FCB-Geschäftsführer über Trainerwechsel

Pesic im Merkur-Interview: "In diesen Teams gibt es immer Stress"

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Hat mit dem FC Bayern Basketball noch viel vor: Geschäftsführer Marko Pesic plant die neue Saison.

München - Marko Pesic steht in diesem Sommer mehr denn je im Fokus. Im Interview spricht der Geschäftsführer der Bayern-Basketballer über den Trainerwechsel und die Planungen.

Beim FC Bayern Basketball ist in diesem Sommer einiges los! Paul Zipser wird beim NBA-Draft von den Chicago Bulls gezogen, Anton Gavel unterzeichnet einen neuen Vertrag, Trainer Svetislav Pesic tritt zurück. Viel zu tun für Geschäftsführer Marko Pesic. Dabei hat sich der Trainer-Sohn rar gemacht, im Hintergrund die Inthronisierung von Sasa Djordjevic als Nachfolger seines Vaters eingetütet. Im Merkur-Interview spricht Marko Pesic über die Gründe für seine Entscheidung und die Aussichten auf die neue Saison.

Herr Pesic, was hat den Ausschlag für Sasa Djordjevic als Nachfolger von Trainer Svetislav Pesic gegeben?

Pesic: Zunächst: Einen Trainer zu verpflichten ist anders, als einen Spieler zu holen. Neben seiner Qualität als Basketball-Fachmann muss er auch andere Sachen mitbringen. Er muss zum Beispiel wissen, dass wir einen Jugendbereich haben, der uns enorm wichtig ist. Da hat mein Vater mit Muki Mutapcic (Co-Trainer, Anm. d. Red.) sehr viel eingebracht, was gar nicht an die Öffentlichkeit gekommen ist. Natürlich muss ein neuer Trainer in der Lage sein, auch da zu helfen und sich zu identifizieren. Außerdem muss er eine Persönlichkeit sein, die den Verein repräsentiert und auch mit der Medienwelt hier zurechtkommt. Wir haben uns einige Trainer angeschaut - am Ende hatten wir drei Kandidaten und ich wir sind wirklich überzeugt, dass Sasa der beste Mann für uns ist.

Womit haben Sie ihn überzeugt?

Pesic: Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Anfragen ich seit März hatte, seit mein Vater seinen Abschied ja angekündigt hatte. Was für Trainer hier arbeiten wollten, welche Wege sie gesucht haben, den Job hier zu bekommen! Manch einer hat hier 20 Mal im Verein angerufen! Das zeigt schon, was das für ein attraktiver Job das ist. In Sasas Fall haben wir ihm gesagt, welche Möglichkeiten er hat, was wir machen wollen. So haben wir zusammengefunden.

Hat Ihr Vater bei der Auswahl eine Rolle gespielt? Er kennt Djordjevic aus der gemeinsamen Vergangenheit gut.

Pesic: Natürlich. Wir haben ihn gefragt, was er über diese Idee denkt. Die beiden haben auch untereinander sicher gesprochen.

Wessen Mannschaft ist das nun. Ihre? Die von Ex-Coach Svetislav Pesic oder des neuen Trainers Sasa Djordjevic?

Pesic: Ich würde sagen, es ist auch diesmal ein Gemeinschaftswerk. Sasa ist natürlich auch eingebunden gewesen; er kannte die Spieler alle und ist mit der Auswahl bisher sehr zufrieden.

Als Spieler wa r er selbst eine Legende...

Sasa Djordjevic.

Pesic: ...ja, und das ist natürlich ein Punkt: Er hat als Spielerbei Barcelona und Madrid gespielt, wurde da jeweils Meister, außerdem zur Hochzeit des italienischen Basketballs in Bologna und in Mailand. Und das nicht als Center - sondern als Aufbauspieler, der die Strukturen des Spiels ganz anders verstehen muss. Aber er hat auch schon als Trainer einen Weg hinter sich: Er hat die serbische Nationalmannschaft zu einem sehr schwierigen Zeitpunkt übernommen und sie praktisch wieder belebt. Er hat dabei eine gewisse Härte gezeigt, aber auch Offenheit. Das ist etwas, was wir brauchen. Und meiner Meinung nach hat er durchaus ein gutes Jahr bei Panathinaikos Athen gehabt: sofort den Pokal gewonnen, in der Euroleague das Viertelfinale erreicht. Das gab es bei Panathinaikos die letzten Jahre nicht so oft.

Sie haben nach Saisonende gesagt, die nächste Bayern-Mannschaft müsse die bislang beste werden. Wie nahe sind Sie diesem Ziel mit den bisherigen Personalentscheidungen gekommen?

Pesic: Ich habe das gesagt, weil es damals gar nicht möglich war, Ziele auszugeben wie Meister, Pokalsieger oder internationaler Titel. Deshalb: Wir wollen die bestmögliche Mannschaft und haben dafür gewisse Kriterien verfolgt.

Welche denn?

Pesic: Wir haben uns zunächst einmal auf den großen Positionen deutlich verjüngt - was nicht heißt, dass wir weniger Erfahrung haben. Die Spieler, die neu sind, haben unterschiedliche Wege hinter sich. Wie Devin Booker: Ein sehr interessanter Spieler, der in seiner ersten Saison in Europa nach fünf Spielen wieder entlassen wurde und in die zweite französische Liga runtermusste. Dann ist er nach Chalon gegangen und wurde zum besten Spieler in Frankreich gewählt. Auch Ondrej Balvin hat mit 23 schon viele Jahre Erfahrung in Spanien, also in der besten Liga Europas, gesammelt. Genau wie Danilo Barthel in der Bundesliga, der erst 24 ist. Das sind junge, hungrige Kerle, die Enthusiasmus haben und athletisch sind. Das war ein Ziel. Dazu kommt Vladi Lucic, der ein unheimlich vielseitiger Spieler ist und genau der Typ, den wir brauchten. Auf ihn freue ich mich fast am meisten.

Es fehlt noch ein schlagkräftiger, dominanter Spielmacher.

Pesic: Wir werden auf jeden Fall sieben Ausländer holen. Als nächstes jedoch ist das Wichtigste, einen Aufbauspieler zu verpflichten. Wobei dominante Spielmacher sehr rar sind und schwer zu bezahlen. Wenn man sich Malcolm Delaney anschaut (Spielmacher im Meisterjahr 2014, jetzt in der NBA; Anm. d. Red.): Er war auch kein dominanter Spielmacher und ist erst bei uns zum reinen Playmaker geworden. Er hat auch keine 20 Punkte pro Spiel gemacht - sondern ist mit zwölf Punkten und vier Assists MVP geworden. Erst in den Playoffs war er dominant. Deshalb sind da nicht so fixiert. Wir haben eine sehr gute Idee, die wir verfolgen - mal sehen.

Auffällig ist, dass BBL-Erfahrung anders als in den letzten Jahren keine übergeordnete Rolle zu spielen scheint.

Pesic: Es gibt Vereine in Spanien, die uns fragen: Wie habt ihr eigentlich Balvin bekommen? Oder Booker? Die zwei waren schon sehr gefragt, aber sie liefen eben auch ein bisschen unter dem Radar. Malcolm (Delaney, Anm. d. Red.) hat übrigens bei Booker angerufen und ihm alles über uns erzählt. So haben wir ihn letztlich bekommen. Bei Lucic war es ähnlich, er hat sich mit Vasa Micic über uns unterhalten. Diese Mund-zu-Mund-Propaganda ist wichtig und schadet uns offenbar nicht.

Apropos Mund-zu-Mund-Propaganda: Der Abschied von Ihrem Vater wurde von Mutmaßungen über angebliche Zerwürfnisse mit Spielern begleitet. Dusko Savanovic erklärte in einem Interview, er sei wegen ihm gegangen. Das klingt nicht nur nach einem freiwilligen Ausstieg aufgrund seiner Gesundheit.

Pesic: Was mir hierbei auffällt, ist, dass einige Journalisten vor allem soziale Medien und Internet-Foren als Grundlage dafür nehmen, solch Meinungen zu verbreiten. Wer ihn nur ein bisschen kennt, der weiß: Mein Vater hat es sicher nicht nötig, ein gesundheitliches Problem als Grund vorzuschieben - und er würde das auch niemals tun. Wenn Medien dennoch so etwas daherschreiben, finde ich das respektlos und es zeugt auch davon, wie weit weg sie sind. Gerade wenn man weiß, in welcher körperlichen Situation er wegen seiner Knie-OP jetzt gerade ist. Außerdem sollte man sich mal vergegenwärtigen, was hier bei uns alle wissen: dass es genau zwei Leute gibt, die maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Bayern-Basketballer seit dem Aufstieg hatten. Das ist strukturell Uli Hoeneß und sportlich mein Vater. Manche vergessen, in welcher Situation er 2012 gekommen ist, was er vorfand und was er daraus gemacht hat. Davor muss man Respekt haben und dazu gehört auch, ehrlich miteinander umzugehen.

Bleibt Savanovics Kritik...

Dusko Savanovic.

Pesic: Richtig. Es gibt aber ein ungeschriebenes Gesetz, dassinterne Sachen auch intern bleiben. Deswegen werde ich zu seinen Äußerungen nicht Stellung nehmen. Savanovic ist eine Persönlichkeit, die hier - übrigens vor allem vom Trainer - eine besondere Behandlung genoss. Was er gesagt hat, überrascht mich nicht und trotzdem habe ich mich gefragt: Warum macht er das? Als Spieler würde ich Dusko vielleicht verstehen. In meiner Position sehe ich es jedoch ganz klar als Ausrede für nicht erbrachte Leistung. Ich habe selbst ja einige Titel gewonnen - aber ich habe nie in einer Mannschaft gespielt, in der immer alles korrekt ablief, wo man sich jeden Morgen küsste und die Spieler - inklusive mir - nicht Probleme mit dem Trainer hatten. In Teams, die gewinnen müssen, gibt es immer Stress - immer! Und ich finde es nicht richtig, dazu subjektive Sichtweisen nach außen zu tragen. Das ist schwach.

Allerdings wurden interne Missstimmungen zwischenzeitlich mehreren Spielern nachgesagt.

Pesic: Ich habe irgendwo gelesen, Anton Gavel und Nihad Djedovic hätten ihren Vertrag nur deshalb verlängert, weil sie wussten, dass es einen Trainerwechsel gebe. Ganz ehrlich: Da muss ich laut lachen. Wie gesagt: Da sind Leute ganz weit weg und fabulieren halt ein bisschen. Wenn man die Geschichte von Nihad und meinem Vater kennt, dass sie sich kennen, seit Nihad 15, 16 Jahre war - dann weiß man um dieses besondere Verhältnis. Wie man auf Anton darauf kommt, ist mir komplett rätselhaft. Ich will nicht sagen, dass es keine Missstimmungen gab - wie erwähnt, die gab und gibt es immer. Aber klar ist doch auch: Gerade bei Misserfolgen erhalten die Figuren mit der größten Angriffsfläche auch die meiste Kritik. Trotz der Misserfolge ist hier jedoch kein Spieler öffentlich kritisiert worden, niemand. Das ist Teil der Kultur, für die mein Vater stand.

Das heißt mit anderen Worten: Ohne die Knie-OP wäre Svetislav Pesic jetzt noch Trainer?

Pesic: Ja, ich denke schon. Ich habe übrigens mehrfach zu dem Thema gesagt, dass hier niemand entlassen wird. Aber das wird dann auch unterschlagen. Ich wusste allerdings selbst nichts davon, wie schwer seine Probleme mit dem Knie in den letzten Monaten waren. Meine Mutter hat mir jetzt erzählt, dass er das letzte Jahr nicht mehr als zwei, drei Stunden geschlafen hat - weil er so große Schmerzen hatte, dass er im Sitzen schlafen musste. Er ist jeden Tag gespritzt worden und hat doch niemandem etwas gesagt. Bei ihm hatte die Identifikation mit dem Verein ein Level erreicht, dass sie ihm nicht gut tat. Das hat ihn dazu gebracht, dass er nicht im Dezember gesagt hat: Stopp, ich kann nicht mehr, ich muss mich operieren lassen! Jeder Spieler hätte das getan, aber er hat das bis zum Ende durchgezogen. Hätte er etwas gesagt, hätten wir ihn wahrscheinlich im Dezember rausgenommen. Und wenn er letztes Jahr operiert worden wäre, wäre er jetzt wohl weiter Trainer.

Bleibt er dem Verein in anderer Funktion erhalten?

Pesic: Auch das habe ich gelesen: Beratervertrag. Dabei haben wir darüber überhaupt noch nicht gesprochen. Für ihn geht es einzig und alleine darum, wieder gesund zu werden. Und das wird sicherlich vier, fünf Monate dauern.

Wie geht es Ihnen selbst? Wird die Situation einfacher ohne den eigenen Vater als Mitarbeiter?

Svetislav Pesic.

Pesic: Wir haben eigentlich nie Probleme damit gehabt. Natürlichist die Zusammenarbeit mit ihm nicht einfach, weil er unheimlich fordernd ist, weil er immer alles vorantreiben will. Aber damit hat er auch Dynamik in die Dinge gebracht, was für den Verein sehr wichtig war. Was mich betrifft: Wir hatten ja immer ein spezielles Verhältnis. Ich bin viele Jahre sein Spieler gewesen und jetzt eben in dieser Konstellation.

Was hat sich besser angefühlt?

Pesic: Ehrlich: Als Spieler war es mit Verlaub beschissen. Aber jetzt sage ich: Wenn ich mehr auf den gehört hätte, wäre ich ein besserer Spieler geworden.

Haben Sie jetzt mehr auf ihn gehört?

Pesic: Hm, es gibt sicher Dinge, die wir hätten besser machen können, wenn wir mehr auf ihn gehört hätten. Aber ich frage mich generell, ob wir das Maximum aus ihm, aus seinen Möglichkeiten herausgeholt haben.

Wohin der Weg führt, wird auch von der strukturellen und finanziellen Entwicklung abhängen. Was wird sich in diesem Bereich ändern? Zuletzt soll ihnen Bamberg weit enteilt gewesen.

Pesic: Das weiß ich nicht, ist im Endeffekt aber auch uninteressant. Wenn ich mich mit Bamberg vergleiche, suche ich Entschuldigungen. Wir schauen auf uns und wissen zum Beispiel, dass wir auch im Sponsoring-Bereich einen guten Job gemacht haben - und der Sommer ist ja noch nicht zu Ende. Auch in der Halle bewegt sich schon ein bisschen was. Wir werden ein paar Dinge ändern, in der nächsten Saison könnte da etwas Größeres folgen mit einer Erhöhung der Kapazität. Daran arbeiten wir.

Aber Bambergs Level wollen Sie über kurz oder lang erreichen? Die Rückkehr in die Euroleague inklusive.

Pesic: Aber nicht so, weil Bamberg von einer Person abhängt. Das ist nicht das, was wir anstreben. Was das Sportliche betrifft, bewegen wir uns dieses Jahr international mit dem EuroCup nach meiner Meinung genau im richtigen Wettbewerb. Denn die Euroleague mit dem neuen Format, das ist schon hart.

Immerhin haben Sie sich nach langem Zögern für das zweite Wettbewerbsformat der Euroleague entschieden...

Pesic: Grundsätzlich glaube ich, dass sich der europäische Basketball in seiner bisher größten Krise befindet. Sie hat viele Facetten. Die erste ist das Problem zwischen der FIBA und der Euroleage - das ist ein echtes Desaster. Bei der NBA-Draft werden schon jetzt auffällig viele Europäer gezogen. Das heißt: Mittelmäßige Spieler mit Perspektive gehen schon jetzt in die USA. Also: Europa ist nicht in der Lage, diese Spieler in seinen Ligen zu halten. Ich glaube, dass die NBA auch durch die Erhöhung des Salary Cap für ihre D-League den Markt künftig leerfegen wird. Das wird dazu führen, dass Spieler wie Booker nicht mehr nach Europa kommen werden. Aber statt sich damit zu befassen, befasst man sich lieber mit Eitelkeiten einzelner Funktionäre. Und dann kommt noch ein Spielplan wie aktuell hinzu, in dem die Nationalspieler bis eine Woche vor Saisonbeginn bei der Nationalmannschaft sind. Das ist auch ein inakzeptabler Zustand. Für die Vereine, für die Spieler, gerade für die, die den Klub gewechselt haben. Wobei ich finde, dass zumindest die Bundesliga einen ganz tollen Job gemacht hat.

Warum?

Pesic: Weil die Vereine in diesem Sommer ihre Probleme untereinander beiseite geschoben und nach gemeinsamen Lösungen gesucht haben. Die Klubs haben sich nichts aufzwingen lassen, sondern durchgesetzt, dass jeder entscheiden kann, wo er spielen kann.

Warum haben sie sich für den EuroCup entschieden?

Pesic: Es gab keinen Grund, nicht bei der Euroleague zu bleiben. Wir sind dort von der Business-Seite gut klargekommen, und die Euroleague bietet einen bestens organisierten Wettbewerb. Ich glaube zudem, dass der EuroCup in dieser Saison ein hoch interessanter Wettbewerb ist. Denn er hat acht Mannschaften aufgefangen, die nicht mehr in der Euroleague spielen können. Das Niveau ist hoch, und auch was die Anzahl der Partien betrifft passt es. Perspektivisch wollen wir natürlich immer gegen Real oder Barcelona, ZSKA Moskau oder Fenerbahce Istanbul spielen. Dennoch bin ich gespannt, wie sich die Euroleague in diesem Jahr entwickelt. Das ist auch ein Test, wie Mannschaften, die 34 Ligaspiele haben und außerdem noch 30 Spiele in der Euroleague, damit klarkommen.

Interview: Patrick Reichelt

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