meine Mutter und meine Oma zubereitet, und wenn das Essen fertig war, musste die ganze Familie am Tisch sitzen. Und zwar immer zur selben Zeit. Die Mahlzeiten waren heilig.

„Ich sehe nicht erst den Spieler, sondern den Menschen dahinter.“

Typisch italienisch.

Ancelotti: Nicht ausschließlich, das gehört doch allgemein zur europäischen Kultur. In den Vereinigten Staaten sieht es da schon ein wenig anders aus. Dort wird gegessen, weil man ein Hungergefühl verspürt. In Italien, Spanien oder in Frankreich gibt es hingegen feste Uhrzeiten, an denen gegessen wird. So will es unsere Kultur. Jeder mag da seine eigene Meinung haben, ich persönlich denke aber, dass es unheimlich wichtig ist, mit der Familie gemeinsame Momente zu erleben. Es kann sich dabei um eine Mahlzeit oder einen einfachen Kaffee handeln, aber um eine persönliche Beziehung aufrecht zu erhalten, ist so etwas doch unverzichtbar. Zusammen essen, zusammen trinken, zusammen lachen.

Mit Ihren Spielern sogar mal bei einem Hamburger, so hat es jedenfalls Toni Kroos erzählt.

Ancelotti: Warum auch nicht? Wenn es um die Ernährung eines Fußballers geht, bin ich folgender Meinung: auf nichts verzichten, aber auch mit nichts übertreiben. Du kannst mal ein Glas Rotwein trinken, gerne auch am Abend vor einem Spiel, eine Flasche hingegen nicht. Alles ist erlaubt, man sollte es aber stets in Maßen genießen. Alles im Leben.

Warum ist diese Art von Vertrauen seinen Mitmenschen gegenüber derart wichtig, und zwar nicht nur im Fußball, sondern insgesamt im Leben?

Ancelotti: Wenn du innerhalb einer Gruppe arbeitest, ist gegenseitiges Vertrauen unabdingbar. Nur wenn man sich auf sein Gegenüber einlässt und ihm vertraut, kann jeder seine Fähigkeiten und Talente am besten zur Entfaltung bringen. Wenn es um Beziehungen geht, ist Respekt mindestens genauso wichtig wie Vertrauen. In einer Mannschaft sehe ich daher nicht erst den Spieler, sondern den Menschen, der dahintersteckt.

„Ich habe viel Macht, kann sagen, was mir passt.“

Ein Beispiel?

Ancelotti: Wissen Sie, für die Leistung eines Fußballprofis ist es fundamental, was um ihn herum passiert. Er kann nur das Beste geben, wenn in seinem Umfeld alles passt. Hat jemand dagegen Probleme daheim, wird ihn das auch auf dem Spielfeld hemmen. Daher habe ich mich mit meinen Spielern auch gelegentlich über private Themen unterhalten. Ganz egal, ob es Beziehungsstress gab oder ein Sohn im Krankenhaus lag – meine Spieler haben bei mir stets ein offenes Ohr gefunden. Ihre Probleme waren meine Probleme.

Cristiano Ronaldo schwärmt wohl auch deswegen in den höchsten Tönen von Ihnen.

Ancelotti: Sehen Sie, ich habe viel Macht. Ich kann sagen, was mir passt. Wenn ich sage, dass wir morgen um fünf Uhr morgens trainieren, dann ist das so. Der Punkt ist nur, dass ich das nicht brauche. Unterhältst du eine gute Beziehung zu deinen Spielern, ist es gleich um ein Vielfaches einfacher, zusammenzuarbeiten. Das ist meine Idee.

Herr Ancelotti, gab es denn auch Spieler, mit denen Sie zusammengerückt sind?

Ancelotti: Nie aus beruflichen Gründen. Nicht wenn ein Spieler einen Elfer verschießt oder einen taktischen Schnitzer begeht, sondern dann, wenn sein Verhalten nicht angebracht ist. Wenn ein Spieler zu spät zum Training erscheint oder sich auch privat daneben benimmt, werde ich das nicht dulden.

Dann wird Carlo Ancelotti zum Paten Vito Corleone.

Ancelotti (lacht): Nein, soweit kommt es zum Glück nicht. Aber der Pate ist ein großartiger Streifen. Der Film erzählt auf sehr authentische Art und Weise, was hier in den Staaten zu den Hochzeiten der Mafia alles so geschehen ist. Der Film ist in sämtlichen Aspekten überaus gelungen, was aber nicht bedeuten soll, dass man sich an Corleones Figur ein Beispiel nehmen sollte.

Sie hätten bestimmt auch einen guten Corleone abgegeben.

Ancelotti: Meinen Sie?

Na ja, Ihr Leinwanddebüt haben Sie mit Star Trek ja bereits gefeiert.

Ancelotti: Mit Marlon Brando kann ich mich aber unmöglich messen lassen.

"Um zu gewinnen, muss der Klub zusammenstehen"

Der Champions- League-Pokal ist ja mindestens so schön wie der Oscar. Freuen Sie sich darauf, diese Herausforderung mit dem FC Bayern anzugehen?

Ancelotti: Durchaus. Ich habe bereits in meinen ersten Wochen hier gemerkt, dass dieser Klub etwas Besonderes ist. Er ist bodenständig, angefangen beim Präsidenten bis hin zu den restlichen Mitarbeitern. Es gibt Vereine, die Großkonzerne sind. Und es gibt Klubs wie Bayern, die eine Familie sind. Und diese Familie mit ihrer Geschichte und Tradition wird stets im Vordergrund stehen, niemals ein Trainer. Klubs sind viel größer als Trainer. Mein einziges Ziel ist es, Teil dieser Geschichte zu sein. Und dafür werde ich alles geben.

Vor zwei Jahren ist ihnen der letzte große Coup gelungen, als Sie mit Real „La decima“ holten.

Ancelotti: Und dazu braucht man immer das nötige Quäntchen Glück. Sehen Sie, wir haben die Bayern damals im Halbfinale mit zwei Standards geschlagen.

Ihre Kontertaktik war aber auch nicht von schlechten Eltern.

Ancelotti (grinst): Kann sein, am Ende waren es aber zwei Standards, die den Ausschlag gegeben haben. Auf diese Details kommt es an.

Laut Franck Ribéry auch auf die mannschaftliche Geschlossenheit.

Ancelotti: Da hat er recht, sie ist ein Schlüssel. Um zu gewinnen, muss der Klub zusammenstehen. Alle. Das fängt in der Kabine an und hört bei einem guten Glas Toscano Italiano auf.

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