Er vereinte neuen Elan und alte Tugenden

Schweinsteiger: 175 Länderspiele wären drin gewesen

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Letzte Pressekonferenz als Nationalspieler: Bastian Schweinsteiger genießt seinen Abschied.

Düsseldorf - Bastian Schweinsteiger beendet seine Nationalmannschaftskarriere. Er vereinte über ein Jahrzehnt neuen Elan und alte Tugenden - er hätte locker Rekordnationalspieler werden können.

Es gibt Momente, da will man seiner Zeit voraus sein – und wird gleichzeitig von der Zeit überholt. Als die Spieler der deutschen Nationalelf vor zwei Jahren im Tunnel des Maracana darauf warteten, zum WM-Finale aufzulaufen, klatschte Bastian Schweinsteiger noch einmal in die Hände: „Auf geht’s – jetzt geht’s los, Jungs!“ Weiter vorn in der Reihe stand Thomas Müller, drehte sich um und rief nach hinten: „Naa, erst in fünf Minuten!“

Schweinsteiger muss grinsen, als er diese Anekdote erzählt. „Ein typischer Müller“ war das, sagt er, er habe die Kollegen ja nur noch mal anheizen wollen („so ein Finale habe auch ich nur einmal im Leben gespielt“) – und dann grünschnabelt plötzlich einer der Adressaten mit Schalk im Nacken: Cool bleiben!

Auf einmal war Schweinsteiger, lange „Schweini“: alt.

Heute Abend wird er zum letzten Mal für die deutsche Nationalelf auflaufen. Er ist einer der Letzten der Generation, die einst einer maroden Nationalmannschaft zu neuer Vitalität verholfen haben: Er und Lukas „Poldi“ Podolski, dazu Philipp Lahm, das waren erstmals nicht nur Versprechen auf eine bessere Zukunft. Nein, diese Burschen wurden tatsächlich diese bessere Zukunft. Am 6. Juni 2004 kam Schweinsteiger zur Pause gegen Ungarn zu seinem Debüt. Es stand in Kaiserslautern schon 0:2, „ich wollte das Spiel noch drehen“, erinnert er sich bis heute. Das gelang ihm nicht, der Spielstand blieb bis zum Abpfiff bestehen. Aber Schweinsteiger und seine Generation haben den deutschen Fußball gedreht. Nachhaltig. Eingewechselt wurde er für Andreas Hinkel, der in dieser Zeit auch als Talent galt, aber nur eine Fußnote blieb, wie einst so viele deutsche Jungprofis.

Es sagt viel aus, dass inzwischen sogar der damalige Hoffnungsträger Schweinsteiger von der Zeit überholt wurde. Grünschnabel Müller ist ja selbst schon auf dem besten Weg, Establishment zu werden. Auch ihm sitzt eine Reihe neuer Kicker im Nacken, herangezüchtet in den Fußballinternaten der Republik. Die Talente sind heute viel weiter als er damals, sagt Schweinsteiger auf seiner letzten Pressekonferenz als Nationalspieler. Das sei natürlich phänomenal. Irgendwie ist er aber nun auch in der Position, mal den väterlichen Schulmeister zu mimen. „Ich hoffe, dass die Burschen bei all ihren Fähigkeiten das Grundgesetz des Fußballs nicht vergessen“, sagt er, „das Ausland beneidet uns um unsere Tugenden.“

Ein Don Quijote mitten in Manchester

Schweinsteiger war einer fürs Grundgesetz, unsterblich wurde er durch die Bilder im Maracana, als er sich blutend bis zum Abpfiff durchkämpfte. Zuletzt kam er nicht mehr auf die Beine, zu schnell wurde das Passspiel der Bayern unter Pep Guardiola, und bei Manchester United ließ José Mourinho sogar uncharmant seinen Spind räumen.

Er habe kein Problem mit dem Coach, sagt der 32-Jährige, der das Kapitel Manchester noch nicht als beendet betrachten will. „Mein Traum ist es weiter, für ManU zu spielen und zu helfen. Wenn ich eine faire Chance bekomme – ich bin beim Weltmeister im EM-Halbfinale zum Einsatz gekommen. Ich glaube an meine Fähigkeiten“, sagt er. Ein Kämpfer, ein Don Quijote mitten in Manchester, wo seine Windmühlen unter anderem Paul Pogba heißen. Es wird wohl eher bald in die USA gehen, denn in Europa möchte er für keinen anderen Klub mehr spielen. Die Staaten seien dagegen „eine Option – wenn es mal soweit ist“.

Zunächst einmal steht der Moment im Vordergrund. Schweinsteiger will den Abschied genießen, das hat er sich auch verdient nach zwölf Jahren Aufbauarbeit in Diensten des DFB. Gegen Finnland spielt er heute zum 121. Mal. Er empfinde „große Dankbarkeit für diese Zeit“, sagt er, die Höhepunkte waren „die wunderschöne WM 2006“ und „der Weg zum WM-Titel 2014“. Die EM habe er gerne mitnehmen wollen, aber im Sommerurlaub hatte er sich hinterfragt, ob er noch einmal die Leidenschaft aufbringen könnte für das WM-Turnier in Russland. Da fragte das Kämpferherz in Schweinsteiger den Körper von Schweinsteiger, und all die Knochen, Muskeln, Sehnen antworteten: Nein.

Sie haben das beim DFB dieser Tage sogar mal hochgerechnet, dass der Körper des scheidenden Kapitäns schon öfter gestreikt hat. Er hätte auf 175 Länderspiele kommen können, wenn er nicht so oft abgesagt hätte, das wäre einsamer Rekord. „Ach“, sagt er, „man muss seinem Körper auch mal Zeit geben.“ Er sei glücklich, trotz des Abschieds von der Nationalelf, trotz der misslichen Situation bei Manchester: „Das Finale dahoam war schwerer zu verkraften.“

Als er das Podium der Pressekonferenz betreten hat, ist ihm übrigens sofort ein Espresso kredenzt worden. „Das bekommt sonst nur Jogi“, raunte ihm DFB-Sprecher Ulrich Voigt zu. Schweinsteiger hat sich das erarbeitet. Und dass er jetzt geht, ist genau der richtige Zeitpunkt.

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