Der berührte Bundestrainer

Sportlich hat die Partie für den Bundestrainer kaum eine Bedeutung. Foto: Peter Steffen
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Sportlich hat die Partie für den Bundestrainer kaum eine Bedeutung. Foto: Peter Steffen

Der feinfühlige Mensch in Joachim Löw sträubt sich nach den schockierenden Erlebnissen in Paris gegen das Holland-Spiel. Die Pflicht, als Bundestrainer funktionieren zu müssen, beantwortet die eigene Schlüsselfrage: "Gibt es nichts Wichtigeres als den Fußball?"

Barsinghausen (dpa) - Joachim Löw ringt um Fassung. Die Augen zucken, die innere Anspannung des Bundestrainer ist im Saal zu spüren. Der schwarze Pullover ist das äußerliche Zeichen seines Gemütszustandes.

So kurz nach der kaum verarbeiteten Terrornacht von Paris ist dem 55-Jährigen während der emotionalen Pressekonferenz in Barsinghausen immer wieder anzumerken, dass er vieles lieber täte, als jetzt hier, unweit des Spielortes Hannover, eine Mannschaft auf ein Fußballspiel gegen die Niederlande vorbereiten zu müssen. Ein Spiel, das ihm nach den schrecklichen Anschlägen mit über 120 Todesopfern im tiefsten Herzen immer noch fragwürdig erscheint.

Schon das sehr persönliche Eingangsstatement lässt erkennen, dass hier und heute kein Fußballtrainer zur Weltmeister-Nation spricht. Sondern ein Mensch, der den "Schockzustand" und die "Angst", die er gemeinsam mit seiner Mannschaft in einer auch für ihn schlaflosen Nacht im Stade de France erlebt hat, noch lange nicht verarbeitet und schon gar nicht verdrängt ist. "Es geht mir den Umständen entsprechend ganz gut", beginnt Löw seinen Rückblick auf diese "schreckliche, entsetzliche und für uns alle schockierende Nacht".

Auch für ihn hatte das Drama am Freitagabend mit "zwei lauten Knallen" in der Anfangsphase des Spiels gegen Frankreich begonnen. Als er nach dem Abpfiff mit seinen Spielern, den Betreuern, seinen engsten Vertrauten um Teammanager Oliver Bierhoff in den Katakomben des Stadions ausharren muss und von den stetig steigenden Opferzahlen hört, ihm das Ausmaß der Anschläge klarer wird, reifte in Löw eine Konsequenz: "Mir kam immer wieder der Gedanke, ob dieses Spiel gegen Holland stattfinden kann. Ich habe mich gefragt: Gibt es nichts Wichtigeres als den Fußball?"

Löw kann nicht schlafen. Er sucht zeitweise die Einsamkeit im Mannschaftsbus, der das Team in dieser Nacht nicht ins Hotel bringen wird - es wäre zu gefährlich. Als Löw schließlich am Samstagmorgen mit dem Team heil in Frankfurt landet, hatte er persönlich "das Gefühl, dass dieses Spiel nicht stattfinden kann und soll".

DFB- und Mannschaftsführung beschließen jedoch, eine Nacht über die Ereignisse zu schlafen, dann neu zu beraten. Und der Bundestrainer muss in seiner Funktion und Vorbildrolle erkennen, was der neben ihm sitzende Bierhoff am Montag ausspricht: "Man muss funktionieren, hat die Ratio eingeschaltet." Auch Löw war irgendwann "klar, dass dieses Spiel natürlich auch stattfinden soll und auch stattfinden muss".

Aber er will am Dienstagabend im Stadion von Hannover nicht mit dem Bundestrainer-Blick betrachten. Ähnlich wie 2009 beim 2:2 gegen die Elfenbeinküste wenige Tage nach dem Suizid von Nationaltorhüter Robert Enke wird auch Löws 128. Länderspiel als Nationalcoach ein Spiel sein, in dem es um vieles geht, aber nur sehr bedingt um Sieg oder Niederlage, um Tore, Taktik und Applaus.

"Ich erwarte nicht La-Ola-Wellen. Partystimmung ist nicht angebracht", sagte Löw. Der Bundestrainer appellierte auch an die Zuschauer. "Ich wünsche mir sehr, dass die vielzitierte sportliche Rivalität, die es zwischen Deutschland und Holland gibt, zuerst mal in den Hintergrund rückt. Wenn wir das Stattfinden dieses Spiels so verstehen, dann haben wir unabhängig vom Ergebnis gewonnen."

Die Spieler sollen auf dem Platz natürlich professionell ihren Job erledigen. Das wird auch Löw an der Seitenlinie tun. Aber kein Akteur müsse sich unter diesen Umständen für die Europameisterschaft 2016 empfehlen, die für Löw selbstverständlich in Frankreich stattfinden wird. "Es macht wenig Sinn, über ein anderes Land zu diskutieren."

Paris hat auch Löw verdeutlicht, dass der Terror überall lauert, überall zuschlagen kann, wohl auch in jedem Stadion auf der Welt. Niemand werde einfach zur Tagesordnung übergehen können. Aber der Alltag geht weiter, in den das Spiel gegen Holland ein erster Schritt ist, auch für die Spieler, auch für Löw. "Eine klare Botschaft und ein klares Symbol" verbindet er mit dem Fußballabend in Hannover: "Für die Freiheit, die Demokratie und aus Verbundenheit, Mitgefühl, Trauer und Solidarität mit unsere Freunden, nicht nur in Frankreich, sondern in Europa und der ganzen Welt."

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