Dortmund-Boss im Interview

Watzke erklärt, warum der BVB das Rennen um Hummels verlor

„Holen wir den Pokal, sind 300 000 Menschen auf den Beinen“: BVB-Chef Hans-Joachim Watzke. Foto: firo

Berlin – BVB-Chef Watzke über den Platzhirsch und Dauerrivalen FC Bayern, Titelfanatismus, Klassiker mit Uli Hoeneß und Mats Hummels’ Heimatliebe.

Im Garten des Schloss Grunewald herrscht am Tag vor dem Pokalfinale idyllische Ruhe. Und auch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (56) ist vollkommen entspannt, als er zum Interview auf der Terrasse des Dortmunder Mannschaftshotels Platz nimmt.

Herr Watzke, für wen ist dieser Pokal wichtiger: Für Bayern oder den BVB?

Ein Titel ist immer schön. Auch wenn ich diesen Titel-Fanatismus der meisten Deutschen nicht teile. Heute hast du ja leider das Gefühl, dass du als Zweiter in erster Linie erster Verlierer bist. Als Pokalfinalist hast du bis dahin immerhin 62 andere hinter dir gelassen. Wir können die Saison veredeln, aber wir sind für die Champions League qualifiziert, das war das Wichtigste. Wir spüren viel mehr Chance als Risiko. Der Druck ist bei Bayern sicherlich höher. Auch für sie ist ein Sieg gegen uns etwas Besonderes, dieses Standing haben wir uns erarbeitet. Beide Vereine bewegen sich inzwischen in Sphären, in denen sie nie zuvor waren. Wir sind beide in der Top Ten Europas, da sage ich: Ohne den jeweils anderen wäre das nicht möglich gewesen.

"Wir sind seit sechs Jahren aneinander gebunden"

Wie ist es denn hinter den Kulissen um das Verhältnis der Klubs bestellt?

Es gab diese Phase, in der beide Klubs ihre Rollen finden mussten. Die Bayern waren es seit Jahrzehnten nicht gewohnt, dass ihnen nachhaltig jemand an den Fersen klebt. Jetzt sind wir quasi seit sechs Jahren aneinander gebunden. Da gab es Reibereien, aber beide haben dazugelernt. Ich nehme vieles nicht mehr so persönlich. Die Bayern halten jetzt stärker die Kommunikationswege ein. Beim Transfer von Mats Hummels lief alles korrekt.

Wobei es aber Irritationen um eine Aussage von Uli Hoeneß gab...

Das war der Klassiker (lacht). Ich finde Uli positiv, aber sowas kannst du eben nicht machen. Das weiß er ja selbst. Noch dazu, weil er keine offizielle Position im Verein hat. Ich musste mich dann vor meinen Spieler stellen, das hätte Uli aber im umgekehrten Fall genauso gemacht. Da können Sie sich sicher sein. Es kann schon mal vorkommen, dass ich etwas pointiert formuliere, da hat es jetzt eben ihn mal erwischt.

Hat er Sie angerufen?

Nein, aber wir hatten öfter Kontakt, auch in seiner schweren Zeit. Ich habe das nur nie an die große Glocke gehängt.

Der FC Bayern wird insgesamt kühler wahrgenommen als früher.

Den Vorwurf hören wir ja auch. Der Fan will, dass du Barcelona und Real schlägst, aber deine Freundschaftsspiele im Umkreis von 30 Kilometern machst, am liebsten nur mit Spielern aus deiner Region. Das funktioniert nicht. Die Bayern wecken mit ihrem „Mia san mia“ da natürlich Hoffnungen, die es vielleicht schwer machen, den Spagat zu schaffen. Du kannst aber nicht mehr allein den deutschen Markt pflegen. Das kann Borussia Dortmund auch nicht.

Die Meisterfeier am Rathausbalkon wurde nicht gut angenommen...

Irgendwann erschlägt dich auch der Erfolg. Ich habe schon vor zwei Jahren gesagt: Wenn die Bayern immer Meister werden, kommen bald weniger Menschen auf den Marienplatz. Wenn wir den DFB-Pokal holen, werden am Sonntag 250.000 bis 300.000 Menschen auf den Beinen sein. Aber bei uns ist auch keine Sättigung wie in München eingetreten. Das ist eben der normale Lauf der Dinge, wenn du sehr häufig Titel holst.

"Viele Menschen wollen den Großen straucheln sehen"

Gönnen mehr Deutsche dem BVB den Pokal?

Ich glaube schon. Das hat aber ehrlicherweise mit der Platzhirschrolle des FC Bayern zu tun. Viele Menschen wollen den Großen straucheln sehen. Es ist auch nichts Neues, dass unsere Sympathie- und Polarisierungswerte absolut top sind. Bayern hat dafür in der absoluten Zahl noch mehr Fans.

Ist der BVB die sympathischere Marke?

Vielleicht, weil wir nicht als so erdrückend wahrgenommen werden. Und diese bayerischen Attitüde, mit der die Münchner ihre Marke erfolgreich versehen, wird im Rest der Republik eben mitunter auch mal kritisch gesehen.

Hat sich die Marke BVB unter dem Trainer Thomas Tuchel stark verändert?

Glaube ich nicht. Jürgen Klopp war als Trainer, als Gesicht, als Botschafter sehr wichtig, hatte aber nie einen so großen Einfluss auf die BVB-Geschäfte, wie man von außen offenbar immer vermutet hat.

Es gibt ein legendäres Treffen zwischen Pep Guardiola und Tuchel, bei dem die Taktikfüchse Salz- und Pfefferstreuer wild über den Tisch schoben. Haben Sie Ihren Coach auch schon so erlebt?

Natürlich. Diese beiden, die sind besessen von den Feinheiten, von der Taktik. Sie sind wie Schachspieler (lacht). Vielleicht starten sie im Pokalfinale einen taktischen Überbietungswettbewerb, aber ich glaube, dass in diesem Spiel die Mentalität entscheidet.

Ist Tuchel ein deutscher Pep Guardiola?

Da sind Ähnlichkeiten, sicher. Thomas Tuchel weiß aber auch, dass er im Team arbeiten muss. Er hat keine Allmachtsphantasien, die andere in der Liga – ich meine übrigens nicht Pep Guardiola – schon mal haben können.

Diese Professionalität auf allen Ebenen sieht man ihm auch als Mensch regelrecht an. Man macht sich fast ein bisschen Sorgen.

Braucht man aber nicht. Er isst gar nicht so wenig.

Sie denken sich nicht manchmal: Junge, iss doch mal ne Currywurst?

Nein. Er isst einfach sehr bewusst, er hat schon fast etwas Asketisches an sich. Das finde ich aber gar nicht schlecht. Man muss sich ja auch nicht nach jedem Spiel besaufen.

Kann er genießen?

Da ist vielleicht noch ein bisschen Luft nach oben (lacht).

"Das machen wir unfassbar – aber die Bayern eben auch"

Unter Tuchel ist der BVB der beste Zweite aller Zeiten geworden. Ist man nicht frustriert darüber, dass man so gut ist – und trotzdem nur Zweiter?

Nein, ich sage Ihnen ehrlich: Ich würde mich nur ärgern, wenn Bayern nicht in der Bundesliga wäre. Wenn wir dann Zweiter wären, würde ich sagen, wir haben unser Optimum nicht ausgeschöpft. Aber wenn Bayern pro Jahr 80 bis 100 Millionen Euro mehr für die Mannschaft ausgibt, dann ist das eine große Kluft, die die Erfolgswahrscheinlichkeit viel größer macht. Die einzige Möglichkeit, die du hast, ist zu wachsen, dich zu entwickeln. Das machen wir natürlich unfassbar – aber die Bayern eben auch. Wenn die in den letzten Jahren mal nur eine Schwächeperiode gehabt hätten…

...wäre der BVB da gewesen?

Ja. Aber als wir vor elf Jahren angefangen haben, da hat Borussia Dortmund 75 Millionen Euro Umsatz gemacht. Jetzt machen wir über 300, wahrscheinlich geht das irgendwann mal in Richtung 400. Du hast deinen Umsatz in elf Jahren vervier- oder verfünffacht. Die Bayern brauchten das gar nicht. Die hatten damals 300, haben den Umsatz bis heute nicht mal verdoppelt. Und trotzdem führt das dazu, dass immer noch 200 Millionen Euro dazwischen liegen. Das ist die Crux!

Wann ist denn der BVB mal so weit, dass er an einem Tag – wie die Bayern zuletzt – 70 Millionen Euro in zwei Spieler investiert?

Die Möglichkeit haben wir noch nicht. Wir arbeiten sehr hart daran, dass das auch mal irgendwann der Fall sein wird. Nur habe ich das Gefühl, dass die Bayern dann an einem Tag 150 Millionen Euro ausgeben (lacht).

Sind solche Summen ab nun normal?

Das bereitet mir auch ein bisschen Sorge. Wir haben durch England jetzt Auswüchse, die erschreckend sind. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu weit von der Basis entfernen. Irgendwann haben die Menschen kein Verständnis mehr dafür, was wir machen. Ich bin kein großer Formel-1-Experte. Aber wenn man vor zehn Jahren erlebt hat, was sich in der Formel 1 abgespielt hat und sieht, wie es heute läuft, sollte man nicht den Fehler machen zu glauben, dass alles, was der Fußball unternimmt, immer von allen Menschen gnadenlos durchgewunken wird. Es ist ein Problem, dass jeder englische Klub mittlerweile von irgendeinem Gönner aus Übersee geführt wird. Die bringen da eine ganz andere Kultur rein. Es wird zu viel über Geld geredet – und zu wenig über Fußball.

Der Hummels-Transfer hat Geld gebracht, aber eine große Lücke hinterlassen. Wie kann man sich das vorstellen: Wie wenn man den Bayern ihren Philipp Lahm wegnimmt?

Watzke über BVB-Abgänger Hummels: "Da kommst du nicht gegen an"

Philipp Lahm ist über 30, Mats hat da schon noch ein bisschen länger. Aber auf der anderen Seite ist es einfach so, dass man es akzeptieren muss. Ich habe mit Mats sehr, sehr viele Gespräche geführt, sehr offene Gespräche. Er war oft bei mir zuhause. Fast alle Argumente konnte ich entkräften. Aber das Thema Heimat und Familie – da habe ich gemerkt, dass das das ausschlaggebende Thema für ihn war. Genau deshalb haben wir das Rennen verloren. Da kommst du nicht gegen an. Ich weiß das auch. Ich lebe jetzt seit elf Jahren in Dortmund. Aber Heimat ist für mich da, wo ich geboren bin. Wenn ich da bin, habe ich ein Gefühl, das ich nirgendwo anders habe. Das war der entscheidende Punkt der ohnehin 51:49-Entscheidung.

Er selber hat es sich nicht leicht gemacht. Hatten und haben Sie auch schlaflose Nächte?

Ja. Mats hat wirklich kaum geschlafen. Bei mir war es so ähnlich. Aber jetzt nicht mehr. Ich habe wirklich gekämpft, aber wenn ich sehe, etwas ist zu Ende, dann klammere ich mich da nicht dran.

Hätten Sie als nicht-börsennotierter Verein mit der offiziellen Mitteilung bis nach dem Pokalfinale gewartet?

Nein. Weil ich keiner anderen Seite die Chance hätte geben wollen, das einen Tage vor dem Finale öffentlich zu machen. Da sind wir – wie Sie wissen – ein gebranntes Kind.

Ist dieses Bollwerk Boateng/Hummels überhaupt noch überwindbar?

Jede Abwehrkette ist überwindbar – aber wenn du Manuel Neuer noch dazu hast, dann ist das schon nicht schlecht. Die Bayern definieren sich doch sowieso schon lange nicht mehr über die Liga. Es geht vor allem auch um Europa. Und da gibt es schon ein paar Abwehrketten, die nicht schlechter sind. Aber trotzdem muss man sagen: Für Bayern war es ein total sinnvoller Transfer.

Derzeit ist der Weg BVB – Bayern eine Einbahnstraße. Wird es mal eine, die in beiden Richtungen befahren wird?

Das kann man nie ausschließen. Aber dass wir jetzt den Bayern einen ihrer besten zwei, drei Leistungsträger wegkaufen – das sehe ich nicht in den nächsten Jahren.

Und Mario Götze?

Ich werde dazu jeden Tag befragt (lacht). Ich habe da einen wunderbaren Standardspruch, der noch dazu stimmt: Ich habe noch von niemandem gehört, dass Mario auf dem Markt ist. Von Bayern nicht, von ihm nicht. Er hat einen Vertrag bis 2017. Also stellt sich die Frage für uns gegenwärtig nicht.

Man kann aber als Verein auch entspannt sein, wenn jemand nur noch ein Jahr Vertrag hat. Sie könnten das Modell Robert Lewandowski umdrehen.

Das stimmt theoretisch. Das wird man dann sehen. Komplett ausschließen würde ich das nicht. Aber für jetzt ist es nicht das Thema.

Interview: Hanna Schmalenbach und Andreas Werner

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