Frühere Profis distanzieren sich

Doping-Bericht sorgt für Aufschrei

Stuttgart - Der Aufklärungsdruck ist immens. Durch die Veröffentlichung der explosiven Doping-Vorwürfe geraten Fußball-Bundesliga und Radverband in Zugzwang. Details kommen ans Licht - viele Fragen sind offen.

Nach der hochbrisanten Veröffentlichung angeblicher Doping-Praktiken in der Fußball-Bundesliga sieht sich die gesamte Branche mit vielen Fragezeichen konfrontiert. Immer mehr Details zu potenziellen Abläufen beim möglichen Konsum illegaler Substanzen kommen ans Licht. Harald Schumacher, ein prominenter Kronzeuge aus den 1980ern, hält Doping zu seiner aktiven Bundesligazeit weiter für damals gängige Praxis. Die frühere Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer, Sylvia Schenk, wundern die Anschuldigungen gegen ihren damaligen Verband nicht. Unter Experten wächst der Aufklärungsdruck.

Der ehemalige Fußball-Nationaltorhüter Schumacher hält es weiter für stichhaltig, dass Doping zu seiner aktiven Bundesligazeit an der Tagesordnung gewesen sei. „Ich sehe mich insofern nicht bestätigt, als ich immer und jederzeit zu einhundert Prozent hinter den Aussagen in meinem Buch gestanden habe“, teilte der heutige Vizepräsident des Erstligisten 1. FC Köln der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage schriftlich mit.

Kommissionsmitglied Andreas Singler beschrieb angebliche Doping-Praktiken beim VfB Stuttgart. Singler nimmt in der „Bild“-Zeitung Bezug auf den umstrittenen früheren Freiburger Sportmediziner Armin Klümper, bei dem damals auch Spieler des Fußball-Bundesligisten behandelt wurden.

„Klümper schickte die Präparate an den Masseur oder ließ sie dorthin schicken. Beim VfB bezahlte der Verein die Rechnung“, zitierte „Bild“ Singler. „Beim VfB wurde das Anabolika-Mittel auch mindestens in einem Fall nachbestellt. Damit ist bewiesen: Es gab Anabolika im deutschen Fußball.“

Berichten der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin zufolge hat in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren Anabolika-Doping beim Bundesligisten VfB „in größerem Umfang“ sowie in kleinerem Rahmen beim damaligen Zweitliga-Club SC Freiburg eine Rolle gespielt. Auch der Bund Deutscher Radfahrer ist ins Visier des Gremiums geraten. Der VfB, SCF und auch der Radverband haben sich von Doping-Praktiken klar distanziert.

Systematisches Doping ist im Radsport nicht neu. Die frühere BDR-Präsidentin Sylvia Schenk zeigte sich nicht allzu verwundert über die Vorwürfe. Auch während ihrer Zeit als Verbandschefin von 2001 bis 2004 habe sie eine gewisse Mentalität vorgefunden. „Ich habe lange Zeit den Eindruck gehabt: Entweder ist da nichts oder es wird vor mir verborgen gehalten. Als ich etwas Greifbares hatte und es nicht mehr zu leugnen war, hat man mich auflaufen lassen und dann war ich weg“, sagte Schenk der Deutschen Presse-Agentur und sprach den Fall Christian Lademann an.

Bei dem Bahnradfahrer waren vor den Olympischen Spielen 2004 auffällige Blutwerte festgestellt worden, trotzdem wurde Lademann von BDR-Sportdirektor Burckhard Bremer nominiert.

Schumacher hatte für sein 1987 veröffentlichtes Buch „Anpfiff“ nach eigener Aussage „sehr viel Kritik einstecken und die Konsequenzen tragen müssen. Das war ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben, der mich als Mensch noch mehr hat reifen lassen. Aber verbiegen konnte mich damals schon niemand“, versicherte er. „Vielleicht denken die Kritiker von früher heute anders über das Thema. Für mich ändert sich nichts“, sagte Schumacher. „Ich denke, der heutige Fußball in Deutschland ist sauber.“ Die regelmäßigen Kontrollen, die nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung seines Buches eingeführt worden seien, trügen ihren Teil dazu bei.

Francois Caneri, der damalige Stuttgarter Physiotherapeut, distanzierte sich entschieden von Doping-Vorwürfen. „Ich selbst habe mit den Spielern die Medikamente in der Apotheke eingekauft. Ich weiß, was in den Tüten war“, zitierten die „Stuttgarter Nachrichten“ Caneri, der von 1976 bis 1982 beim VfB angestellt war und Spieler in Klümpers frühere Praxis in Freiburg begleitete. „Doping hat es beim VfB nicht gegeben - das hätte ich gewusst“, versicherte Caneri.

Der renommierte Experte Fritz Sörgel machte unterdessen dem Deutschen Fußball-Bund Druck. Nach Ansicht des Mitglieds der Freiburger Untersuchungskommission muss der DFB aktiv zur Aufklärung der Vorgänge in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren beitragen. „Es ist ein Volkssport, der wichtigste Sport in Deutschland, und da kann man sich nicht erlauben, dass etwas ungeklärt bleibt“, sagte der Nürnberger Pharmakologe am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. Der DFB hatte zuvor seinen Aufklärungswillen beteuert.

Pharmakologe Sörgel mahnte zugleich, mit Verdächtigungen über möglicherweise - auch aktuelle - Doping-Praktiken im Fußball vorsichtig zu sein. „Man muss fairerweise sagen, dass im Fußball - und es werden in einigermaßen vernünftiger Weise nun auch Dopingtests durchgeführt - keine spektakulären Fälle aufgetreten sind“, sagte Sörgel. „Deshalb muss man mit Verdächtigungen vorsichtig sein.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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