"Wir sind Menschen mit Gefühlen"

Nach Terror: DFB-Team vor ungewisser Zukunft

Hannover - Der Klassiker gegen die Niederlande sollte „ein Symbol für die Freiheit“ werden - das Gegenteil war der Fall. Die Folgen für die Weltmeister sind unabsehbar.

Die deutschen Fußball-Weltmeister wollten einfach nur weg. Weg vom Terror, Ängste und Sorgen so schnell wie möglich hinter sich lassen. Nach dem Horror von Paris und dem Schrecken mit der Absage des Länderspiels gegen die Niederlande in Hannover ergriffen die meisten Nationalspieler noch in der Nacht auf Mittwoch die Flucht. Bundestrainer Joachim Löw ließ am Morgen danach ausrichten, aus seiner rein sportlichen Sicht gebe es „nichts mehr mitzuteilen“. Und doch blieben nach fünf Tagen im Ausnahmezustand zunächst viele Fragen offen.

„Dass unsere Mannschaft innerhalb von kurzer Zeit zwei Mal ein so tragisches Erlebnis haben musste, das war vorher in meiner Vorstellungskraft nicht vorhanden“, sagte Reinhard Rauball am späten Dienstagabend. Die Worte des sichtbar schockierten DFB-Interimspräsidenten, wonach der Fußball in Deutschland mit Hannover „in vielen Facetten eine andere Wende bekommen“ habe, sie gelten im Lichte der vergangenen Tage insbesondere für die Nationalmannschaft.

Rauball war wie alle Beteiligten gezeichnet von der Absage des Klassikers in der HDI-Arena wegen einer „konkreten Gefährdungslage“, wie es die Behörden unkonkret ausdrückten. Dass das DFB-Team möglicherweise direkt getroffen werden sollte, dafür immerhin gebe es „keine Anhaltspunkte“, sagte er. Doch beruhigen konnte er damit nur bedingt.

Wie soll es jetzt weitergehen? Wie kann man jetzt noch Fußball spielen? Gibt es nichts Wichtigeres? Diese Fragen, die Löw und seine Spieler sich schon in Paris gestellt hatten, sind nun aktueller denn je. Löw, Teammanager Oliver Bierhoff und die Mannschaft seien „betroffen“ gewesen, als sie auf dem Weg zum Stadion von der Absage erfuhren, berichtete Rauball. Für die Weltmeister war dieses Symbolspiel im Zeichen von Freiheit und Demokratie ohnehin nicht einfach, wie Löw zuvor und auch Rauball noch einmal betonten.

„Wir sind keine Maschinen, sondern Menschen mit Gefühlen“, hatte Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan am Nachmittag erklärt. Am Freitag soll Gündogan, sollen seine Dortmunder Kollegen Mats Hummels und Matthias Ginter in der Bundesliga beim Hamburger SV antreten. Können sie das? Schon Paris sei „keinesfalls an allen Spielern spurlos vorbeigegangen“, berichtete Rauball. Jetzt, nach Hannover, habe er den Eindruck, dass „aufgepasst werden muss und unser Teampsychologe die Dinge in die Hand nehmen könnte“.

Stadion evakuiert: Terrorwarnung in Hannover - Bilder

Hans-Dieter Hermann soll helfen, die Spieler in den Alltag zurückzuführen. Ihnen Ängste zu nehmen. Der DFB will dazu beitragen, trotz allem Normalität zu leben. Wie lange dieser Prozess dauern wird, kann laut Hermann nicht vorhergesagt werden: „Stress- und Bedrohungssituationen werden individuell sehr unterschiedlich verarbeitet“, erklärte der Psychologe: „Denkbar ist durchaus auch, dass Sorgen und Ängste bei einigen erst mit etwas Abstand zu Tage treten.“

Die Spieler seien nach den Vorfällen von Paris grundsätzlich „besorgt, aber nicht paralysiert“ gewesen. Die Erlebnisse bei den beiden Länderspielen könne man nicht vergleichen: „In Paris gab es eine Bedrohung, die fühlbar um uns herum bestanden hat. Die Belastung war viel höher als dies in Hannover der Fall gewesen ist.“

Oliver Bierhoff bekannte zwar, er mache sich mit Blick auf die Reise zur Auslosung der EM-Gruppen am 12. Dezember in Paris „Gedanken“, will aber anreisen: „Wir müssen uns dort zeigen, für unsere Werte einstehen und zeigen, dass das Leben weitergeht.“ Zuvor hatte der Verband am Mittwoch bereits mitgeteilt: „Die Reiseplanungen stehen nach wie vor.“

Und danach? Ende März stehen zum Auftakt des EM-Jahres erneut zwei Klassiker auf dem Programm - in Berlin gegen England, in München gegen Italien. „Was da zu beachten sein wird, wird mit den Sicherheitsbehörden im Vorfeld zu klären sein“, sagte Rauball. Zwischen den Zeilen war deutlich herauszuhören, dass nichts mehr ist, wie es war.

SID

Rubriklistenbild: © dpa

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