Terror in Paris

Ein Jahr danach: Die Tage, die den Fußball veränderten

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Das Spiel ist aus: Nach dem Abpfiff wurden die Tore zum Innenraum geöffnet. Außerhalb der Arena tobte der Terror.

Rimini – Ein Jahr nach dem Terror von Paris und der Spiel-Absage in Hannover: Es wurde nicht alles so schlimm wie befürchtet – die Kontrollen aber nahmen zu.

Sie werden bei der Nationalmannschaft am Sonntag nicht groß daran denken, dass Jahrestag ist. Der 13. November. Zwischen dem Freitagabendspiel in San Marino und dem Testauftritt am Dienstag in Mailand reisen die deutschen Fußballer nach Rom, die ein, zwei Tage, die am Montagvormittag in einer Privataudienz bei Papst Franziskus gipfeln, dürfen sich ein bisschen anfühlen wie Urlaub. Die Themen lauten: Stadtrundfahrt, Mannschaftsabend.

Am 13. November vor einem Jahr war Paris. Die Terrornacht. Eröffnet wurde sie rund ums Stade de France, in dem Frankreich und Deutschland spielten. Um 21.20 Uhr sprengte sich vor Tor D der erste Selbstmordattentäter in die Luft, er nimmt einen Busfahrer mit, mehr als zwanzig Menschen, überwiegend vom Security-Dienst, werden verletzt. Drinnen hörte man einen Knall, konnte ihn aber nicht definieren. Die Aufzeichnung zeigt, wie der Franzose Patrice Evra, der gerade den Ball führt, erstaunt aufblickt. Eine Reflexhandlung. Um 21.30 Uhr und 21.53 Uhr folgen weitere Explosionen, die Nachrichtenlage von Terroranschlägen verdichtet sich. Es geht auch in der Stadt los, in Restaurants wie dem „Petit Cambodge“, im Bataclan-Theater.

Attentäter hatten vorgehabt, ins Stadion einzudringen

Das Fußballspiel wird zu Ende gebracht, die Mannschaften müssen bis zum Morgen in der Kabine bleiben. Sie erfahren, dass es auch für sie gefährlich war: Die Attentäter hatten eigentlich vorgehabt, ins Stadion einzudringen. Es scheiterte daran, dass sie keine Tickets hatten und Ordner aufmerksam waren. Einer von ihnen, Salim Toorabally, Muslim, gebürtig aus Mauritius, erster Arbeitstag im Stade de France, versperrte dem ersten Attentäter Bilal Hadfi, 20, einem IS-Kämpfer, wie sich nachträglich herausstellte, den Weg. Toorabaly wurde zum Helden, er traf Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande.

Der Fußball-Schauplatz kam mit einem Todesopfer, dem Busfahrer, glimpflich davon, trotzdem wurde dem System in der Nacht von Paris seine Anfälligkeit bewusst. Schaden in einem Stadion und bei einem Spiel zu verursachen, erzielt die größtmögliche Aufmerksamkeit. Nirgendwo sonst erwischt man so viele Leute auf einem Haufen – und sie denken nicht an das Böse, bis zur Sekunde, in der es sie ereilt.

Der DFB hat in der Nacht von Paris zusammen mit den Sicherheitsbehörden überlegt, wie er die Spieler am besten aus dem Stade de France bringt. Die naheliegende Möglichkeit wurde als erste verworfen: mit dem Mannschaftsbus. Es war jetzt nicht mehr etwas, vor dem man respektvoll zurückweicht, sondern eine Zielscheibe.

Bombenalarm vor dem Spiel im deutschen Hotel

Die Mannschaft hatte schon um die Mittagszeit einen Bombenalarm in ihrem Hotel am anderen Ende der Stadt gehabt. Das Haus wurde evakuiert, die Spieler besichtigten in dieser Zeit die nahe Tennisanlage Roland Garros. Ob der Alarm eine Rolle spielte in der Terror-Orchestrierung dieses Freitags, 13. November 2015, oder ob er eigenständiges Ereignis war, ist bis heute nicht geklärt. Die Mannschaft hatte nach dem 13. November jedenfalls genug von Ausnahmezuständen und war nicht erpicht darauf, vier Tage später in Hannover schon wieder zu spielen (gegen die Niederlande). Doch weil die Equipe der terrorgeschädigten Nation Frankreich zum lange vereinbarten Spiel gegen England in Wembley antrat, konnte sich der DFB der Wir-lassen-und-nicht-unterkriegen-Symbolik nicht verschließen.

Doch auch Hannover wurde gespenstisch. Nervosität den ganzen Tag über in der Stadt, ständig hörte man Sirenen. Um Viertel nach sieben, eineinhalb Stunden vor dem geplanten Anpfiff, wurde die Partie abgesagt. Ob die Informationslage eine handfeste war oder die Behörden übervorsichtig reagierten, blieb ungeklärt. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere sprach in der spätabendlichen Pressekonferenz den denkwürdig-verstörenden Satz, dass die Öffentlichkeit besser nicht Bescheid wissen solle. was alles an Informatioen und Warnungen vorliege – so lebe sie ruhiger.

Der deutsche Fußball war paralysiert nach Paris und Hannover, dennoch sollte der nächste Bundesliga-Spieltag nicht ausfallen. Mit ihm setzten allerdings gravierende Veränderungen an den Einlässen ein. Zwar gibt es keine Nacktscanner (nur im März 2016 beim Länderspiel gegen England in Berlin wurden welche eingesetzt – zur Kontrolle von Journalisten), aber die Ordner schauen in jede Tasche. Auch bei den VIP-Eingängen. Und auch bei anderen Sportarten wie dem Eishockey.

Oktoberfest, Hallen, Stadien - die Kontrollen nahmen zu

Vom Münchner Oktoberfest haben manche Stadionbetreiber die Losung übernommen, dass eine Tasche, die ins Stadion mit rein soll, nicht größer als das Format DIN A4 sein möge. Weiterer Anhaltspunkt: Mehr als drei Milchtüten dürften nicht Platz finden. Auch von der „no bag policy“ war die Rede – ohne Tasche oder Rucksack zu kommen. Verkürzt Kontrollzeit und Warteschlangen. Es wird nun auch genauer abgetastet. Der Griff um die Hüfte ist jetzt Standard: checken, ob jemand einen Sprengstoffgürtel trägt.

Die Zuschauer haben sich daran gewöhnt, dass es nicht mehr so schnell geht an den Stadiontoren wie früher. Die Spieler schalteten schnell wieder auf Normalbetrieb um, auf den Tunnelblick auf die eigene Leistung. Die Stars der Branche wie die Nationalspieler müssen jedoch in Kauf nehmen, dass sie vom Sicherheitspersonal umgeben sind.

Bei der EM in Frankreich wurde das seit 2004 bestehende Security-Team des DFB erweitert mit gut geschulten Beamten des Bundeskriminalamts. Wenn die Spieler ihr abgesichertes Quartier verließen, um zum Schwimmbad oder in den Supermarkt zu gehen, waren immer Bodyguards mit dabei. Und wenn man am Sonntag durch Rom fährt, wird es auch eine Hochsicherheitsveranstaltung sein.

Über eventuelles Unbehagen sprechen die Spieler so gut wie nicht. Sie sagen, sie vertrauen denen, die für ihre Sicherheit zuständig sind. Für sie zählt, was auf dem Platz ist- Dort, wohin der Terror noch nicht vorgedrungen ist.

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