DFB-Präsident im großen tz-Interview

Niersbach: Keiner lügt sich in die Tasche!

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Eiserne Treue trotz skeptischem Blick: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat Jogi Löws Vertrag vor der WM bis 2016 verlängert.

München - Am Freitag, 18.00 Uhr, steigt in Rio das deutsche WM-Viertelfinale gegen Frankreich. Das tz-Interview mit DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (63).

Herr Niersbach, können Sie uns Ihre Gefühle während des Algerien -Spiels schildern?

Wolfgang Niersbach: Ich habe gedacht: Was ist bloß da unten los?

Haben Sie ums Weiterkommen gezittert?

Wolfgang Niersbach:  Und wie! Die Anspannung war da. Beim Tor von André Schürrle bin ich nur noch hochgesprungen. Fast hätte ich mir den Kopf an der niedrigen Decke gestoßen.

Dann sind Sie in die Kabine gegangen. Was war da los?

Wolfgang Niersbach:  Ich habe Thomas Müller kurz angeschaut. Er sagte mir: Wir können gerne darüber reden, Herr Präsident. Dann zwinkerte er mir zu und meinte: Immerhin, Holland musste mehr zittern als wir.

Ist so ein Sieg auch pure Erleichterung, weil man weiß: Wäre das gegen Algerien schief gegangen, hätte das in Deutschland ein Fußball-Erdbeben ausgelöst. Die Diskussion um Joachim Löw wäre entbrannt. Und Sie wären in Erklärungsnot geraten…

Wolfgang Niersbach:  Solche Konstellationen kenne ich aus zurückliegenden Turnieren, weil eine WM ein emotionaler Ausnahmezustand ist. Da ist manchmal auch ein Stück Gelassenheit wichtig.

Der Druck auf Löw wäre unmenschlich geworden…

Wolfgang Niersbach:  Ich kann für den DFB immer nur wiederholen, dass wir den Vertrag mit dem Bundestrainer bis 2016 verlängert haben.

Ohne Ausstiegsklausel?

Wolfgang Niersbach:  Wir haben das klare Ziel, gemeinsam weiterzu machen. Denn unabhängig vom Ausgang der WM besitzt die Mannschaft eine glänzende Perspektive.

Und wenn Löw diesen Vertrag nicht erfüllen will?

Wolfgang Niersbach:  Das hat er mir gegenüber nie geäußert. Außerdem: Wenn und Aber bringen nichts. Schon gar nicht während eines laufenden Turniers.

Löws Arbeit wird zurzeit aber sehr kritisch gesehen…

Wolfgang Niersbach:  Das hängt mit der großen Erwartungshaltung zusammen. Aber wir sind von seiner Arbeit überzeugt. Die Chemie zwischen ihm, der gesamten sportlichen Leitung und der Mannschaft ist absolut stimmig. Er ist ein erstklassiger Trainer. Und für uns alle heißt die nächste Station Rio.

Aber die Stimmung rund um die Mannschaft ist eher negativ. Es fing ja bereits mit dem Quartier an…

Wolfgang Niersbach:  Da kann ich Ihnen sagen: Ich habe noch niemals zuvor so ein perfektes Quartier gesehen. Da stimmt einfach alles. Egal, wie es hier ausgehen sollte, das Campo Bahia war die optimale Wahl.

Es ist bereits Ihr elftes Turnier. 1990 wurden Sie, damals als DFB-Pressechef, Weltmeister. Wie fühlt sich so was an?

Wolfgang Niersbach:  Es ist unbeschreiblich. Es gibt Fernsehbilder von mir, da springe ich in die Luft, so hoch bin ich noch nie gesprungen. Man spürt pures Glück und große Freude. Es ist ein einmaliges Gefühl.

Glauben Sie, dass Sie am 13. Juli, den Tag des Endspiels, noch einmal in den Genuss dieses Gefühls kommen?

Niersbach: Warum nicht? Ich sehe hier keinen Gegner, der das Turnier dominiert und uns überlegen ist. Jedes Spiel ist eng, aber die Mannschaft hat klar dieses Ziel.

Wie gefällt Ihnen denn die WM?

Wolfgang Niersbach: Ausgezeichnet. Man spürt nicht, dass hier eine Mannschaft trotz des heißen Klimas mit halber Kraft spielt. Es geht nur nach vorne, obwohl viele dachten, dass dieser Volldampf-Fußball so kaum möglich sein wird.

Auch Deutschland hat hier überzeugt, insbesondere gegen Portugal. Dennoch herrscht in der Mannschaft der Eindruck vor, vor allem Journalisten würden immer das Schlechte im deutschen Spiel suchen.

Wolfgang Niersbach:  Ich war ja selbst Journalist, von daher halte ich mich lieber zurück (lacht). Aber die Beurteilungen werden immer extremer. Das 4:0 gegen Portugal war nicht so perfekt, wie es zum Teil dargestellt wurde. Umgekehrt ist nach dem Algerien-Spiel fast untergegangen, dass wir im Viertelfinale dabei sind und damit zu den acht besten Mannschaften der Welt gehören.

Jogi gestern, Jogi heute

Jogi gestern, Jogi heute

Wie geht das Team denn mit der Kritik um?

Wolfgang Niersbach:  Seien sie sicher: Die Spieler sind sehr selbstkritisch. Sie analysieren top-professionell und lügen sich nicht in die Tasche.

Wie nehmen die Fans die Erfolge der Mannschaft an?

Wolfgang Niersbach:  Mit sehr viel Enthusiasmus! 29 Millionen haben das Spiel gegen Algerien gesehen – und da sind die Leute, die in den Kneipen oder beim Public Viewing waren, noch gar nicht mitgezählt. Kein anderes Land zelebriert eine WM so wie wir! Wir haben tolle Fans, vor allem auch hier vor Ort! Einige saßen 17 Stunden im Bus, um ein Spiel zu sehen. Da können wir uns nur bedanken!

Dann wäre es ja mal wieder Zeit mit einem Turnier in Deutschland. Wie steht es um die EM 2024?

Wolfgang Niersbach:  Ich denke sehr gut. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir sie bekommen können.

England ist ein ernsthafter Konkurrent.

Wolfgang Niersbach:  Ja. Aber wir denken darüber nach, die Finalserie 2020, für die wir uns mit München bewerben, zugunsten Londons abzutreten. Dafür könnte 2024 die EM zu uns kommen. Die UEFA ist gut beraten, einen zuverlässigen Ausrichter zu nehmen, das erfüllen wir. Nicht mal in den Stadien müsste viel gemacht werden, allenfalls was die technischen Dinge betrifft. Deutschland wäre bestens aufgestellt.

Am Freitag geht es gegen Frankreich. Hatten Sie schon Kontakt zu UEFA-Präsident Michel Platini?

Wolfgang Niersbach:  Ich habe ihm eine SMS geschickt und im Flachs einen Tipp erbeten, wie man seine Franzosen schlagen kann. Er hat mich gleich zurückgerufen und mir gesagt, dass wir nur ein Tor mehr erzielen müssten.

Interview: Thomas Gassmann

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