Großes tz-Interview zur FCB-Jugend

Mega-Talent Ödegaard zu Bayern? Was Tarnat sagt

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Nachwuchskoordinator Michael Tarnat (2.v.l.) und U 23-Trainer Erik ten Hag (2.v.r.) im Gespräch mit den tz-Reportern Knippenkötter (r.) und Westerschulze.

München - Steine, Beine & Konzepte – die tz-Serie rund um den Nachwuchs des Rekordmeisters: In Teil 3 sprechen Nachwuchskoordinator Michael Tarnat und der Trainer der U 23, Erik ten Hag, über ihre Planungen.

Die Zukunft des FC Bayern sieht rosig aus – davon durften sich die Fans und Mitglieder zuletzt selbst überzeugen. Auch perspektivisch sind die Roten sehr gut aufgestellt. Sowohl Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge als auch Präsident Karl Hopfner sprachen von dem Engagement, das man verstärkt in den Jugendbereich stecken will. Steine, Beine & Konzepte – die tz-Serie rund um den Nachwuchs des Rekordmeisters. Im Interview sprechen Nachwuchskoordinator Michael Tarnat und der Trainer der U 23, Erik ten Hag, über ihre Planungen.

Herr Tarnat, Herr ten Hag, Sie sind zwei zentrale Figuren in der FCB-Nachwuchsförderung, bilden die Jugendlichen aus, bereiten sie für den Profibereich vor. Wie funktioniert so etwas eigentlich in Holland? Lohnt sich ein Blick in Ihre Heimat, Herr ten Hag?

ten Hag: Das ist schwer zu vergleichen. Es ist zwar richtig, den Blick auch ins Ausland zu richten, allerdings merkt man dann schnell, dass man es mit spezifischen Umständen zu tun hat. Ein Beispiel: Ich war lange Ausbildungsleiter und Nachwuchstrainer in Enschede, wo wir viele deutsche Spieler in unseren Reihen hatten. Und dann haben wir gemerkt, wie unterschiedlich die schulische Struktur ist. In Holland wird das viel toleranter gehandhabt. Da können wir viel einfacher die Jugendlichen aus der Schule nehmen, immer im Interesse der fußballerischen Ausbildung. Wenn ich zum Beispiel zwei Trainingseinheiten angesetzt hatte, um den Rhythmus der Profis zu simulieren, konnte ich das problemlos abhalten mit meiner U 19.

Sie meinen, die Jugendlichen haben einfach mal einen Tag schulfrei gemacht?

ten Hag: Das Allerwichtigste ist der Schulabschluss. Aber wir in Holland konnten erst das Trainingsprogramm der Spieler erstellen und da herum die Schule einplanen. In Deutschland geht das nicht, in Bayern ist es sogar noch mal schwieriger.

Die U 23 des FCB steht derzeit auf Rang drei in der Regionalliga.

Tarnat: Das schulische Niveau ist einfach sehr hoch. Die Anforderungen in Bayern sind enorm, und damit sind eben auch die Spielräume eng. Wir stehen da in Kontakt mit dem Kultusministerium, aber Fakt ist: Wenn wir mit unserer U 19 wie zuletzt in der Youth League spielen und bei Manchester City antreten, dann fehlen Spieler, weil sie Klausuren schreiben müssen. In England gehen die Spieler vormittags auf den Trainingsplatz, danach drei bis vier Stunden in die Schule – bei uns sind Schule und Fußball ein Fulltime-Job für die Jungs. Das ist eine unheimliche Belastung.
Wenn ein Jugendspieler plötzlich wie ein Profi lebt, besteht dann nicht die Gefahr, dass er früh die Bodenhaftung verliert?

Tarnat: Ja, die Gefahr ist da. Aber dafür sind wir da, die Trainer. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen: Du hast noch nichts erreicht in deinem Fußballerleben.

Was halten Sie denn überhaupt von den sozialen Netzwerken? Sind Sie da selbst unterwegs oder achtet jemand anderes darauf, wie sich die Spieler dort verhalten?

ten Hag: Als Trainer bin ich mit Absicht nicht da drauf. Aber ich habe mein eigenes Netzwerk (lächelt). Wenn etwas Außergewöhnliches passiert, dann erfahre ich das. Dann gibt es schon mal das ein oder andere klärende Wort. Auch in dem Bereich haben die Spieler eine Verantwortung, mit der sie umgehen müssen.

Ist die persönliche Entwicklung teilweise sogar wichtiger als die sportliche?

ten Hag: Mittlerweile erwartet man ja von jungen Spielern schon, dass sie mit 17 oder 18 Jahren ins Profigeschäft stoßen. Da prasselt viel auf sie ein. Auch neben dem Platz müssen sie sich weiterentwickeln. Da arbeiten wir auch mit ihnen dran, da gibt es sicher noch Luft nach oben.

Ist die Persönlichkeit eines Spielers heute stärker gefragt als zu Ihrer aktiven Zeit?

Tarnat: Ich glaube schon. Zu meiner Zeit gab es vier Kamerateams und fünf Journalisten. Wenn ich sehe, was da heute los ist – das ist Wahnsinn. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, aber als junger Spieler ist es sehr schwierig, von jetzt auf gleich damit umzugehen. Da müssen wir die Jungs drauf vorbereiten.

Wie unglücklich waren die Begleiterscheinungen um den Wechsel von Sinan Kurt aus Mönchengladbach? Lastet da nicht von Anfang an viel Druck auf den Schultern eines 18-Jährigen?

Tarnat: Der Junge kann ja nichts dafür. Der hat sich nun mal dafür entschieden, für den FC Bayern zu spielen. Was letztlich daraus gemacht wurde, haben wir nicht beeinflusst. Klar, die Aufmerksamkeit ist größer als bei einem normalen Wechsel. Er kommt in ein neues Umfeld, trainiert schon bei den Profis mit, spielt in der U 19 – all das sind Umstellungen, die der Junge erst mal verkraften muss. Im Winter werden wir uns dann auch mit Matthias Sammer zusammensetzen, wie der nächste Schritt bei Sinan aussehen soll.

ten Hag: Erst mal soll er sich in den Verein integrieren. Das braucht Zeit, und die geben wir Sinan auch. Er ist ein großes Talent, er wird sich ganz sicher entwickeln.

Kurt war bei seinem Wechsel 18, teilweise verpflichten Vereine auch schon 13- oder 14-jährige Talente. Wie stehen Sie dazu?

Tarnat: Ich finde es sehr fragwürdig, einen 13-Jährigen aus seinem gewohnten Umfeld herauszureißen in Dortmund oder Hamburg und nach München zu holen. Ich bin der Meinung, dass die Jungen so lange wie möglich zu Hause wohnen sollten. Sie aus der Familie zu reißen und in ein Internat zu stecken – da halte ich nicht viel von. Es ist was anderes, ob die Eltern oder ein Trainer einen 13-Jährigen mal in den Arm nehmen. Normalerweise darf man Spieler erst ab der U 15 ins Internat holen.

ten Hag: Ich bin davon überzeugt, dass sich junge Spieler in der gewohnten sozialen Umgebung besser entwickeln als woanders. Mit 15, 16 Jahren kommen sie in die Pubertät, müssen Verantwortung übernehmen. Dann sind sie reif für so einen Schritt.

Martin Ödegaard, norwegisches Jahrhunderttalent, ist 15, wird von ganz Europa gejagt und am 17. Dezember 16 Jahre alt. Dann soll er bei Real Madrid unterschreiben, obwohl auch der FCB Interesse hat. Kommt er nach München?

Tarnat: Ich kann bestätigen, dass Martin eine Woche bei uns im Training war. Sein Vater war dabei. Wir haben uns kennengelernt, wir haben ihm unsere Anlage gezeigt. Da ging es aber um den Jugendbereich. Das ist über ein Jahr her. Und dann hat er eine Entwicklung genommen, mit der keiner rechnen konnte. Er hat in der ersten norwegischen Liga und sogar der Nationalmannschaft debütiert. Für das Junior Team ist er damit quasi kein Thema mehr. Ich kann einen Nationalspieler schlecht mit unserer U 19 locken.

Der FCB bemüht sich also immer noch um ihn?

Tarnat: Wenn ein 15-Jähriger so groß auftrumpft, ist jeder große Verein an ihm interessiert.

Zuletzt wurde geschrieben, dass Sidnei Djalo vom FC St. Pauli statt zum FC Bayern zu Wolfsburg gewechselt ist, weil dort im Internat die Bedingungen für den 13-Jährigen besser seien. Stimmt das?

Tarnat: Nein. Wir kennen den Spieler, aber für uns war er nie ein Thema. Diese Geschichte machte die Runde, aber bei uns hatte niemand nachgefragt. Es gab überhaupt kein Interesse von unserer Seite.

Teil 1 der Serie: Was die Konkurrenz besser macht

Teil 2 der Serie: Darum passt die 4. Liga zu den kleinen Bayern

Interview: mic, sw

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